Mein unsichtbarer Freund: „Das war ich nicht – das war der Drache!“ von Jodi Moore und Howard McWilliam

Dieses Buch ist so lang wie breit und ganz schön abwechs­lungs­reich: Die Doppelseiten sind immer unter­schied­lich auf­ge­teilt, mal ist auf ihnen nur eine Szene dar­ge­stellt, mal drei, mal sechs. Die Bilder wir­ken fil­misch – das Äußere der Menschen, ihre Mimik, die Darstellung von Bewegung, das Mattzeichnen des Hintergrunds … Und das namen­lo­se Knäbchen, das wir durch die Seiten beglei­ten, hat auch ein ordent­li­ches Tempo drauf.

Mit sei­ner Familie ver­bringt der Junge einen Tag am Strand und baut natür­lich eine über­aus genia­le Sandburg. Wie gut, denn: „Wenn du eine tol­le Sandburg baust, kommt ganz sicher ein Drache und zieht ein“. Hier ist es ein äußerst coo­ler Drache, rot und groß, mit gelb­li­chen Kulleraugen und einem klei­nen brau­nen Koffer – auf dem Aufkleber sind, unter ande­rem von der „Route 66“. Dieser Drache sieht erstaun­li­cher­wei­se auf kei­nem Bild auch nur ein klit­ze­klei­nes biss­chen bedroh­lich aus, er hat nicht den bösen, son­dern den lie­ben Blick. Aber er hat es auch faust­dick hin­ter den Ohren, und so haben der Junge und er einen herr­li­chen Tag: Sie spie­len, schwim­men, ver­trei­ben älte­re Jungs, die am Strand her­um­zie­hen und klei­nen Kindern die Sandburgen kaputt­ma­chen, sie bra­ten Marshmallows …

Mit so einem Superdrachen, einem genia­len Freund, will man natür­lich ein wenig ange­ben, und so lässt der Junge den Drachen laut brül­len, zeigt eine Drachenfeder und die schar­fen Zähne – doch Mutter, Vater und gro­ße Schwester hören und sehen kei­nen Drachen. Als dann die beleg­ten Brote ver­schwin­den, der Schokoladenkuchen ange­knab­bert ist und die Schwester mit Sand voll­ge­schmis­sen wird, meint unser Held: „Das war ich nicht – das war der Drache!“ Ganz recht hat er damit zwar nicht, denn die Buchanschauer sehen ja, dass die bei­den, der Junge und der Drache, alles zusam­men machen: fut­tern und stän­kern.

Es ist also die alte Geschichte vom unsicht­ba­ren Freund, doch die­se ist – gera­de von den Bildern her – wun­der­bar frisch umge­setzt. Meist spie­gelt der Drache den Gesichtsausdruck des Jungen, von aus­ge­las­sen-fröh­lich über frech bis zer­knirscht. Und für die, die es gern ratio­nal haben, gibt es immer noch eine garan­tiert dra­chen­lo­se Lesart: die Drachenfeder ist eine Möwenfeder, die sand­bur­gen­räu­be­ri­schen Jungs flüch­ten vor dem Drachen und/oder vor dem Vater des Jungen, der ihnen mit der Grillzange droht, die Schwester sieht kei­ne Drachenzähne, son­dern nur zer­bro­che­ne Muscheln, die ja auch weiß und scharf­kan­tig sind.

Am Schluss haben Mutter, Vater und Schwester genug von dem „Drachenzeug“, und der Junge stimmt ihnen zu – der Drache muss aus­zie­hen, die Sandburg wird zer­stört, und das ist doch kein schö­nes Ende für solch ein Buch, nicht wahr? Also blät­tern wir um zur letz­ten Seite und da gibt es ja einen neu­en Tag und wer kommt da, ist das nicht …?

„Das war ich nicht – das war der Drache!“ ist ein Buch, das vor Lebendigkeit sprüht, ein­fach schön für Kinder ab fünf Jahren. Und was ich noch sagen woll­te: Es besteht die Gefahr, dass Eltern, wenn das Kind für­der­hin „Das war ich nicht!“ sagt, mit „Ach, klar, das warst nicht du, das war der Drache!“ ant­wor­ten. Hahaha …

Das war ich nicht – das war der Drache!
von Jodi Moore
illus­triert von Howard McWilliam
Lappan Verlag 2012
40 Seiten
ISBN: 978-3-8303-1188-1
12,95 Euro

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