Herr Ansprechpartner

Schaut die Pakete und Päckchen genau an, die ihr bekommt, manch­mal lohnt es sich. Mein Lesefreunde-Paket mit den drei­ßig Hacke-Büchern hol­te ich vor zwei Wochen in der Stadtbibliothek ab. „Stadtbibliothek“ stand auch auf dem  Adressaufkleber, dar­über jedoch noch: „Herr Ansprechpartner“. Der hat bei die­ser Aktion bestimmt vie­le Pakete bekommen …

Ankommen in einem fremden Land: „Mit Salome sind wir komplett“ von Jana Frey

„Mit Salome sind wir kom­plett“ spielt zur Hälfte in Äthiopien und zur Hälfte in Deutschland. Man lernt Salome also schon ken­nen, bevor sie als Adoptivkind nach Deutschland kommt. Salome ist acht Jahre alt, sie lebt in einem Kinderheim in der Nähe von Addis Abeba. Wer ihre Eltern sind, weiß nie­mand, sie wur­de als Neugeborenes in Plastikfolie ein­ge­wi­ckelt bei einer Kirche gefun­den und ins Heim gege­ben. Dort hat sie zwar Hiwot, die kocht und die Kinder bemut­tert, wenn sie krank sind, sie hat ihren Freund Elias und eine klei­ne Ziege, Nuug. Doch eine Familie hat sie nicht.

In Deutschland hat Salome mit einem Mal Eltern – Ulli und Tobias –, einen neu­en Bruder, den zehn­jäh­ri­gen Jonathan, und eine Oma, „die Piekfeine“. Die Menschen sind ihr fremd, die Sprache ist ihr fremd, das Essen ist ihr fremd, das Wetter ist ihr fremd. So ver­stummt Salome und isst kaum noch. Doch es wird wie­der. Ihre neu­en Eltern brin­gen ihr gro­ße Zuneigung ent­ge­gen. Ihr neu­er Bruder lehnt sie erst ab (er hät­te lie­ber einen Irischen Wolfshund gehabt), dann rap­peln sie sich aber zusam­men. Als Salome aus­reißt, trifft sie auf den Ewig Summenden, Mamdi, der aus der Elfenbeinküste stammt. Er wird Teil der Familie und hilft Salome, im neu­en Land hei­misch zu werden.

Die Autorin, Jana Frey, hat ein gutes Händchen für Details und ein gutes Gefühl für Sprache. Sie zeigt Menschen: Hiwot, die lie­be­vol­le Distanz zu den Heimkindern wahrt und weint, wenn Babys, die neu ins Heim gekom­men sind, ster­ben. Die gelähm­te Naima, die im Heim Märchen erzählt und den Mädchen die Haar flicht. Monsignore Barnabas, den Salome „Kindereinsammler“ nennt, weil er für die Heimkinder Adoptiveltern fin­det und sie dann aus dem Heim weg­ge­hen. Salomes Fast-Freundin Sanou, deren Brüder gestor­ben sind, deren Mutter weg­ge­lau­fen ist und deren Vater sie ver­prü­gelt hat. Das ist manch­mal har­ter Tobak. Aber das steht nicht im Mittelpunkt (denn der Mittelpunkt ist Salome), das läuft so mit. Und Jana Frey erzählt es aus Salomes Perspektive, für die die­ses Leben und sol­che Lebensgeschichten Alltag sind. Sie erzählt es so, dass es für Kinder ab neun Jahren genau rich­tig ist. Und im Grunde ist das Buch so warm und son­nig wie das wun­der­schö­ne Cover: Es ist eine hoff­nungs­vol­le Geschichte mit einem über­ra­schen­den und glück­li­chen Ende.

