„Der Ballkönig“ von Chris Becker und Dan Taylor

„Der Ballkönig“ basiert auf dem Märchen vom Aschenputtel. Wenn man ein­mal anfängt, dar­über zu lesen, kann man damit wirk­lich viel Zeit ver­brin­gen. In Deutschland kennt man „Aschenputtel“ aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Aschenputtel hat eine Stiefmutter, zwei Stiefschwestern, geht drei Mal auf den Ball, die Kleider dafür lie­fert ein wei­ßer Vogel aus einem Haselstrauch, der Schuh passt nur ihr und am Ende hei­ra­tet sie den Prinzen. Wie so oft bei den Brüdern Grimm ist das Märchen stel­len­wei­se ziem­lich bru­tal, so hacken sich die Stiefschwestern einen Zeh bzw. die Ferse ab, damit der Fuß in den Schuh passt, das Blut quillt her­aus. Genauso bekannt oder viel­leicht bekann­ter ist der tsche­chisch-deut­sche Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ von 1973. Aschenbrödel begeg­net dem Prinzen drei Mal in ver­schie­de­nen Situationen, die pas­sen­de Kleidung dafür fällt aus drei Haselnüssen und schluss­end­lich kommt sie mit dem Prinzen zusammen.

Älter als das Grimm’sche „Aschenputtel“ ist die fran­zö­si­sche Variante „Cendrillon“ von Charles Perrault. Hier gibt es eine Fee, die Aschenputtel aka Cendrillon hilft und etwa aus einem Kürbis eine Kutsche zau­bert. Diese zwei Motive hat Disneys Zeichentrickfilm „Cinderella“ von 1950 auf­ge­grif­fen. Der Stoff ist äußerst beliebt, es exis­tie­ren unzäh­li­ge Versionen davon. Gemeinsam dürf­te allen sein, dass eine arme, unter­drück­te Person mit mehr oder weni­ger Glück, Magie und Eigeninitiative in eine pri­vi­le­gier­te Position auf­steigt und glück­lich wird, gern mit dem „Märchenprinzen“.

„Der Ballkönig“ ori­en­tiert sich an „Cinderella“, die gute Fee ist hier ein „magi­scher Elfmeterich“ mit Trillerpfeife, das Ballkleid ein Fußballtrikot und der Ball im Schloss ein Fußballturnier. Aschenputtel bzw. Cinderella ist ein klei­ner fuß­ball­be­geis­ter­ter Junge namens Leo, der in einem ver­traut wir­ken­den Jetzt lebt, in dem Magie mög­lich ist. Leo muss alle Hausarbeit machen, von put­zen bis Wäsche waschen, sei­ne zwei Brüder spie­len wäh­rend­des­sen die gan­ze Zeit Fußball. Als eine Einladung aus dem Schloss zum Fußballturnier des Prinzen kommt, will Leo unbe­dingt hin. Kann aber nicht, da zu viel Hausarbeit zu erle­di­gen ist. Natürlich klappt es trotz­dem mit dem Turnier, Leo lie­fert und ver­schwin­det schnell, als sich die magi­schen Dinge zurück­ver­wan­deln. Einen Fußballschuh hat er aller­dings beim Torschießen ver­lo­ren … Findet der Prinz mit­hil­fe des Schuhs den Superspieler, damit er auch in Zukunft in sei­ner Mannschaft mitspielt?

Das Buch misst rund acht­und­zwan­zig mal acht­und­zwan­zig Zentimeter, ein rela­tiv gro­ßes, aber noch hand­li­ches Format. Mal geht eine Zeichnung über eine Doppelseite, mal sind meh­re­re Panels auf einer Seite. Letzteres ist gera­de beim Fußballturnier per­fekt, um Bewegung und Action rein­zu­brin­gen. Die Bilder sind abwechs­lungs­reich, es gibt viel zu ent­de­cken. Sie haben eine ange­neh­me Grundruhe, unter ande­rem durch die zwar bun­te, jedoch etwas gedeck­te Farbgebung. Tiere kom­men vor, auch wenn sie kei­ne magi­sche Rolle spie­len und nicht spre­chen kön­nen. Eine nied­li­che Katze oder ein knuf­fi­ger Hund sind in etli­chen Bildern und kön­nen beim Vorlesen oder Selbstangucken des Buches gesucht wer­den. Das Fußballmärchen kon­zen­triert sich auf die Kinder, die ein­zi­gen zwei Erwachsenen sind die Schiedsrichterin und der magi­sche Elfmeterich, Leos Eltern bei­spiels­wei­se tau­chen nicht auf. In der Rahmenhandlung ist aller­dings Leo selbst erwach­sen, er erzählt sein als Kind erleb­tes Fußballmärchen sei­nem Sohn als Einschlafgeschichte. Und Papa Nummer zwei sagt spä­ter auch noch gute Nacht …

