Mit Kindern Geschichten erfinden: „Und was passiert dann?“ von Andrea Behnke

Andrea Behnke hat ein Übungsbuch für Leute geschrie­ben, die mit Kindern zusam­men Geschichten erfin­den wol­len. Das Buch ist ein wah­rer Schatz. Das geht los beim Titel: „Und was pas­siert dann?“ – genau das sagen Kinder, wenn sie sofort (!) wis­sen wol­len, wie es wei­ter­geht mit der Geschichte. Dann die Coverillustration von Beate Mizdalski: ein­fach schön und anspre­chend. Und so ist auch die Gestaltung des Buchinnenlebens: mit wei­te­ren fröh­li­chen Bildern, mit viel Raum für den Text und ordent­lich gro­ßer Schrift sowie mit kla­rer Untergliederung der ein­zel­nen Übungsteile. Insgesamt drei­ßig Übungen stellt Andrea Behnke vor, unter­glie­dert in sie­ben Bereiche: „Warm-up-Spiele“, „Mit (Bilder-)Büchern ezäh­len“, „Erste eige­ne Geschichten“, „Geschichten und Theater“, „Mit allen Sinnen erfin­den“, „Geschichten aus dem Leben“ und „Draußen erzählen“.

Das Buch rich­tet sich an Erzieherinnen im Kindergarten. Deswegen sind es auch Übungen, die man mit klei­ne­ren oder grö­ße­ren Kindergruppen machen kann. Zu jeder Übung gibt es eine aus­führ­li­che Anleitung und einen far­big unter­leg­ten Kasten, in dem die wesent­li­chen Informationen zusam­men­ge­fasst sind: Alter, Gruppengröße, Ort, Material, Vorbereitung, Erzähl-Schritte – und wel­che Kompetenzen jeweils beson­ders geför­dert wer­den (Empathie, Kreativität, Konzentration …). Zwanzig der Übungen sind für Kinder ab drei, sie­ben Übungen ab vier Jahren. Und natür­lich sind die Übungen nicht nur für den Kindergarten geeig­net – sie sind hilf­reich und berei­chernd für alle Erwachsenen, die mit Kindern zu tun haben. Man kann sich zum Beispiel Inspirationen für den Kindergeburtstag her­aus­ho­len. Oder für Schreibkurse mit Kindern. Und für den Alltag mit den eige­nen Kindern – fast alle Übungen funk­tio­nie­ren schon mit einem Kind.

Das Buch ist glei­cher­ma­ßen für Leute geeig­net, die bereits Übung im Erzählen und Geschichtenerfinden mit Kindern haben – und sol­che, die hier Anfänger sind. Letztere suchen sich Übungen aus, die ihnen gefal­len und die sie sich zutrau­en, und dann geht es ein­fach los. Andrea Behnke flicht immer wie­der Ermunterungen in den Text ein, sie nimmt einem die Scheu davor, mit Kindern Geschichten zu erfin­den und zu spie­len. Ihre Übungsanleitungen sind nicht zu lang und nicht zu kurz, sie machen Lust dar­auf, gleich los­zu­le­gen. Und viel Vorbereitung sowie Material ist auch nicht vonnöten.

Nehmen wir als Beispiel die „Geschichten aus der Schachtel“. Das ist eine Übung mit Kindern ab drei Jahren. Als Material braucht man eine Schachtel und Dinge, die man hin­ein­tun kann, bei­spiels­wei­se Figuren, Steine, klei­ne Fundstücke aus dem Kindergarten, die zu einem Thema pas­sen. Als Vorbereitung stellt man einen Schachtelinhalt zusam­men und über­legt sich den gro­ben Rahmen einer Geschichte. Und dann kann man schon anfan­gen: den Kindern die Schachtel und ihren Inhalt prä­sen­tie­ren, die Dinge aus­pa­cken las­sen, in eine Reihenfolge brin­gen – und: gemein­sam erzählen!

