„Unser wilder Hof“ von Geraldine Schüle

Zielgruppe Nummer eins die­ses Buchs sind ver­mut­lich Leute, die der Autorin auf Instagram und Co. fol­gen. Dazu gehö­re ich schon mal nicht, für mich war „Unser wil­der Hof“ somit Neuland. Mich hat der Klappentext neu­gie­rig gemacht, die Kombination aus einem rela­tiv ursprüng­li­chen Leben und dem Beruf Content Creator. Der Titel hat mich an „Unsere klei­ne Farm“ erin­nert, das hab ich als Kind ziem­lich ger­ne geschaut. Man könn­te da durch­aus Parallelen zie­hen, bei „Unsere klei­ne Farm“ war zum einen das Leben in der Prärie zu jener Zeit aben­teu­er­lich, zum andern waren die zwi­schen­mensch­li­chen Beziehungen und Dynamiken inner­halb der Ingalls-Familie und mit ande­ren Menschen in der klei­nen Stadt spannend.

Das Hofgut der Autorin und ihrer Familie liegt offen­sicht­lich rela­tiv abge­schie­den, aber doch in der Zivilisation. Das Abenteuer ist hier der Hof an sich, der 500 Jahre alt ist, zuvor meh­re­re Jahre leer gestan­den hat­te, extrem ver­müllt und maro­de war. Das Sanieren und Bewohnbarmachen ist dem­nach eine Sache nicht von Monaten, son­dern Jahren. Warum wagt sich eine jun­ge Familie an ein sol­ches Unterfangen?

Die Autorin fängt bei ihrer Kindheit an, woher kommt sie, was hat sie gelernt, stu­diert, in der Welt gemacht, was woll­te sie im Leben, wie kam sie mit ihrem Mann zusam­men, wie führ­te das alles zum Kauf des Hofs und wie lebt es sich auf einer Dauerbaustelle mit erst einem, dann zwei Kleinkindern, als Content Creator und mit einer klei­nen Landwirtschaft im Nebenerwerb?

Das Zwischenmenschliche spielt natür­lich auch eine Rolle, in einem, wie ich fin­de, ange­neh­men Maß. Ein paar Infos und Anekdoten, nicht zu viel. Es ist eben kein Roman, son­dern ein begrenz­ter Einblick in ein ech­tes Leben. Bei ande­ren Themen ist das „nicht zu viel“ gleich­falls gera­de rich­tig, etwa wenn es um tech­ni­sche Lösungen für Familienwohnwagen, Transporte von A nach B, Haussanierung, Landwirtschaftsmaschinerie usw. geht. Es steckt viel Arbeit, Wissen, Ideenreichtum, Miteinanderreden und Planen drin, das kommt rüber und reicht mir schon. Zumal ich nicht vor­ha­be, eben­falls ein sol­ches aben­teu­er­li­ches Haus- und Hofprojekt zu star­ten. Davon lesen ist für mich genug – und inter­es­sant, gera­de weil es so anders ist als das, was ich kenne.

Inspirierend fand ich zudem die Gedanken der Autorin über Glück, Freiheit, Toleranz, Lebensträume und mehr. Gut, so was immer mal wie­der zu lesen, und beru­hi­gend, dass ein ver­gleichs­wei­se boden­stän­di­ges, ein­fa­ches Leben mit wei­tem Blick auf die Welt und ande­re Menschen eine gro­ße Reichweite haben kann.

Geraldine Schüle: Unser wil­der Hof. Von Kühen, Content und dem Mut, die eige­nen Träume zu leben
189 Seiten
2025 dtv
ISBN 978–3‑423–26439‑6
17 Euro

„Bis ans Meer“ von Peggy Patzschke

„Bis ans Meer“ ist eine Familiengeschichte, die von 1916 bis „heu­te“ spielt. Solche Bücher lese ich sel­ten, mir hat ein­fach das Coverbild gefal­len und der Titel ist ja auch schön. Im Mittelpunkt steht Frieda, Ende der 1920er-Jahre ver­liebt sie sich in Brieg in Schlesien in Karl. Ihre Enkeltochter ist die Ich-Erzählerin im Heute, sie reka­pi­tu­liert und rekon­stru­iert das Leben ihrer Großmutter und ihrer Mutter Erika und ergrün­det so, wie sich ein­schnei­den­de Erlebnisse und Erfahrungen inner­halb einer Familie aus­wir­ken und Traumata sich regel­recht ver­er­ben können.

