Ein Spruch an einem Haus in Warnemünde, in der Alexandrinenstraße, geknipst an einem Sonnentag im frühen Herbst, auf dem Weg zum Meer.
„Gott schütze dieses Haus vor Not + Feuer,
vor Stadtplanung und vor Steuer“

Ein Spruch an einem Haus in Warnemünde, in der Alexandrinenstraße, geknipst an einem Sonnentag im frühen Herbst, auf dem Weg zum Meer.
„Gott schütze dieses Haus vor Not + Feuer,
vor Stadtplanung und vor Steuer“

In der aktuellen my.self-Ausgabe ist mir diese Woche eine Parfumwerbung aufgefallen. Ein Mann, eine Frau. Die Frau allerdings hatte keinen Körper, jedenfalls nicht das, was ich als einen solchen bezeichnen würde. Es war mehr ein Schatten. Ja, es ist nicht neu, dass in der Werbung Frauen ihre Konturen verlieren und kräftig gephotoshoppt werden. Aber das war wirklich krank. Und ich hab an das Buch gedacht, das ich vor einer Weile gelesen habe: „Hunger nach weniger. Roman einer Magersucht“. Autorin des Buches ist Jessica Antonis, die selbst magersüchtig war (oder bleibt man es immer, wenn man es mal war, auch wenn man sie überwindet?): „Diese Geschichte beruht auf eigenen Erfahrungen, aber die Personen sind frei erfunden“, steht auf Seite sechs.
„Hunger nach weniger“ wurde von Verena Kiefer aus dem Niederländischen übersetzt und ist 2001 erstmalig auf Deutsch erschienen. Seitdem sind etliche Jahre ins Land gezogen, und manchmal merkt man das dem Buch auch an. Es stört aber nicht, denn die Geschichte kreist einzig und allein um Anne: Was denkt Anne, was macht Anne. Und die 16-jährige Anne hat nur ein Thema: ihren Körper, den sie zu dick findet, und den sie dünner bekommen will.

Das Buch ist in Monate untergliedert, es beginnt im September. Anne will einen Rock anziehen, steht ewig vor dem Spiegel und gefällt sich in keinem. Schließlich zieht sie, wie immer, ihren Schlabberpulli und eine Jeans an. Sie ist neidisch auf ihre jüngere Schwester Sofie, die ganz lässig ist und sich in ihrem Körper wohlfühlt. Anne hasst es, den Schulhof zu überqueren, sie stellt sich vor, alle würden sie anstarren und sie hässlich und dick finden. Sie wünscht sich dünne Beine, einen flachen Hintern, eine schmale Taille und Oberschenkel, die beim Laufen nicht gegeneinanderscheuern. Ihre beste Freundin Amaryllis ist so, wie Anne es sich erträumt: wunderschön, dünn. Anne will von ihr wissen, ob sie dick sei. Die Antwort der Freundin: „Du bist wirklich nicht dick, nur mollig“. Das ist der Auslöser. Anne hat zwar schon öfter Diät gehalten und versucht, abzunehmen, doch jetzt will sie es durchziehen.
Ab sofort dreht sich alles nur noch ums Essen. Sie will nicht essen – und denkt deswegen ständig daran. Sie kann sich schlechter konzentrieren, das Essen wird zum Feind, sogar im Traum geht es ums Essen, es sind Albträume. Im September wiegt Anne bei 1,63 m 60 Kilo. Ihr Ziel sind 47 Kilo. Im Februar wiegt sie weniger als 46 Kilo, und es ist immer noch nicht genug. Es ist wie ein Sog, der Anne mit sich reißt und kein Anhalten mehr zulässt, sie von ihrer Familie und ihren Freunden, von allen, entfernt. Alle Kraft und Energie scheint sie in das Dünnerwerden zu stecken. Sie kann sich nicht gegen ihre Mutter und gegen ihre jüngere Schwester durchsetzen, doch in Bezug auf das Abnehmen lässt sie sich von keinem etwas sagen. Ihre Eltern merken, dass Anne immer weniger wird und bald viel zu wenig wiegt. Anne verspricht ihnen, regelmäßig zu essen. Damit sie nicht zunimmt, greift sie heimlich zu Abführmitteln.
