„Das alte Ägypten“ von Mirko Drotschmann, Sabine Klauser und Kristina Kister

Das Buch ist ein Hingucker. Erst mal ist es ziem­lich groß, etwa acht­und­zwan­zig mal vier­und­drei­ßig Zentimeter. Das Cover ist in einem sat­ten Grünton gehal­ten, der zur Mitte hin hel­ler wird und dort einen Wirbel, eine Art Spiraltunnel bil­det – eine Einladung zu einer Reise in eine ande­re Zeit. Wohin es geht, zeigt die präch­ti­ge gol­de­ne Totenmaske des Tutanchamun, die alle Blicke auf sich zie­hen dürf­te. Sie sieht fas­zi­nie­rend aus und das Beste ist: Man kann sie rich­tig anfas­sen. Sie ist erha­ben wie ein Relief, die ein­zel­nen Details sind von­ein­an­der abge­setzt, tre­ten unter­schied­lich stark her­vor, man kann die Rippen des Nemes-Kopftuchs spü­ren, die könig­li­chen Insignien Schlange und Geier auf der Stirn, die Strukturen des Gesichts.

Anfassen ist auch im Buch erwünscht bezie­hungs­wei­se sogar nötig, wenn man alle Bilder und Texte mit­neh­men will. Die Aufklappeffekte sind ver­schie­den gestal­tet, mal erstreckt sich die Klappe über eine kom­plet­te Seite, mal sind auf einer Doppelseite zwei gro­ße Klappen, mal meh­re­re in viel­fäl­ti­gen Formen und Größen. Es gibt simp­le Klappen und klei­ne, wie­der­keh­ren­de, die sich wie eine Blüte ent­fal­ten, auch wel­che, die wie ein Flyer sind, mit je fünf bedruck­ten Blättern. Die Klappen öff­nen sich nach oben, nach unten, links oder rechts. Für Abwechslung ist in der Hinsicht also gesorgt.

Zehn Doppelseiten hat das Buch, auf jeder steht ein bestimm­tes Thema im Mittelpunkt, von „Am Anfang war der Nil“ über „Die Welt der Pharaonen“ bis „Die gro­ßen Erfindungen der Ägypter“. Auf sie­ben Doppelseiten tut sich eine Szene pas­send zum jewei­li­gen Thema auf, eine Momentaufnahme aus dem Leben damals. Man kann die­se groß­flä­chi­gen Illustrationen, die­se Panoramen ein­fach betrach­ten, die Details und Farben genie­ßen. Oder man macht sie zur Kulisse und begibt sich auf eine Reise in die­se Zeit, in die­sen Moment. Auf den Panoramabildern ist der Text eher zurück­hal­tend plat­ziert, die Klappen sind orga­nisch inte­griert. Teils muss man erst auf der Seite füh­len, um die Klappen zu fin­den. Sie las­sen sich pro­blem­los öff­nen und wir­ken recht sta­bil. Die drei rest­li­chen Doppelseiten haben klei­ne­re Illustrationen, der Fokus liegt auf der Faktenpräsentation.

Sowohl die Illustrationen als auch die Texte sind mei­nes Erachtens stim­mig für Kinder ab sie­ben Jahren. Die Schrift ist rela­tiv klein, wer erst mit dem Lesen ange­fan­gen hat und grö­ße­re Buchstaben und kur­ze Sätze gewohnt ist, kann sich vor­le­sen las­sen. Das Buch ist auch was für älte­re Kinder und Erwachsene, wegen sei­ner wer­ti­gen Aufmachung und der Fülle an Wissen, das ange­nehm por­tio­niert ist und span­nend rüber­ge­bracht wird. Es dürf­te kei­ne leich­te Aufgabe gewe­sen sein, die Fakten zu den ein­zel­nen Themen aus­zu­wäh­len und  auf den Punkt zu brin­gen – immer­hin geht es um eine viel­fäl­ti­ge, rei­che Hochkultur, die 3000 Jahre umfass­te. Bei Fragen, die nach wie vor offen sind, etwa wie Pyramiden genau errich­tet wur­den, wird der aktu­el­le Stand der Forschung genannt. Auch rund um Tutanchamun sind dem­nach vie­le Rätsel noch unge­löst, was das Ganze für Kinder ja durch­aus inter­es­san­ter machen kann, als es schon ist. Die Botschaft lau­tet: Selbst heu­te ist nicht alles erforscht und lässt sich Neues entdecken.

Mit Prof. Dr. Tarek Tawfik hat das Buch einen Fachberater aus Ägypten. Er ist Professor für Ägyptologie an der Universität Kairo, Präsident des Internationalen Ägyptologenverbands und frü­he­rer Generaldirektor des Grand Egyptian Museum Project. Er hat an der Universität Bonn pro­mo­viert und war in der ZDF-Sendung „Terra X“ zu sehen, für die Mirko Drotschmann mode­riert und Sabine Klauser Drehbücher ver­fasst. Somit soll­ten Texte und Illustrationen sach­lich kor­rekt und up to date sein, was ein wei­te­rer Pluspunkt ist oder: das Tüpfelchen auf dem i.

