Waldmeister

Keine Ahnung, wie der Waldmeister ins Beet kam, ich dach­te erst, er stam­me von der Proitzer Mühle, wo sich vor rund einem Jahr wie­der vie­le Texttreff-Frauen tra­fen, um gemein­sam Workshops zu machen und die Zeit zu genie­ßen. Die Frau Textzicke hat­te dort ihre berühm­ten Kräuterwanderungen ange­bo­ten, und ich hab ein Pflänzchen mit­ge­nom­men – aber das war nicht Waldmeister, son­dern Gundermann, sagt Frau Text-Burger. Egal, die Waldmeister wach­sen, dass es eine Freude ist. Und ich muss jetzt noch mal nach­schla­gen, wie Gundermann aussieht …

Essreif

Was grün ist, ist nicht reif, das ist in den Köpfen drin. Zumindest, was Obst betrifft. (Und Granny Smith zählt nicht, nein.) Um Mangos geht es hier, die ja nicht gelb oder rot sein müs­sen, um reif zu sein, da hilft nur Finger anle­gen und drü­cken, aber sach­te. Weech muss es sein!

Weil das immer noch nicht alle wis­sen und die Mangomacher dazu­ge­lernt haben, pap­pen sie Aufkleber auf die grü­nen Mangos, auf denen zu lesen ist: ess­reif. Nicht reif, son­dern ess­reif. Warum?

Magie ist ein Verbrechen: „Die Fluchweberin“ von Brigitte Melzer

Dieses Buch ist ganz schön dick, ein ech­ter Wälzer. Dabei hat es gar nicht so vie­le Seiten, „nur“ 384. Des Rätsels Lösung:  Es ist wun­der­ba­res Papier. Kräftiges, sta­bi­les Papier, ein Fest für die Finger. Logisch, dass da auch über dem Impressum steht, wer das Papier gelie­fert hat. So was fin­de ich spannend. :)

„Die Fluchweberin“ heißt das Buch, ein Titel, der mich neu­gie­rig gemacht hat. Dazu noch das Cover, das fast zurück­hal­tend wirkt, mit einer Grundfarbe zwi­schen Grau und Grün, durch­webt von ver­äs­tel­ten wei­ßen Fäden. Und mit­tig oben, um den Buchtitel her­um, Ornamente, Figuren und Dinge im Kreis ange­ord­net. Das hat etwas von einem Armband, an dem ein­zel­ne Anhänger, Charms, befes­tigt sind. Und da „charm“ auch Zauber bedeu­tet, passt das geni­al, denn um Zauberei, um Magie, geht es in dem neu­en Buch von Brigitte Melzer.

„Die Fluchweberin“ spielt im heu­ti­gen England, Erzählerin und Hauptfigur ist die sieb­zehn­jäh­ri­ge Raine. Mit fünf hat sie auf eine schreck­li­che Weise ihre Eltern ver­lo­ren, und davon träumt sie auch zwölf Jahre spä­ter noch jede Nacht. Raines Mutter war Zauberin, sie hat­te die Gabe, Menschen, denen die Ärzte nicht mehr hel­fen konn­ten, zu hei­len. Eigentlich eine gute Sache, nicht jedoch in die­ser Welt, in der Magie ein Verbrechen ist. Egal wie die Zauberer ihre Kräfte ein­set­zen, ob für eine gute oder schlech­te Sache oder gar nicht – wenn die Magiepolizei sie auf­spürt, sind sie ver­lo­ren. Sie wer­den nicht direkt getö­tet, doch mit­tels einer OP ihrer Zauberkraft beraubt. Dieser Eingriff ist ent­we­der töd­lich oder zer­stört das Gehirn …

Raine hat aus dem, was ihren Eltern wider­fah­ren ist, gelernt: Sie ver­traut nie­man­dem, lässt nie­man­den an sich her­an. Denn sie hat eine magi­sche Kraft – sie kann Leute ver­flu­chen, sodass ihnen Dinge kaputt­ge­hen, sie einen Ausschlag bekom­men usw.: Sie ist eine Fluchweberin. Ihre Magie ist so schwach, dass die Magiesensoren der Magiepolizei nicht dar­auf ansprin­gen. Dennoch ist Raine immer auf der Hut – sie muss Distanz hal­ten, damit sie sich nicht ver­rät, und zugleich darf sie sich nicht zu sehr von den ande­ren abson­dern, da das eben­falls auf­fal­len wür­de. Das wird dadurch erschwert, dass sie in einem Internat lebt, also fast rund um die Uhr immer die glei­chen Leute um sich hat. Als ein neu­er Schüler an das Internat kommt, wird Raine aus ihrer Reserve geris­sen: Denn der Neue inter­es­siert sich mehr für Raine, als ihr lieb ist; ihre Erzfeindin Kim ist noch bos­haf­ter als sonst; eine Ex-Flamme macht ihr neue Avancen; jemand im Internat scheint böse Magie zu prak­ti­zie­ren und Raine hört geis­ter­haf­te Stimmen …

Brigitte Melzer, Jahrgang 1971, hat seit 2004 mehr als fünf­zehn Fantasyromane für Jugendliche her­aus­ge­bracht. „Die Fluchweberin“ ist das ers­te Buch, das ich von ihr gele­sen habe. Es beginnt packend und lässt einen auch nicht wie­der los. Raine, die Fluchweberin, erzählt in der Ich-Form, sodass man ihre Gedanken, Erinnerungen, Erlebnisse haut­nah mit­be­kommt – und nicht mehr weiß als sie. So muss man ziem­lich lan­ge rät­seln, was nun eigent­lich los ist und woher Gefahr droht, das hat etwas von der Maus in der Falle, was das Ganze span­nend macht. Raine gibt nicht nur Wohlüberlegtes von sich und wie­der­holt sich auch mal, das ken­nen wir ja von uns selbst, das ist authen­tisch und sym­pa­thisch – wird aber manch­mal doch etwas zu viel, gera­de bei der Liebesgeschichte, deren Mantra „es geht nicht“ und „es darf nicht sein“ ist.

Die Namen der Haupt- und wich­ti­gen Nebenfiguren pas­sen eher zu einer US-Highschool als zu einem eng­li­schen Eliteinternat: Raine, Ty, Skyler, Mercy, Max – und das gilt genau­so für die Charaktere, für die Erzählweise und die Geschichte. Wenn mich jemand fra­gen wür­de, ob das Buch eher Popcorn oder Keks sei, wür­de ich sagen: Popcorn. Und zwar lecke­res, fluf­fi­ges, süßes Popcorn, das sich wegisst wie nichts und nicht schwer im Magen liegt, wenn die Tüte leer ist.

Die Fluchweberin
von Brigitte Melzer
Lektorat: Ingola Lammers
Ueberreuter 2012
ISBN: 978–3‑8000–5662‑0
ab 14 Jahren
16,95 Euro