Die ekligen, brutalen Seiten der Magersucht bleiben nicht ausgespart. Als Anne einmal 15 Tabletten nimmt, verliert sie die Kontrolle über ihren Schließmuskel, Magenschmerzen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Die Abführtabletten sind teuer, sodass sie beginnt, ihre Familie zu bestehlen. Als sie kein Geld mehr hat, geht sie dazu über, ihr Essen zu erbrechen, außerdem treibt sie manisch Sport. Sie verletzt sich selbst mit einem Rasiermesser und entwickelt zwanghafte Verhaltensweisen. So beobachtet sie, wie viel andere essen, sie muss immer die sein, die am wenigsten isst. Als ihre Freundin Amaryllis beschließt, dass sie auch abnehmen müsse, entwickelt sich zwischen den beiden Mädchen eine Art Konkurrenz. Vertrauen kann Anne niemandem mehr, nur ihrem Tagebuch. Als ihre Eltern es finden und darin lesen, wird Anne in eine Klinik eingewiesen.
Dort wird sie nicht automatisch gesund, sie muss sich wieder entscheiden. Warum sie die Entscheidung trifft, die sie trifft, war für mich nicht so richtig nachvollziehbar. Vielleicht versagen der Autorin hier die Worte, oder sie können nur ein schlechter Ersatz sein? Auch andere Fragen bleiben offen, da wir nur Annes Sicht der Dinge erfahren. So kommt ihre Mutter nicht besonders gut weg, da sie ihre fast erwachsene Tochter teils entmündigt, ihr vorschreibt, was sie tun soll: die Oma besuchen, eine bestimmte Bluse kaufen usw. Und ist Amaryllis wirklich eine gute, loyale Freundin – oder eifersüchtig auf Anne, die nun so dünn ist und für die Alex etwas übrigzuhaben scheint? Dieses Ungefilterte gibt einem zu denken, zu grübeln. Zumal Anne am Ende, als sie gesund werden will, hofft, dass ihre Familie und Freunde „ihr irgendwann das Leid, das sie ihnen zugefügt hatte, würden vergeben können.“ Das liest sich seltsam, da wir in diesem Buch ausschließlich von dem Leid gelesen haben, das Anne erlebt. Es ist schlimm. Und es ist gut, dass das so unmittelbar gezeigt wird, vielleicht kann es Freunden und Familienmitgliedern von Magersüchtigen helfen, deren Denkweise zu verstehen und die Tricks zu erkennen. Vielleicht kann es auch Jugendliche erreichen, die sich die Bilder im TV, in den Zeitschriften, in der Werbung zu Herzen nehmen und so dünn werden wollen wie manche Models. Sich dünn zu hungern kann lebensbedrohlich sein, und an Magersucht ist nichts Romantisches, sie ist ein Elend. Das ist nach dem Lesen dieses Buches klar.
Jessica Antonis: Hunger nach weniger
ab 14 Jahren, 200 Seiten
9,95 Euro
Ueberreuter
ISBN: 978–3‑8000–5651‑4
Da hätten wir ein Buch, das man mehr als einmal lesen kann, ohne dass es langweilig wird. Vielleicht sollte man es sogar zweimal lesen, denn beim ersten Lesen bekommt man wahrscheinlich vor allem mit, dass Moritz, um den sich hier alles dreht, ziemlich oft an Sex denkt. Moritz Holden Motte ist 14, hat noch nicht mit einem Mädchen geschlafen, will das schleunigst ändern und macht derweil Fortschritte beim „Wichsen“, wie er es nennt. Ja, die Sprache ist direkt, das bekommt man bereits im dritten Satz mit, in dem es um den „Zusammenhang zwischen Schuhgröße und Schwanzlänge“ geht.
Der Autor des Buches ist Martin Joyce Nygaard, Ricarda Essrich hat es aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzt. Die Trilogie um Moritz Motte, deren erster Band „Autofokus. Moritz Motte will es wissen“ heißt, soll autobiografische Züge haben. Als Teenager habe Nygaard sich über unrealistische Jugendbücher geärgert, ist im Klappentext zu lesen. Das musste er natürlich selbst besser machen – und lässt auch Moritz über ein solches Buch lästern: „Es war total schlecht. Kein Junge auf der Welt würde so denken, wie es die Hauptfigur im Buch tat. Er war nicht ein einziges Mal geil gewesen. Hallo??“
Und da ist ja was dran, wenn ich so an die Jugendbücher denke, die ich gelesen habe (und das sind viele): Genauso wenig wie erwähnt wird, dass der Held aufs Klo geht, steht da auch, wie der pubertierende Körper manchmal macht, was er will, und dass in dem Alter so langsam die Sexualität erwacht, ums mal gediegen auszudrücken. Und wenn es doch körperlich wird, dann ist es gleich die große Liebe – explizit, realistisch oder peinlich wird es eher nicht. Wir reden hier von Jugendbüchern, nicht von Büchern für Kinder, also von einem Publikum ab circa 13 Jahren. Teenagern wird zwar einiges an Gewalt zugemutet, beispielsweise mit der „Tribute von Panem“-Reihe, aber „Geilsein“ und „Wichsen“ (siehe oben …)?