Salome kommt sehr echt und lie­bens­wert rüber. Es wird nicht nur aus ihrer Perspektive erzählt, son­dern auch aus der ihres Adoptivbruders Jonathan – nicht aber aus Sicht der Erwachsenen. So gibt es nichts zu lesen über Adoptionsformalitäten, dar­über, wie Tobias und Ulli zu Salome kamen und wie sie die ers­te Zeit mit ihr erle­ben. Die Autorin kon­zen­triert sich im Buch auf Abschied und Ankommen, wes­we­gen die Geschichte nur im äthio­pi­schen Kinderheim und im Haus der Adoptiveltern spielt, in einem geschütz­ten Raum. Erst als Salome sich lang­sam sicher fühlt in ihrer Adoptivfamilie und in ihrem neu­en Zuhause, wagt sie sich nach drau­ßen – in eine Kunsthalle, was natür­lich kein Zufall ist.

Die Kapitelnummern im Buch ste­hen immer auf deutsch und auf amha­risch – Salomes Sprache – da, also „Eins“ und „And“, „Zwei“ und „Hulät“ usw. Und das ist bezeich­nend für das Buch. Denn Salomes Leben beginnt nicht erst in ihrer deut­schen Familie. „Vergiss nicht, Salome, Afrika ist in dir drin. In dei­nem Herzen. Für immer“, sagt Mamdi jedes Mal, wenn er sich von Salome ver­ab­schie­det. Und so ist es. „Mit Salome sind wir kom­plett“ ist ein sehr schö­nes Buch. Für Leute ab neun Jahren und nicht nur, wenn sie auf irgend­ei­ne Weise etwas mit Adoption zu tun haben.

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Mit Salome sind wir komplett
von Jana Frey
illus­triert von Dagmar Henze
Ueberreuter 2012
136 Seiten
ISBN: 978–3‑8000–5587‑6
ab 9 Jahren
9,95 Euro

Als der Akzent abhaute und dann sehen musste, wo er blieb

Es war ein­mal ein Wort, das nahm jeder gern in den Mund: Café. Kurz und bün­dig, aber wohl­klin­gend. Und ver­hei­ßungs­voll. Das Wort war nicht nur in aller Munde, es war auch über­all zu lesen: auf Schildern, an Wänden, in Zeitungen, in Menükarten. Und so weiter.

Oft dach­ten die Leute, die das Wort „Café“ schrie­ben, nicht an den Akzent. Da stand dann Cafe, manch­mal auch Kaffee (obwohl das ja nur für das Getränk gilt, eigent­lich). Der Akzent fand das ziem­lich beschei­den, schließ­lich gehör­te er zu Café und soll­te bit­te­schön nicht ein­fach schnö­de weg­ge­las­sen oder ver­ges­sen wer­den! Eines Tages hat­te der Akzent so rich­tig die Nase voll und such­te das Weite. Er schau­te sich nach einem neu­en Wort um. Manche woll­ten sich auch auf ihn ein­las­sen, aber nir­gend­wo pass­te es rich­tig, die alte Geschichte vom Topf und sei­nem Deckel.

Der Akzent pro­bier­te unter ande­rem die­se Wörter aus: Mamá, hál­lo, Wassér, Lampé. Wie gesagt, glück­lich wur­de er bei kei­nem, und obwohl man­che Menschen ihn mit­spra­chen, schrieb ihn doch kei­ner dazu. Das war noch schlim­mer als bei „Café“, da hat­te man ihn doch meis­tens gesetzt, den Akzent. Er fühl­te sich schreck­lich hei­mat­los und ver­las­sen und kehr­te reu­mü­tig zum Cafe zurück. Das Cafe hat­te sich in der Zwischenzeit aber dar­an gewöhnt, ohne Akzent zu sein. Und – man muss es so sagen, wie es war: Als der Akzent wie­der da war, schmoll­te das Cafe noch eine gan­ze Weile und woll­te ihn nicht mehr haben. Aus die­ser Zeit stammt das Foto unten: Der Akzent stand neben dem Cafe und durf­te noch nicht über das „e“.

Doch das Café war nicht all­zu nach­tra­gend: Irgendwann durf­te der Akzent wie­der an die Stelle, an die er gehör­te. Der Akzent war glück­lich und nahm es zukünf­tig locker, wenn ihn jemand vergaß …

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