„Der Ballkönig“ ist aus dem Englischen über­setzt, der Originaltitel lau­tet „The Perfect Match“. Beide Titel fin­de ich super, schön spie­le­risch, mit Bezug auf Aschenputtel und Fußball – Volltreffer, sozu­sa­gen. Die Texte sind kurz und auf den Punkt gebracht, die Schrift hat eine kom­for­ta­ble Größe und har­mo­niert mit den Bildern. Die Fußballmannschaft, in der Leo und der Prinz spie­len, heißt „Lila Ritter“ bzw. „Purple Knights“. Lila, genau­er Purpur, ist ja die Farbe der Könige und „Purple“ gilt auch als wich­ti­ge que­e­re Farbe. Divers sind die zwei Kinderfußballmannschaften, mit Kids of Colour, Mädchen und Jungen kicken zusam­men, einer trägt eine Brille und eine ein Hörgerät. Ein Buch also, das ganz unter­schied­li­che Familien anspre­chen dürf­te und natür­lich vor allem sol­che mit Kindern, die Fußball lie­ben, so wie Ballkönig Leo.

Der Ballkönig. Ein Fußballmärchen
Originaltitel: The Perfect Match
Text: Chris Becker
Illustrationen: Dan Taylor
Aus dem Englischen von Oliver Schlick
Lektorat: Judith Schumacher
40 Seiten
ab 4 Jahren
2026 annet­te betz
ISBN 978–3‑219–12115‑5
16 Euro

„Heartbreak Hotel“ von Micol Arianna Beltramini und Agnese Innocente

Vier Sechzehnjährige lan­den nach Heartbreak-Erlebnissen im Heartbreak Hotel. Die Zimmer dort sind genau so, wie Maya, Martin, Fiona und Finn sich das vor­stel­len, ihre Wünsche wer­den nicht von mensch­li­chen Hotelmitarbeitenden erfüllt, son­dern von einer Plastikkatze namens Neko (was das japa­ni­sche Wort für Katze ist). Wie das an einem „Nicht-Ort“ (Neko-Zitat) so ist, ver­geht die Zeit und gleich­zei­tig nicht, pas­send dazu sind die Hotel-Seiten mono­chrom gehal­ten, nicht in Schwarz-Weiß, son­dern jeweils in einem pas­tel­li­gen Purple‑, Blau‑, Violett‑, Lila-Ton. Die Seiten, auf denen die Leserin, der Leser erfährt, was den vier Jugendlichen pas­siert ist, die also im „ech­ten“ Leben spie­len, sind bunt, wenn auch zurück­hal­tend und gleich­falls pastellig.

Die Seiten sind enorm abwechs­lungs­reich gestal­tet, was die Anzahl, Form und Größe der Panels angeht. Die meis­ten Panels haben einen Rand, die ohne Rand rei­chen von klein bis sei­ten­fül­lend. Der Stil scheint inspi­riert von Mangas und klas­si­schen Buchillustrationen, das Ergebnis ist etwas Eigenes mit lebens­na­her wir­ken­den Menschen und sehr süßen Tieren. Neben Neko wären da noch ein Kaninchen und eine Raupe, was an „Alice im Wunderland“ den­ken lässt, zudem das Kaninchen es in „Heartbreak Hotel“ eben­falls eilig hat. Spielkarten kom­men auch vor.

Der Text in Sprech- und Gedankenblasen lässt sich gut lesen und dürf­te für die Zielgruppe, Jugendliche ab vier­zehn Jahren, pas­sen. Mal gibts viel zu sagen, mal weni­ger, hin und wie­der ist die Zuordnung zur spre­chen­den oder den­ken­den Person nicht sofort klar, was okay ist, da es den Lesefluss etwas bremst und die Aufmerksamkeit frisch einfängt.

Der Moment kommt, an dem Maya, Martin, Fiona und Finn ihre Zimmer ver­las­sen müs­sen. Sie begeg­nen sich, erfah­ren ihre Geschichten und haben etwas zu erle­di­gen, damit sie aus dem Hotel und zurück in ihre Leben gelan­gen. Die vier haben unter­schied­li­che Arten von Heartbreak durch­ge­macht: Das Mädchen, in das Maya ver­liebt war, ist bei einem Unfall gestor­ben. Die bes­te Freundin und der Freund von Fiona haben sie betro­gen. Martin ist von sei­nem Instagram-Crush bloß­ge­stellt wor­den. Wie kann es danach wei­ter­ge­hen? „Heartbreak Hotel“ bie­tet kei­ne Wunder an. Der Schmerz ist da, die Erfahrung bleibt. Aber es geht wei­ter und es besteht Hoffnung. Das ist berüh­rend und auf eine ein­fach schö­ne Art und Weise gezeich­net und erzählt.

