„Der Ballkönig“ basiert auf dem Märchen vom Aschenputtel. Wenn man einmal anfängt, darüber zu lesen, kann man damit wirklich viel Zeit verbringen. In Deutschland kennt man „Aschenputtel“ aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Aschenputtel hat eine Stiefmutter, zwei Stiefschwestern, geht drei Mal auf den Ball, die Kleider dafür liefert ein weißer Vogel aus einem Haselstrauch, der Schuh passt nur ihr und am Ende heiratet sie den Prinzen. Wie so oft bei den Brüdern Grimm ist das Märchen stellenweise ziemlich brutal, so hacken sich die Stiefschwestern einen Zeh bzw. die Ferse ab, damit der Fuß in den Schuh passt, das Blut quillt heraus. Genauso bekannt oder vielleicht bekannter ist der tschechisch-deutsche Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ von 1973. Aschenbrödel begegnet dem Prinzen drei Mal in verschiedenen Situationen, die passende Kleidung dafür fällt aus drei Haselnüssen und schlussendlich kommt sie mit dem Prinzen zusammen.
Älter als das Grimm’sche „Aschenputtel“ ist die französische Variante „Cendrillon“ von Charles Perrault. Hier gibt es eine Fee, die Aschenputtel aka Cendrillon hilft und etwa aus einem Kürbis eine Kutsche zaubert. Diese zwei Motive hat Disneys Zeichentrickfilm „Cinderella“ von 1950 aufgegriffen. Der Stoff ist äußerst beliebt, es existieren unzählige Versionen davon. Gemeinsam dürfte allen sein, dass eine arme, unterdrückte Person mit mehr oder weniger Glück, Magie und Eigeninitiative in eine privilegierte Position aufsteigt und glücklich wird, gern mit dem „Märchenprinzen“.
„Der Ballkönig“ orientiert sich an „Cinderella“, die gute Fee ist hier ein „magischer Elfmeterich“ mit Trillerpfeife, das Ballkleid ein Fußballtrikot und der Ball im Schloss ein Fußballturnier. Aschenputtel bzw. Cinderella ist ein kleiner fußballbegeisterter Junge namens Leo, der in einem vertraut wirkenden Jetzt lebt, in dem Magie möglich ist. Leo muss alle Hausarbeit machen, von putzen bis Wäsche waschen, seine zwei Brüder spielen währenddessen die ganze Zeit Fußball. Als eine Einladung aus dem Schloss zum Fußballturnier des Prinzen kommt, will Leo unbedingt hin. Kann aber nicht, da zu viel Hausarbeit zu erledigen ist. Natürlich klappt es trotzdem mit dem Turnier, Leo liefert und verschwindet schnell, als sich die magischen Dinge zurückverwandeln. Einen Fußballschuh hat er allerdings beim Torschießen verloren … Findet der Prinz mithilfe des Schuhs den Superspieler, damit er auch in Zukunft in seiner Mannschaft mitspielt?
Das Buch misst rund achtundzwanzig mal achtundzwanzig Zentimeter, ein relativ großes, aber noch handliches Format. Mal geht eine Zeichnung über eine Doppelseite, mal sind mehrere Panels auf einer Seite. Letzteres ist gerade beim Fußballturnier perfekt, um Bewegung und Action reinzubringen. Die Bilder sind abwechslungsreich, es gibt viel zu entdecken. Sie haben eine angenehme Grundruhe, unter anderem durch die zwar bunte, jedoch etwas gedeckte Farbgebung. Tiere kommen vor, auch wenn sie keine magische Rolle spielen und nicht sprechen können. Eine niedliche Katze oder ein knuffiger Hund sind in etlichen Bildern und können beim Vorlesen oder Selbstangucken des Buches gesucht werden. Das Fußballmärchen konzentriert sich auf die Kinder, die einzigen zwei Erwachsenen sind die Schiedsrichterin und der magische Elfmeterich, Leos Eltern beispielsweise tauchen nicht auf. In der Rahmenhandlung ist allerdings Leo selbst erwachsen, er erzählt sein als Kind erlebtes Fußballmärchen seinem Sohn als Einschlafgeschichte. Und Papa Nummer zwei sagt später auch noch gute Nacht …
„Der Ballkönig“ ist aus dem Englischen übersetzt, der Originaltitel lautet „The Perfect Match“. Beide Titel finde ich super, schön spielerisch, mit Bezug auf Aschenputtel und Fußball – Volltreffer, sozusagen. Die Fußballmannschaft, in der Leo und der Prinz spielen, heißt „Lila Ritter“ bzw. „Purple Knights“. Lila, genauer Purpur, ist ja die Farbe der Könige und „Purple“ gilt auch als wichtige queere Farbe. Divers sind die zwei Kinderfußballmannschaften, mit Kids of Colour, Mädchen und Jungen kicken zusammen, einer trägt eine Brille und eine ein Hörgerät. Ein Buch also, das ganz unterschiedliche Familien ansprechen dürfte und natürlich vor allem solche mit Kindern, die Fußball lieben, so wie Ballkönig Leo.

Der Ballkönig. Ein Fußballmärchen
Originaltitel: The Perfect Match
Text: Chris Becker
Illustrationen: Dan Taylor
Aus dem Englischen von Oliver Schlick
Lektorat: Judith Schumacher
40 Seiten
ab 4 Jahren
2026 annette betz
ISBN 978–3‑219–12115‑5
16 Euro