„Dein Leben ohne Angst“ – den Titel fand ich zugleich interessant und etwas abschreckend. Also schaute ich erst mal nach, wer die Autorin ist. Martha Beck ist US-Amerikanerin, Soziologin, hat in Harvard studiert und promoviert, ist Life-Coachin und Bestsellerautorin. Sie hat mit Oprah Winfrey zusammengearbeitet. Ja, das klang spannend. Ich wollte lesen, was sie zum Thema „Angst“ zu sagen hat.
Das Buch ist in drei Teile mit jeweils vier Kapiteln untergliedert, die 360 Seiten sind ordentlich gefüllt. Durchaus anspruchsvolle Lektüre, schon aufgrund des Umfangs. Wissenschaftlich belegt, dabei unterhaltsam. Etliche Übungen und Techniken, damit die Leserin, der Leser ins Tun kommt. Aber was ist eigentlich Angst? Martha Beck unterscheidet zwischen Angst (anxiety) und Furcht (fear). Wenn eine Person im gleichen Raum mit einem wilden Leoparden ist, fürchtet sie um ihr Leben. Begründet und nachvollziehbar.
Immer mehr Menschen bekommen eine Angststörung diagnostiziert. Und Ängste dürfte so ziemlich jede Person haben. „Warum war die Chefin heute dermaßen wortkarg, hab ich was Falsches gesagt?“, „Ist der neue Kollege besser als ich, ist mein Job noch sicher?“, „Hat Tante Irma auf einmal was gegen mich? Warum?“, „Ist der Kindergarten die richtige Wahl?“, „Was soll das werden mit dieser Welt, mit den Kriegen, mit der Umweltzerstörung, der Klimakrise?“ und so weiter. Wenn man mal in einem negativen Gedankenkarussell ist, kommt man teils schwer wieder raus. Man analysiert, zerlegt, zerdenkt und dann startet das Ganze wieder von vorn. Mit welchem Ergebnis? Keinem. Gegen diese Ängste und gegen die Angstspirale, wie es im Buch heißt, sollte und kann man was machen, so die Autorin.
In Teil 1 des Buches, „Die Kreatur“, geht es darum, unsere biologische und psychologische Veranlagung zur Angst zu verstehen, die Autorin spricht vom „Angsttier“. Wie behandelt man ein ängstliches Tier, damit es ruhig wird? Bestenfalls zugewandt, souverän, liebevoll. Mit Akzeptanz und Respekt. Flüstertechniken, die Glimmer-Übung, die Ampel-Zustände, das IFS-Modell werden etwa vorgestellt, um zu lernen, mit der Angst bzw. den Ängsten umzugehen. Das ist die Voraussetzung für den nächsten Schritt. Bereits in der Einleitung erwähnt die Autorin, dass Angst nicht beendet werden kann, sie muss ersetzt werden. Durch Kreativität.
Teil 2, „Das Kreative“, zeigt, wie sich das kreative, schöpferische Selbst aktivieren und trainieren lässt, Kreativität ist laut der Autorin „Übungssache“. Wer neugierig, interessiert und offen ist, auch für andere Menschen, Beziehungen, Ansichten, wer sich weiter wundert und staunt, dazu „klassisch“ kreativ ist, zum Beispiel beim Malen, Gärtnern, Kochen, Stricken, Basteln, Musizieren – wird es wahrscheinlich auch darüber hinaus sein, wenn es gilt, Probleme im Alltag oder im Beruf auf eine neue, kreative Art zu lösen. Es gibt wiederum diverse Übungen und Techniken, so „der freundliche Detektiv“, „Bingo für giftige soziale Kontakte“ und die (digitale) Patchworktasche.
In Teil 3 wird der Blick noch weiter, er heißt „Die Kreation“. Kreatur, Kreative, Kreation und die Aufteilung des Buches – die Autorin hat ganz offensichtlich was übrig für Symmetrie, aber das nur am Rande. Wie kann man soziale Rollen loslassen und die Komfortzone erweitern? Gibt es andere Möglichkeiten als das aktuelle hierarchische System, das tendenziell menschenfeindlich ist und auseinanderzufallen scheint? Was lässt sich dem allgegenwärtigen Dogmatismus entgegensetzen? Können soziale Zellen unsere Gesellschaft verändern? Welches Potenzial haben Zweifel an „der“ Realität und „dem“ Wissen? Angst ist ansteckend, lautet eine Erkenntnis der Autorin. Unsere Gesellschaft erzeugt Druck in der Schule, im Job, im engen, weiteren und globalen Umfeld. Sie macht uns Angst. Ängstliche Individuen formen gleichzeitig eine ängstliche Gesellschaft. Was können Menschen bewirken, die kreativ sind und nicht von Ängsten beherrscht werden?
Dieses Buch ist prall gefüllt mit Informationen, Denkanstößen, Übungen, aber auch mit Geschichten. Die Autorin bezieht eigene Erfahrungen und Erlebnisse ein und solche von Menschen, die sie gecoacht hat. Das macht das Ganze bunt, lebendig, fesselnd. Mir gefällt der Originaltitel, „Beyond Anxiety“, deutlich besser als der deutsche. Jenseits der Angst, darüber hinaus – was ist da? Eine eigene Welt und womöglich etwas, das es wert ist, sich darauf einzulassen.

Martha Beck: Dein Leben ohne Angst. Wie du neue Denkmuster findest und die Angstspirale gegen Lebensfreude tauschst
Originaltitel: Beyond Anxiety – Curiosity, Creativity and Finding Your Life’s Purpose
Aus dem US-Englischen von ? (keine Angabe)
Lektorat: Claudia Silbereisen
360 Seiten
2026 humboldt
ISBN 978–3‑8426–4289‑8
22 Euro