„Warum so eilig?“ von Yiting Lee

Beim Teetrinken am Nachmittag sagt die Schildkröte wie schon häu­fig zuvor, dass sie „eines Tages“ auf den Berg klet­tern will, der zwar zu sehen, aber weit weg ist. Ihr Freund, der Hase, schlägt vor: mor­gen. Die Schildkröte stimmt zu und am nächs­ten Tag steht der Hase früh vor der Tür. Bis es los­geht, dau­ert es aller­dings, die Schildkröte erle­digt noch diver­se Dinge wie Wäsche auf­hän­gen, Blumen gie­ßen, Bücherregal auf­räu­men und Fenster put­zen – schließ­lich platzt dem Hasen der Kragen und sie zie­hen los, der Hase mit einem win­zi­gen Rucksack, die Schildkröte mit gro­ßem Gepäck.

An einem brei­ten Fluss, einer Wegkreuzung mit kaput­tem Wegweiser und vor einem wil­den, dschun­gel­ar­ti­gen Gebüsch weiß der Hase nicht wei­ter, doch die Schildkröte hat für alles eine Lösung parat und die nöti­ge Ausrüstung dabei. Als sie auf dem Gipfel ankom­men, ist die Freude bei bei­den groß. Proviant hat die Schildkröte natür­lich auch mit­ge­nom­men, zum Glück für den Hasen, dem der Magen knurrt …

Schildkröte und Hase sind dem­nach ziem­lich ver­schie­den, das Mantra der Schildkröte ist „Warum so eilig?“ und „Moment, Sekunde noch“, der Hase will am liebs­ten immer sofort los­le­gen. Das ergänzt sich gut, ohne den Hasen käme die Schildkröte wohl nicht ins Tun, und ohne die Schildkröte wäre der Hase öfter auf­ge­schmis­sen. Offensichtlich haben die bei­den Spaß mit­ein­an­der, ihre Freundschaft ver­kraf­tet auch mal einen Krach und zusam­men meis­tern sie Abenteuer.

Das Buch ist für Kinder ab drei Jahren, pas­send dazu kommt die Geschichte mit wenig Text aus, viel wird mit den Bildern gesagt. Diese erstre­cken sich mal kom­plett oder in Panels über eine Seite, mal über eine Doppelseite. Die Illustrationen sind ein­fach gehal­ten, was Formen und Farben betrifft, eine Aufgeräumtheit und Grundruhe, die zum Entdecken von Details und zum aus­gie­bi­gen Anschauen ein­lädt, etwa in der Küche der Schildkröte oder der Landschaft am Fuße des Berges. Das Flusswasser mit sei­nen Farbverläufen und Wellenlinien hat etwas Hypnotisches, auf mehr als einer Seite lässt es sich bestaunen.

Die Frage „Warum so eilig?“ neh­men viel­leicht eher die erwach­se­nen Vorleserinnen und Vorleser mit, genug Situationen im täg­li­chen Leben gibt es auf jeden Fall, ganz klas­sisch zum Beispiel, wenn man im Supermarkt die lang­sams­te Kasse erwischt hat und sich ärgert, dass es nicht vor­an­geht. Warum eigent­lich? Die paar Minuten …

Yiting Lee: Warum so eilig?
Originaltitel: What’s the Rush?
Aus dem Englischen von Bernd Stratthaus
Lektorat: Anna Wiesner
40 Seiten
ab 3 Jahren
2026 Edition Nilpferd
ISBN 978–3‑7074–5334‑8
17 Euro

„Der kleine Roboter und der lange Weg nach Hause“ von Joe Todd-Stanton

Das Buch scheint in einer nahen Zukunft zu spie­len, die Menschen und ihre städ­ti­sche Umgebung wir­ken ver­traut und gleich­zei­tig einen Tick anders, es ist eine eher kar­ge Welt mit gedeck­ten Farben. Ein Hinweis auf eine Zukunft ist, dass Roboter jeg­li­cher Form und Funktion sich ganz selbst­ver­ständ­lich zwi­schen den Menschen bewegen.

Um einen die­ser Roboter dreht sich die Geschichte. Der klei­ne Roboter wacht auf einer Mülldeponie am Rande der Stadt auf, zwi­schen gigan­ti­schen Müllbergen. Er ist kaputt, ihm feh­len Teile und er weiß nicht, wie er an die­sem Ort gelan­det ist. Als er los­läuft, erin­nert er sich all­mäh­lich: dass er ein Geschenk für einen Jungen war und als des­sen bes­ter Freund zur Familie gehör­te. Er sucht und fin­det das Haus des Jungen, sieht, dass er durch einen neu­en Roboter ersetzt wur­de. Daraufhin kehrt er zur Mülldeponie zurück und schläft dort, bis ein Mädchen ihn ent­deckt. Sie und ihre Mutter sam­meln auf der Deponie kaput­te Dinge, um sie zu repa­rie­ren. Sie neh­men den Roboter mit und machen ihn wie­der ganz.