Der Roman hat bei mir rela­tiv schnell eine Sogwirkung ent­wi­ckelt, zum einen ist die Geschichte inter­es­sant, zum andern ist sie gut erzählt. Die Kapitel sind im Schnitt eher kurz, meist ist die Leserin, der Leser bei Frieda, ab und zu bei der Ich-Erzählerin, sel­ten bei Erika, vor allem aber springt man mit ihnen in der Zeit, vom Heute nach 1945 nach 1916 nach 1945 nach 1917 und immer so wei­ter. Fragen, auf die man Antworten erle­sen will, sind etwa: Was wird aus der gro­ßen Liebe zwi­schen Frieda und Karl? Was macht der Zweite Weltkrieg, was die Flucht und Vertreibung aus Schlesien mit der Familie? Wie äußert sich das Kriegserleben von Großmutter und Mutter bei der Ich-Erzählerin? Schafft es Frieda je bis ans Meer?

Autorin Peggy Patzschke ist Moderatorin und Redakteurin und ver­mut­lich vie­len Leuten bekannt. „Bis ans Meer“ ist ihr ers­ter Roman, laut ihrer Website beruht er „auf wah­ren Begebenheiten“. Im Nachwort bezeich­net sie sich selbst als „Kriegsenkelin“, ein Begriff, der spä­tes­tens seit dem Buch „Kriegsenkel“ von Sabine Bode weit­hin bekannt ist. Ihre Geschichte hand­le „über wei­te Strecken zur Zeit des Zweiten Weltkriegs“ und sei den­noch hoch­ak­tu­ell, schreibt Peggy Patzschke, da kein Krieg allein auf dem Schlachtfeld blei­be, son­dern irgend­wann in jedem Haus tobe. Auch bei den heu­ti­gen Kriegen wer­de es „wie­der min­des­tens drei bis vier Generationen oder län­ger dau­ern, bis die Wunden, die sie schla­gen, hei­len können“.

Das Buch bie­tet einen leben­di­gen Blick auf einen prä­gen­den Abschnitt deut­scher Geschichte mit Fokus auf eine Familie in bzw. aus Schlesien, es schlägt eine Brücke zum Jetzt und balan­ciert Schlimmes und Schönes, Schweres und Leichtes aus, gera­de auch weil die Heldin, Frieda, eine star­ke Frau mit fast uner­schüt­ter­li­chem Glauben an das Positive und die Liebe ist. Eine gelun­ge­ne Mischung!

Peggy Patzschke: Bis ans Meer
Lektorat: Tamara Rapp
445 Seiten
2025 Rütten & Loening
ISBN 978–3‑352–01009‑5
22 Euro

„Tausche Grau gegen Wow“ von Ann-Kathrin Reuter

Grau kann auch schön sein, trotz­dem hat mich der Titel „Tausche Grau gegen Wow“ direkt ange­spro­chen und ich war gespannt, was das Buch so zu bie­ten hat. Es geht für mei­ne Begriffe etwas über­schwäng­lich los, mit „Hallo, du wun­der­vol­ler Mensch!“ in der Einleitung und eini­gen Ausdrücken in der Art hier und da. Das wur­de aber weni­ger oder es fiel mir nach einer Weile nicht mehr auf – viel­leicht konn­te ich ja doch gera­de eine Extraportion Enthusiasmus und Glitter gebrauchen?

Ann-Kathrin Reuter ist Wirtschaftspsychologin, selbst­stän­di­ge Trainerin und Coach, in den sozia­len Medien ist sie als „Frau Propeller“ unter­wegs. Und so nennt sie ihre „Begeisterungstechnik“ bzw. ihren „Charisma-Booster“ das „Propellerprinzip“. Ihr Propeller hat vier Flügel, sie ent­spre­chen den vier Hauptmerkmalen von Charisma und sind gleich­zei­tig die „vier Schritte zu ech­ter Beliebtheit“: Präsenz, Herz, Begeisterung und Selbstsicherheit.