Das alte Ägypten
Text: Mirko Drotschmann und Sabine Klauser
Illustrationen: Kristina Kister
Fachberater: Prof. Dr. Tarek Tawfik
22 Seiten
ab 7 Jahren
2026 ars edition
ISBN 978–3‑8458–6305‑4
30 Euro

„Warum so eilig?“ von Yiting Lee

Beim Teetrinken am Nachmittag sagt die Schildkröte wie schon häu­fig zuvor, dass sie „eines Tages“ auf den Berg klet­tern will, der zwar zu sehen, aber weit weg ist. Ihr Freund, der Hase, schlägt vor: mor­gen. Die Schildkröte stimmt zu und am nächs­ten Tag steht der Hase früh vor der Tür. Bis es los­geht, dau­ert es aller­dings, die Schildkröte erle­digt noch diver­se Dinge wie Wäsche auf­hän­gen, Blumen gie­ßen, Bücherregal auf­räu­men und Fenster put­zen – schließ­lich platzt dem Hasen der Kragen und sie zie­hen los, der Hase mit einem win­zi­gen Rucksack, die Schildkröte mit gro­ßem Gepäck.

An einem brei­ten Fluss, einer Wegkreuzung mit kaput­tem Wegweiser und vor einem wil­den, dschun­gel­ar­ti­gen Gebüsch weiß der Hase nicht wei­ter, doch die Schildkröte hat für alles eine Lösung parat und die nöti­ge Ausrüstung dabei. Als sie auf dem Gipfel ankom­men, ist die Freude bei bei­den groß. Proviant hat die Schildkröte natür­lich auch mit­ge­nom­men, zum Glück für den Hasen, dem der Magen knurrt …

Schildkröte und Hase sind dem­nach ziem­lich ver­schie­den, das Mantra der Schildkröte ist „Warum so eilig?“ und „Moment, Sekunde noch“, der Hase will am liebs­ten immer sofort los­le­gen. Das ergänzt sich gut, ohne den Hasen käme die Schildkröte wohl nicht ins Tun, und ohne die Schildkröte wäre der Hase öfter auf­ge­schmis­sen. Offensichtlich haben die bei­den Spaß mit­ein­an­der, ihre Freundschaft ver­kraf­tet auch mal einen Krach und zusam­men meis­tern sie Abenteuer.

Das Buch ist für Kinder ab drei Jahren, pas­send dazu kommt die Geschichte mit wenig Text aus, viel wird mit den Bildern gesagt. Diese erstre­cken sich mal kom­plett oder in Panels über eine Seite, mal über eine Doppelseite. Die Illustrationen sind ein­fach gehal­ten, was Formen und Farben betrifft, eine Aufgeräumtheit und Grundruhe, die zum Entdecken von Details und zum aus­gie­bi­gen Anschauen ein­lädt, etwa in der Küche der Schildkröte oder der Landschaft am Fuße des Berges. Das Flusswasser mit sei­nen Farbverläufen und Wellenlinien hat etwas Hypnotisches, auf mehr als einer Seite lässt es sich bestaunen.

Die Frage „Warum so eilig?“ neh­men viel­leicht eher die erwach­se­nen Vorleserinnen und Vorleser mit, genug Situationen im täg­li­chen Leben gibt es auf jeden Fall, ganz klas­sisch zum Beispiel, wenn man im Supermarkt die lang­sams­te Kasse erwischt hat und sich ärgert, dass es nicht vor­an­geht. Warum eigent­lich? Die paar Minuten …

Yiting Lee: Warum so eilig?
Originaltitel: What’s the Rush?
Aus dem Englischen von Bernd Stratthaus
Lektorat: Anna Wiesner
40 Seiten
ab 3 Jahren
2026 Edition Nilpferd
ISBN 978–3‑7074–5334‑8
17 Euro

„Der kleine Roboter und der lange Weg nach Hause“ von Joe Todd-Stanton

Das Buch scheint in einer nahen Zukunft zu spie­len, die Menschen und ihre städ­ti­sche Umgebung wir­ken ver­traut und gleich­zei­tig einen Tick anders, es ist eine eher kar­ge Welt mit gedeck­ten Farben. Ein Hinweis auf eine Zukunft ist, dass Roboter jeg­li­cher Form und Funktion sich ganz selbst­ver­ständ­lich zwi­schen den Menschen bewegen.