Der Roboter vor und nach der Reparatur ist auf dem Cover des Buchs zu sehen, oben kaputt und grau mit der Mülldeponie im Hintergrund, unten bunt und lächelnd, umge­ben von Bäumen. Mutter und Tochter woh­nen weit von der Stadt ent­fernt, mit­ten in der Natur, super­idyl­lisch zwi­schen See, Wald und Bergen, ihr Haus wirkt gemüt­lich und leben­dig. Die Stadt distan­ziert, die Natur ein­la­dend, ein gro­ßer Kontrast.

Der Text und die Illustrationen sind von Joe Todd-Stanton. Es ist wenig Text, auf den Punkt gebracht, der eine orga­ni­sche Einheit mit den Bildern bil­det, sie brau­chen und ergän­zen ein­an­der. Die Bilder erstre­cken sich oft über eine Seite, sel­ten über eine Doppelseite, manch­mal sind auf einer Seite meh­re­re, klar abge­grenz­te Panels. Auch die inne­ren Umschlagseiten sind illus­triert, es sind sogar jeweils drei, die gleich­falls das Vorher und das Nachher zeigen.

Die Bilder ver­mit­teln eine Grundruhe, eine ange­neh­me Art von Aufgeräumtheit. Dabei sind sie detail­reich und laden zum genaue­ren Hinschauen ein. So tau­chen etwa Mutter und Tochter bereits ein­mal weit vor­ne im Buch auf. Auf zwei Doppelseiten am Anfang wür­de die Müllhalde im Mittelpunkt ste­hen, ihre tris­te, braun­tö­ni­ge Monotonie und schie­re Masse, wenn nicht der klei­ne Roboter in Simultandarstellung durchs Bild lie­fe, mehr­mals nach­ein­an­der auf sei­nem Weg nach drau­ßen. Betrachtet man die ein­zel­nen Momentaufnahmen, wird ersicht­lich, wie mensch­lich der Roboter ist, er hat was von einem klei­nen Kind, ein wenig tap­sig, liebenswürdig.

Es geht also im Kern um Müll und Gefühle. Ohne dass es irgend­wo expli­zit gesagt wird, ist klar: Erstens, Müll ist ein Riesenproblem. Zweitens, Müll ent­steht etwa, wenn Dinge „ein­fach so“ durch neue, ver­meint­lich bes­se­re ersetzt wer­den. Und drit­tens, kaput­te Dinge las­sen sich repa­rie­ren. Dass das „Ding“ in die­sem Fall ein klei­ner Roboter ist, der einen Charakter und Gefühle hat, die man ihm deut­lich ansieht, lädt die Geschichte emo­tio­nal auf, weckt Mitgefühl und Interesse. Dazu kommt, dass es schon Kindergartenkindern und erst recht den erwach­se­nen Vorleserinnen und Vorlesern selbst pas­siert sein kann, dass sie von Verwandten, Bekannten, Freundinnen und Freunden „abge­legt“, „aus­sor­tiert“ und durch ande­re ersetzt wur­den. Es ist somit tröst­lich und ermu­ti­gend, dass es für den klei­nen Roboter ein Happy End gibt, sich die Mutter und die Tochter an sei­nem Tiefpunkt für ihn ent­schie­den haben und er mit ihnen eine neue Familie bekom­men hat.

Dieses Buch ist eine Einladung für Kinder wie für Erwachsene, sich auf eine ein­fa­che, dabei viel­schich­ti­ge Geschichte und wun­der­ba­re Zeichnungen ein­zu­las­sen. Und zu schau­en, was man damit anfan­gen kann, für sich und die Welt, in der wir leben.

Joe Todd-Stanton: Der klei­ne Roboter und der lan­ge Weg nach Hause
Originaltitel: The Lost Robot
Aus dem Englischen von Bernd Stratthaus
Lektorat: Kim Laura Franzke
48 Seiten
ab 4 Jahren
2026 annet­te betz
ISBN 978–3‑219–12117‑9
16 Euro

„Der Ballkönig“ von Chris Becker und Dan Taylor

„Der Ballkönig“ basiert auf dem Märchen vom Aschenputtel. Wenn man ein­mal anfängt, dar­über zu lesen, kann man damit wirk­lich viel Zeit ver­brin­gen. In Deutschland kennt man „Aschenputtel“ aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Aschenputtel hat eine Stiefmutter, zwei Stiefschwestern, geht drei Mal auf den Ball, die Kleider dafür lie­fert ein wei­ßer Vogel aus einem Haselstrauch, der Schuh passt nur ihr und am Ende hei­ra­tet sie den Prinzen. Wie so oft bei den Brüdern Grimm ist das Märchen stel­len­wei­se ziem­lich bru­tal, so hacken sich die Stiefschwestern einen Zeh bzw. die Ferse ab, damit der Fuß in den Schuh passt, das Blut quillt her­aus. Genauso bekannt oder viel­leicht bekann­ter ist der tsche­chisch-deut­sche Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ von 1973. Aschenbrödel begeg­net dem Prinzen drei Mal in ver­schie­de­nen Situationen, die pas­sen­de Kleidung dafür fällt aus drei Haselnüssen und schluss­end­lich kommt sie mit dem Prinzen zusammen.