Heartbreak Hotel
Text: Micol Arianna Beltramini
Illustrationen: Agnese Innocente
Aus dem Italienischen von Myriam Alfano
Lektorat: Cassandra Meyer
224 Seiten
ab 14 Jahren
2026 ueberreuter
ISBN: 978–3‑7641–7156‑8
18 Euro

„Der kleine Baum und das Wood Wide Web“ von Lucy Brownridge und Hannah Abbo

In einem uralten Wald beginnt ein Baum zu wach­sen, eine Douglasie. Er ist noch ziem­lich klein und braucht Licht, also streckt er sei­ne Äste nach oben. Er braucht Wasser, also reckt und streckt er sei­ne Wurzeln tief in die Erde hin­ein. Es ist jedoch Sommer und reg­net ewig nicht, der Baum braucht Hilfe. Schließlich „weint“ er, nicht in Form von Tränen, son­dern „die Traurigkeit (dringt) aus sei­nen Wurzeln und ver­brei­tet sich im Boden“, wo Pilzfäden ein Netzwerk bil­den, das Wood Wide Web. Das unter­ir­di­sche Pilzgeflecht lei­tet den Hilferuf des klei­nen Baumes an die ande­ren Bäume wei­ter, ver­brei­tet ihn im gan­zen Wald. Eine Papier-Birke kann schließ­lich hel­fen, sie gibt Wasser und Zucker über ihre Wurzeln ins Wood Wide Web, das bei­des zum klei­nen Baum trans­por­tiert. Im Winter kann sich der klei­ne Baum dann revan­chie­ren: Die Birke hat all ihre Blätter ver­lo­ren und kann kei­nen Zucker pro­du­zie­ren, ihre Zuckervorräte hat sie dem klei­nen Baum gege­ben. Nun hilft der klei­ne Baum ihr, denn er bil­det durch sei­ne immer­grü­nen Nadelblätter auch im Winter Zucker, den er nicht kom­plett selbst benötigt.

Das Wood Wide Web ein­fach und span­nend für Kinder ab fünf Jahren erklä­ren? Das gelingt der Autorin und der Illustratorin mit die­sem Buch sehr gut. Die Texte sind schön kurz und ohne Fachbegriffe wie Photosynthese und Symbiose. Die kann man am Schluss unter „Wissenswertes“ nach­le­sen, dort fin­den sich elf Begriffe von Douglasie bis Zucker für alle, die es genau­er wis­sen wol­len. Auf der fol­gen­den Seite erfährt die Leserin, der Leser, dass die Geschichte auf einer wah­ren Begebenheit beruht, einer Entdeckung der Professorin Suzanne Simard, die beob­ach­tet hat­te, dass Papier-Birken und Douglasien Nährstoffe übers Wood Wide Web teilten.

Die Forschung zum Wood Wide Web hat erst begon­nen, umso bes­ser, dass es schon die­ses Bilderbuch gibt. Zu wis­sen, dass Bäume bzw. Pflanzen kom­mu­ni­zie­ren, dass sie ein­an­der hel­fen, kann die Sicht auf unse­re Umwelt, auf die Natur ändern. Ein Baum ist kein toter Gegenstand, der für sich allein exis­tiert, er lebt und ist mit ande­ren Wesen im Austausch. Diese Botschaft ver­mit­teln auch die Illustrationen. Passend zur Zielgruppe haben die Bäume net­te Gesichter, denen man ansieht, wie es ihnen gera­de geht. Die Farben sind ein­fach und klar, sicht­ba­re Striche brin­gen Struktur in Bäume, Gräser, Sträucher, Erde, Tiere. Die Baumwipfel sind enorm abwechs­lungs­reich in Farbe und Form, es ist ein gemisch­ter, bun­ter, viel­fäl­ti­ger Wald, in dem der klei­ne Baum lebt. Auch in die Erde hin­ein geht der Blick: auf die Wurzeln und das Pilzgeflecht natür­lich, aber auch auf die Tiere, die dort Höhlen haben und Gänge gra­ben, von Fuchs über Maulwurf bis Hase.

Die Bilder neh­men mal eine Doppelseite ein, mal ist auf einer Seite ein Komplettbild und auf der ande­ren eine Bildwolke. Zusammen mit eini­gen Sprechblasen sorgt das für wei­te­re Abwechslung. Ein Buch zum Entdecken und Staunen, das auch den erwach­se­nen Vorleserinnen und Vorlesern gefal­len dürfte.

Der klei­ne Baum und das Wood Wide Web
Text: Lucy Brownridge
Illustrationen: Hannah Abbo
Aus dem Englischen von Sebastian Hoch
32 Seiten
ab 5 Jahren
2024 Verlag Freies Geistesleben
ISBN 978–3‑7725–3197‑2
16 Euro