Um einen die­ser Roboter dreht sich die Geschichte. Der klei­ne Roboter wacht auf einer Mülldeponie am Rande der Stadt auf, zwi­schen gigan­ti­schen Müllbergen. Er ist kaputt, ihm feh­len Teile und er weiß nicht, wie er an die­sem Ort gelan­det ist. Als er los­läuft, erin­nert er sich all­mäh­lich: dass er ein Geschenk für einen Jungen war und als des­sen bes­ter Freund zur Familie gehör­te. Er sucht und fin­det das Haus des Jungen, sieht, dass er durch einen neu­en Roboter ersetzt wur­de. Daraufhin kehrt er zur Mülldeponie zurück und schläft dort, bis ein Mädchen ihn ent­deckt. Sie und ihre Mutter sam­meln auf der Deponie kaput­te Dinge, um sie zu repa­rie­ren. Sie neh­men den Roboter mit und machen ihn wie­der ganz.

Der Roboter vor und nach der Reparatur ist auf dem Cover des Buchs zu sehen, oben kaputt und grau mit der Mülldeponie im Hintergrund, unten bunt und lächelnd, umge­ben von Bäumen. Mutter und Tochter woh­nen weit von der Stadt ent­fernt, mit­ten in der Natur, super­idyl­lisch zwi­schen See, Wald und Bergen, ihr Haus wirkt gemüt­lich und leben­dig. Die Stadt distan­ziert, die Natur ein­la­dend, ein gro­ßer Kontrast.

Der Text und die Illustrationen sind von Joe Todd-Stanton. Es ist wenig Text, auf den Punkt gebracht, der eine orga­ni­sche Einheit mit den Bildern bil­det, sie brau­chen und ergän­zen ein­an­der. Die Bilder erstre­cken sich oft über eine Seite, sel­ten über eine Doppelseite, manch­mal sind auf einer Seite meh­re­re, klar abge­grenz­te Panels. Auch die inne­ren Umschlagseiten sind illus­triert, es sind sogar jeweils drei, die gleich­falls das Vorher und das Nachher zeigen.

Die Bilder ver­mit­teln eine Grundruhe, eine ange­neh­me Art von Aufgeräumtheit. Dabei sind sie detail­reich und laden zum genaue­ren Hinschauen ein. So tau­chen etwa Mutter und Tochter bereits ein­mal weit vor­ne im Buch auf. Auf zwei Doppelseiten am Anfang wür­de die Müllhalde im Mittelpunkt ste­hen, ihre tris­te, braun­tö­ni­ge Monotonie und schie­re Masse, wenn nicht der klei­ne Roboter in Simultandarstellung durchs Bild lie­fe, mehr­mals nach­ein­an­der auf sei­nem Weg nach drau­ßen. Betrachtet man die ein­zel­nen Momentaufnahmen, wird ersicht­lich, wie mensch­lich der Roboter ist, er hat was von einem klei­nen Kind, ein wenig tap­sig, liebenswürdig.

Es geht also im Kern um Müll und Gefühle. Ohne dass es irgend­wo expli­zit gesagt wird, ist klar: Erstens, Müll ist ein Riesenproblem. Zweitens, Müll ent­steht etwa, wenn Dinge „ein­fach so“ durch neue, ver­meint­lich bes­se­re ersetzt wer­den. Und drit­tens, kaput­te Dinge las­sen sich repa­rie­ren. Dass das „Ding“ in die­sem Fall ein klei­ner Roboter ist, der einen Charakter und Gefühle hat, die man ihm deut­lich ansieht, lädt die Geschichte emo­tio­nal auf, weckt Mitgefühl und Interesse. Dazu kommt, dass es schon Kindergartenkindern und erst recht den erwach­se­nen Vorleserinnen und Vorlesern selbst pas­siert sein kann, dass sie von Verwandten, Bekannten, Freundinnen und Freunden „abge­legt“, „aus­sor­tiert“ und durch ande­re ersetzt wur­den. Es ist somit tröst­lich und ermu­ti­gend, dass es für den klei­nen Roboter ein Happy End gibt, sich die Mutter und die Tochter an sei­nem Tiefpunkt für ihn ent­schie­den haben und er mit ihnen eine neue Familie bekom­men hat.

Dieses Buch ist eine Einladung für Kinder wie für Erwachsene, sich auf eine ein­fa­che, dabei viel­schich­ti­ge Geschichte und wun­der­ba­re Zeichnungen ein­zu­las­sen. Und zu schau­en, was man damit anfan­gen kann, für sich und die Welt, in der wir leben.

Joe Todd-Stanton: Der klei­ne Roboter und der lan­ge Weg nach Hause
Originaltitel: The Lost Robot
Aus dem Englischen von Bernd Stratthaus
Lektorat: Kim Laura Franzke
48 Seiten
ab 4 Jahren
2026 annet­te betz
ISBN 978–3‑219–12117‑9
16 Euro