Älter als das Grimm’sche „Aschenputtel“ ist die fran­zö­si­sche Variante „Cendrillon“ von Charles Perrault. Hier gibt es eine Fee, die Aschenputtel aka Cendrillon hilft und etwa aus einem Kürbis eine Kutsche zau­bert. Diese zwei Motive hat Disneys Zeichentrickfilm „Cinderella“ von 1950 auf­ge­grif­fen. Der Stoff ist äußerst beliebt, es exis­tie­ren unzäh­li­ge Versionen davon. Gemeinsam dürf­te allen sein, dass eine arme, unter­drück­te Person mit mehr oder weni­ger Glück, Magie und Eigeninitiative in eine pri­vi­le­gier­te Position auf­steigt und glück­lich wird, gern mit dem „Märchenprinzen“.

„Der Ballkönig“ ori­en­tiert sich an „Cinderella“, die gute Fee ist hier ein „magi­scher Elfmeterich“ mit Trillerpfeife, das Ballkleid ein Fußballtrikot und der Ball im Schloss ein Fußballturnier. Aschenputtel bzw. Cinderella ist ein klei­ner fuß­ball­be­geis­ter­ter Junge namens Leo, der in einem ver­traut wir­ken­den Jetzt lebt, in dem Magie mög­lich ist. Leo muss alle Hausarbeit machen, von put­zen bis Wäsche waschen, sei­ne zwei Brüder spie­len wäh­rend­des­sen die gan­ze Zeit Fußball. Als eine Einladung aus dem Schloss zum Fußballturnier des Prinzen kommt, will Leo unbe­dingt hin. Kann aber nicht, da zu viel Hausarbeit zu erle­di­gen ist. Natürlich klappt es trotz­dem mit dem Turnier, Leo lie­fert und ver­schwin­det schnell, als sich die magi­schen Dinge zurück­ver­wan­deln. Einen Fußballschuh hat er aller­dings beim Torschießen ver­lo­ren … Findet der Prinz mit­hil­fe des Schuhs den Superspieler, damit er auch in Zukunft in sei­ner Mannschaft mitspielt?

Das Buch misst rund acht­und­zwan­zig mal acht­und­zwan­zig Zentimeter, ein rela­tiv gro­ßes, aber noch hand­li­ches Format. Mal geht eine Zeichnung über eine Doppelseite, mal sind meh­re­re Panels auf einer Seite. Letzteres ist gera­de beim Fußballturnier per­fekt, um Bewegung und Action rein­zu­brin­gen. Die Bilder sind abwechs­lungs­reich, es gibt viel zu ent­de­cken. Sie haben eine ange­neh­me Grundruhe, unter ande­rem durch die zwar bun­te, jedoch etwas gedeck­te Farbgebung. Tiere kom­men vor, auch wenn sie kei­ne magi­sche Rolle spie­len und nicht spre­chen kön­nen. Eine nied­li­che Katze oder ein knuf­fi­ger Hund sind in etli­chen Bildern und kön­nen beim Vorlesen oder Selbstangucken des Buches gesucht wer­den. Das Fußballmärchen kon­zen­triert sich auf die Kinder, die ein­zi­gen zwei Erwachsenen sind die Schiedsrichterin und der magi­sche Elfmeterich, Leos Eltern bei­spiels­wei­se tau­chen nicht auf. In der Rahmenhandlung ist aller­dings Leo selbst erwach­sen, er erzählt sein als Kind erleb­tes Fußballmärchen sei­nem Sohn als Einschlafgeschichte. Und Papa Nummer zwei sagt spä­ter auch noch gute Nacht …

„Der Ballkönig“ ist aus dem Englischen über­setzt, der Originaltitel lau­tet „The Perfect Match“. Beide Titel fin­de ich super, schön spie­le­risch, mit Bezug auf Aschenputtel und Fußball – Volltreffer, sozu­sa­gen. Die Texte sind kurz und auf den Punkt gebracht, die Schrift hat eine kom­for­ta­ble Größe und har­mo­niert mit den Bildern. Die Fußballmannschaft, in der Leo und der Prinz spie­len, heißt „Lila Ritter“ bzw. „Purple Knights“. Lila, genau­er Purpur, ist ja die Farbe der Könige und „Purple“ gilt auch als wich­ti­ge que­e­re Farbe. Divers sind die zwei Kinderfußballmannschaften, mit Kids of Colour, Mädchen und Jungen kicken zusam­men, einer trägt eine Brille und eine ein Hörgerät. Ein Buch also, das ganz unter­schied­li­che Familien anspre­chen dürf­te und natür­lich vor allem sol­che mit Kindern, die Fußball lie­ben, so wie Ballkönig Leo.

Der Ballkönig. Ein Fußballmärchen
Originaltitel: The Perfect Match
Text: Chris Becker
Illustrationen: Dan Taylor
Aus dem Englischen von Oliver Schlick
Lektorat: Judith Schumacher
40 Seiten
ab 4 Jahren
2026 annet­te betz
ISBN 978–3‑219–12115‑5
16 Euro