„Autofokus“ ist nah dran an dem, was Teenagerjungs (vermutlich) denken, fühlen und tun, aber das wird mit dem Wissen und der Erfahrung eines Erwachsenen formuliert. Keine Jugendsprache auf Krampf, Inhalt statt So-wie-als-ob. Es sind gar nicht so viele Seiten, 225, doch die zeigen Moritz recht komplex. Die Geschichte bzw. Handlung ist chronologisch, dabei nicht künstlich-dramatisch konstruiert, sondern da läuft das Leben ab, es passiert was, Probleme kommen und gehen wieder (oder auch nicht). Hier sitzt man einem 14-Jährigen auf der Schulter, der in der Ich-Form erzählt. Man denkt sich: Das ist ein netter Junge, nicht bösartig oder so, der nicht direkt einen Plan hat und versucht, sich als Nicht-mehr-Kind zurechtzufinden, scheint nicht leicht zu sein mit Freunden, die ganz schön mobben können, mit Mädchen, die man einfach nicht versteht, mit einer Familie, in der man sich manchmal wie ein Alien fühlt. Und man staunt, wie wichtig die Sex-Sache für Moritz ist …
Der Kosmos der Hauptperson ist die Stadt, in der Moritz lebt, sind seine Schule, Freunde und die Familie. Sein bester Freund Jonny ist nach einem Autounfall, bei dem der Vater ums Leben kam, von der Taille abwärts gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Das spielt weiter keine Rolle, Moritz ist deswegen nicht netter oder gemeiner zu seinem Freund. Wenn Moritz den Harten gibt, um sich in der Schule Anerkennung zu verschaffen, muss Jonny auch mal einstecken … Moritz‘ Mutter ist Engländerin und scheint mit dem Herzen noch in ihrer Heimat zu sein, sie lebt auf, wenn sie nach England telefoniert und zeigt ihre Gefühle eher nicht. Als Kind war Moritz eine Zeitlang im Kinderheim, die Angst davor, abgeschoben und zurückgelassen zu werden, schleppt er seitdem mit sich herum. Beide Eltern scheinen Lichtjahre von dem Jungen entfernt, Planeten, die zu anders sind, um sie begreifen zu können, man muss sich mit ihnen arrangieren. Vor dem Vater hat Moritz Angst bis Respekt, er wird aus ihm nicht schlau. Es gibt nur wenige Momente der Nähe. Von seinen Problemen erzählt Moritz seinen Eltern nichts, nie scheint der richtige Augenblick dafür da zu sein.
Moritz ist ein Bastler und holt sich damit ein bisschen Beifall, so, als er einen Handventilator baut und der coolste Typ in der Klasse ihn gnädig annimmt, woraufhin alle so ein Spielzeug haben wollen. Er trägt Zeitungen aus, um sich was dazuzuverdienen, hat ein Meerschweinchen und ist Techniker in einer Band. Endlich ein Buchteenager, der nicht nur zwei explizit genannte Hobbys hat. Was Moritz so macht, wird nicht auf dem Tablett präsentiert, sondern ist schön in die Geschichte eingewoben.
Die Mädchen, oder: die Frauen sind selbstredend ein Kapitel für sich. Ist Moritz verknallt in Jonnys jüngere Schwestser Pia? Oder in das schönste Mädchen seiner Klasse, Barbie? In Katinka, die sich mit ihm verlobt, oder in die fette Rachel? Und was ist mit Sandra, der amerikanischen Untermieterin? Auf jeden Fall ist er dabei, seinen Körper (na, einen bestimmten Körperteil besonders) zu entdecken, teils gerät er dabei regelrecht außer Kontrolle, der Kopf ist ausgeschaltet und Moritz macht Sachen, für die er sich dann schämt – es kommt ihm vor, als verwandele er sich in einen Mr. Hyde… Was Moritz so treibt auf der Suche nach der Sexualität, ist nicht unbedingt durchschnittsjungenhaft, es ist schon extrem und auch überzeichnet. Aber Moritz dürfte für Jungs eine Identifikationsfigur abgeben, und für alle anderen liest sich das Buch einfach gut – ohne falsche Scham und wahrhaftig. Erwachsenwerden und Sexualität? Moritz heißt sicher nicht zufällig Moritz Holden Motte – „Der Fänger im Roggen“, Holden Caulfield, lässt grüßen!
* * *
Martin Nygaard: Autofokus – Moritz Motte will es wissen
Aus dem Norwegischen von Ricarda Essrich
ab 14 Jahren, 228 Seiten
Abentheuer Verlag
14,80 Euro
ISBN 978–3‑940650–15‑3