Es ist eine bun­te Mischung aus Übungen, die zum Geschichtenerfinden ani­mie­ren: mit Schatzsuche, Pantomime, Puzzle, alten Fotos, Bilderbüchern, Fantasiefiguren und mehr. Der Übungsteil – also der Hauptteil – ist umrahmt von ein paar Seiten, die am Anfang auf das Erzählen ein­stim­men sol­len und am Schluss zei­gen, wie man das Erzählen und die Geschichten, die man zusam­men erfin­det, im (Kindergarten-)Alltag ein­bin­den kann, mit­tels Geschichten-Adventskalender, selbst­ge­mach­ten Bilderbüchern und anderem.

Das Buch ist eine run­de Sache, es bie­tet einen Überblick und viel prak­ti­sches Wissen – Anleitungen zum Loslegen. Es ist erfri­schend schnör­kel­los und spricht die Leserin, den Leser direkt an. Natürlich wird gesiezt, aber belehrt wird nicht, son­dern erzählt und erklärt. Und Neues erfährt man wahr­schein­lich auch, ich hat­te zum Beispiel vor­her noch nicht vom Kamishibai, einem japa­ni­schen Papiertheater, gehört. Und das „Oh ja!“-Spiel kann­te ich auch nicht. Nachdem ich das Buch jetzt in einem Rutsch gele­sen habe, wer­de ich es in Zukunft immer wie­der zur Hand neh­men und ein­zel­ne Übungen aus­pro­bie­ren. Und dar­auf freue ich mich schon jetzt. :)

Andrea Behnke:
Und was pas­siert dann? Geschichten erfin­den mit Kindern
Verlag Herder
1. Auflage 2012
Mit Illustrationen von Beate Mizdalski
96 Seiten
ISBN 978–3‑451–32440‑6
19,95 Euro

Vierzehn Porträts, ein Buch: „Hannover persönlich“ von Birte Vogel

Gefreut hat­te ich mich vor allem auf das Porträt von Ingo Siegner, der Kinderbuchautor und ‑illus­tra­tor ist. Eine sei­ner Figuren ist der klei­ne Drache Kokosnuss, über den es nun schon mehr als ein Dutzend Bücher gibt. Kinder lie­ben den Feuerdrachen, und Erwachsene kön­nen die­se Geschichten sehr gut ertra­gen, sogar auf lan­gen Autofahrten als Hörbuch, und das will was heißen.

Ingo Siegners Porträt ist nicht das ers­te in „Hannover per­sön­lich“, und ich habe auch nicht ins Inhaltsverzeichnis geschaut und dann vor­ge­blät­tert – son­dern ein Porträt nach dem ande­ren gele­sen, in der Reihenfolge, die Birte Vogel aus­ge­wählt hat. Natürlich kann man die vier­zehn Porträts lesen, wie man lus­tig ist – man könn­te sich die Fotos auf dem Cover anschau­en, eins aus­wäh­len und es dann im Buch suchen. Oder man fängt hin­ten an, in der Mitte, wie es einem gefällt. Das geht, denn die Porträts sind jedes für sich abge­schlos­sen, die Porträtierten haben mit­ein­an­der nichts zu tun. Dennoch haben sie ein-zwei Dinge gemein­sam: Zum einen leben sie in oder bei Hannover bzw. haben dort gelebt, zum andern sind ihre Geschichten äußerst lesenswert.

