Großer kleiner Abenteurer: „Ferdinands fantastischer Schulweg“ von Annette Boisnard und Nicolas Ancion

Gibt es das heu­te über­haupt noch? Ferdinand, der Held die­ses Buches von Annette Boisnard und Nicolas Ancion, ist zwar nicht viel grö­ßer als sei­ne Schultasche, doch er darf allein zur Schule gehen. Und sein Schulweg ist lang genug, um zahl­rei­che fan­tas­ti­sche Abenteuer zu erle­ben. Aber der Reihe nach …

Am Morgen packt Ferdinand – Dreikäsehoch mit Schiebermütze, blon­den Haaren und Knopfaugen – Essen, Trinken und sein Kuscheltier in sei­ne Schultasche. Das Kuscheltier sieht aus wie ein Zipfeltaschentuch, Knoten oben, Augen, Nase, Mund und Arme – mal kein Teddy, Tier oder eine Puppe, auch schön!

Und los! Jedes Abenteuer ist auf einer Doppelseite dar­ge­stellt, und zwi­schen den bei­den Seiten ist noch mal eine Dreiviertelseite ein­ge­fügt. Erst sieht man eine ganz all­täg­li­che Situation, wenn Ferdinand  zum Beispiel die Oma mit dem klei­nen Hund trifft. Dann schlägt man die Dreiviertelseite um – und Ferdinand kämpft als muti­ger Ritter gegen einen grau­si­gen Drachen (der das Halsband des Hundes trägt, aber sonst nichts mehr mit ihm gemein hat). Und so geht es wei­ter: Mit sei­ner Fantasie schlit­tert Ferdinand in die präch­tigs­ten Abenteuer!

Die Bilder sind bunt und pep­pig, gut gefüllt mit Gegenständen und Leuten, aber doch auf­ge­räumt genug, um nicht den Überblick zu ver­lie­ren. Die Worte sind nicht so wich­tig: Jedes Abenteuer hat höchs­tens fünf Zeilen Text, meist sind sie sehr kurz. Es ist also ein Buch, das man natür­lich vor­le­sen kann, das aber auch per­fekt zum Allein-Anschauen für die Kinder geeig­net ist, denn die Geschichten erzäh­len sich qua­si von selbst. Was ja bei Bilderbuchgeschichten auch nicht immer so ist.

Schön sind die Details: das Taschentuchknuddeltier, das sich mal ängst­lich ver­steckt, und mal Ferdinand bei­steht; und auch der Hintergrund ver­än­dert sich, je nach­dem, ob Ferdinand Pirat ist oder gegen ein Ungeheuer kämpft …

Auf dem letz­ten Bild ist Ferdinand in der Schule ange­kom­men und erzählt sei­nen stau­nen­den Schulfreunden von sei­nen fabel­haf­ten Reisen. Ach, so ein Schulweg ist doch tau­send­mal bes­ser als im Auto oder im Bus zur Schule zu fahren!

„Ferdinands fan­tas­ti­scher Schulweg“ ist ein Bilderbuch ab fünf Jahren, das nicht nur Eltern gut fin­den (das hat man ja auch manch­mal, wenn es gar zu künst­le­risch-ambi­tio­niert wird bei­spiels­wei­se). Ein Testleserkind hat das Buch für sehr gut befun­den und zieht sich, wie man hört, des Öfteren damit zurück, um mit Ferdinand auf Abenteuerreise zu gehen …

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Ferdinands fan­tas­ti­scher Schulweg
Verfasser: Nicolas Ancion
Illustratorin: Annette Boisnard
ab 5 Jahren
22 Seiten
12,95 Euro
Verlag Annette Betz
ISBN: 978–3‑219–11493‑5

Danke für Konrad und Gretchen – ein Hoch auf Christine Nöstlinger!

Am Donnerstag bekommt Christine Nöstlinger eine Corine, den Literaturpreis des Landesverbandes Bayern im Börsenverein des deut­schen Buchhandels – den Ehrenpreis für das Lebenswerk, um genau zu sein. Und den hat sie ver­dient. Es ist schwer, als Kind an Nöstlingers Büchern vor­bei­zu­kom­men, denn sie sind über­all, und das ist gut so. Nehmen wir zum Beispiel den Franz, von dem es Weihnachts‑, Schul‑, Liebes- und etli­che ande­re Geschichten gibt, den Gurkenkönig oder Mini.

Meine Geschichte mit Christine Nöstlinger begann mit Konrad. Frau Bartolotti, die ziem­lich chao­tisch und so gar nicht durch­schnitt­lich ist, hat einen Bestelltick und bekommt – irr­tüm­lich! – Konrad, das Kind aus der Konservenbüchse gelie­fert. Er ist ein wah­rer Musterknabe, der immer brav und lieb sein muss, denn so wur­de er pro­gram­miert. Der Traum man­cher Eltern ist ein Albtraum für Frau Bartolotti, und so setzt sie alles dar­an, aus Konrad einen „nor­ma­len“ Jungen zu machen, der nicht wie ein Roboter funk­tio­niert, son­dern sich auch mal dre­ckig macht und nicht das tut, was ihm befoh­len wird.