Das ers­te Kapitel, „Tausche Grau gegen Wow“, star­tet mit einer Bestandsaufnahme, was ist Charisma, was hat man in der Hinsicht schon drauf, was ist aus­bau­fä­hig? Das nächs­te Kapitel, „Charisma und Selbsterkenntnis“, lädt zum Mitmachen ein, es lie­fert etli­che Fragen, Aufgaben, lee­re Kästen, die dar­auf war­ten, gefüllt zu wer­den, etwa zu den eige­nen Werten, per­sön­li­chen Zielen, zum Selbstbild, zu Glaubenssätzen und Dankbarkeit. Damit soll das Selbstwertgefühl gestärkt und die Basis für das fol­gen­de Kapitel gelegt wer­den: „Die 4 Schritte zu ech­ter Beliebtheit“.

Diese vier Schritte bzw. Hauptmerkmale von Charisma hat­ten wir oben bereits, es sind Präsenz, Herz, Begeisterung, Selbstsicherheit. Dazu gibt die Autorin jede Menge Input, beim ers­ten Schritt, „Präsenz – So schaffst du eine posi­ti­ve Verbindung zu ande­ren“, zum Beispiel ist „guter Small Talk“ ein Thema. Bloß drei Buchseiten, die jedoch durch­aus wei­ter­hel­fen kön­nen, wenn man zur Fraktion „Ah, Small Talk ist abso­lut nichts für mich, sor­ry“ gehört. Zum zwei­ten Schritt, „Herz – So gewinnst du ande­re für dich“, zitie­re ich mal einen „Kleinen Impuls“: „Wenn du die Kerze von jemand ande­rem aus­pus­test, wird dei­ne eige­ne nicht hel­ler. Wenn du jemand ande­ren fett nennst, wirst du nicht dün­ner. Wenn du den Tag von jemand ande­rem rui­nierst, wird dein eige­ner nicht bes­ser. Kurz: Sei kein Arsch.“ Ja, ist so. Ich hab noch eini­ge Sätze mehr im Buch mar­kiert, die ich tref­fend, pas­send, gut fand, was ich nicht oft mache.

Beim drit­ten Schritt, „Begeisterung – So ent­fachst du das Feuer in ande­ren“, taucht unter ande­rem „Humor als Katalysator“ auf und die Autorin nennt ihr „per­sön­li­ches Repertoire an Flachwitzen“, einer davon: „Was ist das Wichtigste bei Schweißausbrüchen? Das W.“ Ich hab geschmun­zelt, klar. Der vier­te und letz­te Schritt ist „Selbstsicherheit – So trittst du sou­ve­rän und über­zeu­gend auf“. Wenn man bei­spiels­wei­se Angst davor hat, was ande­re von einem bzw. einer den­ken, kann hel­fen, dass die meis­ten Menschen „den Großteil der Zeit mit sich selbst beschäf­tigt“ sind und nicht auf ande­re ach­ten. Wie viel Prozent unse­rer Lebenszeit beschäf­ti­gen wir uns wohl mit uns selbst? Steht im Buch …

Um Faktoren wie Körperhaltung, Kleidung, Stimme und um Selbstmarketing dreht sich dann das Kapitel „Der Blick von außen“. Das letz­te Kapitel, „Nur Mut: Veränderung ist mög­lich“, ist recht kurz und soll die Leserin, den Leser moti­vie­ren, anzu­fan­gen und das Gelesene umzusetzen.

Sehr sym­pa­thisch ist für mich an die­sem Ratgeber, dass er Authentizität bejaht: „Werde, wer du bist“. Denn: „Kein Mensch hat das erlebt, was du erlebt hast. Du bist schon jetzt eine Legende. Deshalb ver­stel­le dich unter kei­nen Umständen. Wenn du intro­ver­tiert bist, ver­su­che nicht extro­ver­tiert zu sein. Andere wer­den spü­ren, dass du eine Rolle spielst, und dich nicht ernst neh­men. Außerdem wird dich das enorm viel Energie und Kraft kosten.“

„Tausche Grau gegen Wow“ ist vol­ler Infos und Impulse – Quellen wer­den genannt, die Literaturliste steht am Schluss, bei Interesse kann man also wei­ter­le­sen und das ein oder and­re ver­tie­fen. Das Buch ist ein Angebot, Dinge zu über­den­ken, neu zu den­ken, gege­be­nen­falls zu ändern. Mir hat’s gefal­len und was gebracht.

Ann-Kathrin Reuter: Tausche Grau gegen Wow. In 4 Schritten zu einer posi­ti­ven Ausstrahlung und ech­ter Beliebtheit
Lektorat: Annette Gillich-Beltz
200 Seiten
2025 humboldt
ISBN 978–3‑8426–4280‑5
22 Euro