Eine ver­blüf­fen­de Verkehrte-Welt-Geschichte, die trotz­dem ganz rea­lis­tisch rüber­kommt und die mir Appetit gemacht hat auf Bücher mit einem Schuss Fantastik, mit Witz und Tempo. Kein Wunder, dass ich auch spä­ter öfter zugriff, wenn ich Bücher von Christine Nöstlinger sah. So kam ich an Gretchen Sackmeier, die mit Querelen und Veränderungen in ihrer Familie klar­kom­men muss und dar­über vom Pummel zum dün­ne­ren, hüb­schen Teenager wird, der mit Jungsgeschichten anfängt. Wenn Gretchen nicht so umwer­fend sym­pa­thisch wäre, hät­te ich sie glü­hend benei­den, ja, has­sen müs­sen. Stattdessen wünsch­te ich mir eine Freundin wie sie …

Und das ist ja längst nicht alles, wie gesagt, Christine Nöstlinger hat unheim­lich vie­le und ver­schie­de­ne Bücher für Kinder und Jugendliche geschrie­ben. Wie schön, dass sie dafür (neben den vie­len Preisen, die sie schon hat) auch die Corine bekommt!

Ein Maulwurf im Winter: „Was glitzert da im Schnee?“ von Vanessa Cabban und Jonathan Emmett

Vielleicht hat mit Krtek, dem klei­nen Maulwurf, alles ange­fan­gen? Zdeněk Miler, der Zeichner aus Prag, hat 1957 den ers­ten Maulwurf-Zeichentrickfilm her­aus­ge­bracht. Der klei­ne Kerl war ein Glücksgriff, er wur­de in zahl­rei­chen Ländern ein gro­ßer Erfolg. Seitdem sind ihm vie­le Maulwurfhelden gefolgt, und ein Maulwurfbuch, das in die­sem Jahr erschie­nen ist, habe ich mir genau­er angeschaut.

„Was glit­zert da im Schnee?“ heißt es, auf dem Cover ist ein zucker­sü­ßer Maulwurf zu sehen – mit weni­gen Strichen gezeich­net (neh­me ich an), mit Schaufelpfötchen, Stummelschwänzchen und etwas Schnee auf dem Kopf. Um ihn her­um glit­zert es tat­säch­lich, wie die Buchleute die­se Glitzerschneebällchen gemacht haben, weiß ich nicht. Es ist jeden­falls kein bil­li­ger Glitter, der sich löst und den man dann an den Händen und der Kleidung hat, und das fin­de ich schon mal gut.

An einem Tag im Winter schaut der Maulwurf aus sei­nem Maulwurfshügel, und drau­ßen ist alles weiß. Er sieht zum ers­ten Mal Schnee, es ist also ein klei­ner, neu­gie­ri­ger Maulwurf, der sich gleich auf­macht, um sich alles anzu­schau­en, und dabei Kreiselspuren im Schnee hin­ter­lässt. Auf einem stei­len Hang rutscht er aus und saust den Berg hin­ab, direkt gegen einen Baum. „Uff!“, sagt er, aber er hat sich nicht weh­ge­tan und ent­deckt gleich etwas Großartiges: Direkt neben sich sieht er einen glit­zern­den Diamanten. Er will ihn mit nach Hause neh­men, doch auf dem Heimweg ver­än­dert sich der Diamant, bis er schließ­lich ganz ver­schwin­det. Igel, Eichhörnchen und Hase kom­men just in dem Moment vor­bei und tref­fen auf einen trau­ri­gen Maulwurf, der ihnen alles erzählt und sie zu dem Baum führt, bei dem er den Diamanten gefun­den hat. Der Hase zeigt nach oben, und der gan­ze Baum ist vol­ler Diamanten …

Ach, es ist ein zau­ber­haf­tes Buch. Die Bilder sind ruhig, herr­lich unauf­ge­regt, mit gedämpf­ten Farben, der Schnee domi­niert die Landschaft, die weni­gen Bäume sind kahl. Die Tiere sind mit sanf­ten Farben gezeich­net, rund sehen sie aus, schließ­lich haben sie ihr Winterfell. Mimik und Gestik des klei­nen Maulwurfs, die Spuren im Schnee, das wech­seln­de Winterlicht von den wär­men­den Morgensonnenstrahlen über das kal­te, blaue Licht am spä­ten Nachmitttag bis zum fun­keln­den Einbruch des Abends hat Vanessa Cabban ganz herr­lich gezeichnet.

Und ja, Maulwürfe hal­ten kei­nen Winterschlaf, sie zie­hen sich ledig­lich tie­fer in die Erde zurück. Nur der Igel müss­te eigent­lich schla­fen, aber war­um soll­te er nicht auch mal im Winter aufwachen?

Ein wun­der­ba­res Buch, das den Zauber des Winters ein­fängt und rich­tig Sehnsucht macht nach Schnee und die­ser fas­zi­nie­ren­den Landschaft in weiß. Aber lan­ge müs­sen wir dar­auf wahr­schein­lich sowie­so nicht mehr warten …

Was glit­zert da im Schnee?
Verfasser: Jonathan Emmett
Illustratorin: Vanessa Cabban
Annette Betz Verlag
ab 4 Jahren
32 Seiten
12,95 Euro
ISBN: 978–3‑219–11494‑2