Sechs Frauen und acht Männer hat Birte Vogel inter­viewt und dann in Worte gefasst, wie sie die­se Persönlichkeiten erlebt hat und was sie ihr erzählt haben. Die Porträts erschei­nen zum Großteil sehr per­sön­lich, und das, obwohl Familiäres und wirk­lich Privates zumeist auch pri­vat und unge­sagt bleibt. So spie­len die Männer bzw. Frauen der Interviewten kei­ne Rolle, auch Kinder, so es wel­che gibt, fin­den höchs­tens am Rande Erwähnung. Es geht wirk­lich jeweils um die­se eine Person, auf die sich Birte Vogel kon­zen­triert, bei der sie nach­fragt und ‑forscht, wel­che Geschichte sie hat, wie sie so gewor­den ist, wie wir als Leser sie jetzt erle­ben dür­fen. Eine zen­tra­le Rolle spielt dabei der Beruf, und hier ist die Spannweite wirk­lich breit: eine Hutmacherin, ein Radrennfahrer, ein Clown, eine Taubblinden-Pädagogin …

Die Taubblinden-Pädagogin heißt Inez Aschenbrenner, und Birte Vogel hat sie an einem Sommertag getrof­fen, im Taubblindenzentrum (TBZ), wo sie arbei­tet. Birte Vogel darf bei einer Unterrichtsstunde zuschau­en und danach Fragen stel­len, ver­mut­lich sind es sehr, sehr vie­le gewe­sen, denn das Porträt ist so rund und detail­reich, dass es sich wun­der­bar und leicht liest, aber man weiß ja, wie viel Arbeit genau die­ses Leichte, Kompakte macht, wenn man es zu Papier brin­gen will bzw. muss. Und Birte Vogel bet­tet die per­sön­li­chen Geschichten in einen grö­ße­ren Kontext ein – in Inez Aschenbrenners Porträt geht sie auf die Taubblindheit ein: Was ist das für eine Behinderung, wer war die bekann­tes­te Taubblinde (die Amerikanerin Helen Keller), wel­che Ursachen kann die Taubblindheit haben, wie erle­ben Taubblinde wahr­schein­lich sich und die Welt, wie kön­nen sie kommunizieren?

Wie müh­sam es für Taubblinde sein kann, Kontakt zu ihrer Umgebung auf­zu­neh­men, und wie schwer es für ihre Familie, Lehrer und Freunde sein kann, sie zu ver­ste­hen, begreift man, wenn Birte Vogel eine Unterrichtsstunde schil­dert. Das ist ganz groß, was Inez Aschenbrenner da als Pädagogin leis­tet, den­ke ich, jeden Tag aufs Neue! Und am Ende des Porträts bin ich furcht­bar berührt und gerührt. Und so geht es mir mit eini­gen der Porträts, nicht mit allen, ver­mut­lich wird das bei jedem Leser anders sein, wird die eine Geschichte den mehr und die weni­ger anspre­chen. Aber alle sind fes­selnd und zugleich sehr informativ.

Die meis­ten Namen wer­de ich mir wohl nicht mer­ken, Namen sind nicht so wich­tig für mich. Aber die Geschichten, die Persönlichkeit der Porträtierten wer­de ich kaum ver­ges­sen, und mit­neh­men wer­de ich außer­dem Ermunterung, Antrieb, ein Stück Zuversicht. Man liest hier, dass man etwas bewe­gen kann, wenn man Energie nicht nur in sich, son­dern auch in ande­re steckt, in die Gemeinschaft, wenn man es so will. So gibt zum Beispiel Ingo Siegner schon viel, indem er gute Kinderbücher schreibt, die Kinder zum Selberlesen brin­gen. Doch außer­dem ist er Schirmherr von Lesestart Hannover e.V., einem Verein, der sich für die Sprach- und Leseförderung von Kleinkindern ein­setzt. Das wuss­te ich vor „Hannover per­sön­lich“ noch nicht. So wie vie­les ande­re. Und ein Buch ist doch erst rich­tig span­nend, wenn man etwas Neues erfährt!

So viel zum Inhalt des Buches, noch kurz ein paar Sätze zu sei­nem Äußeren: Es ist ein kom­pak­tes Hardcover mit Schutzumschlag und, was ich immer groß­ar­tig fin­de, mit einem Lesebändchen. Auf dem Cover sind vier­zehn Porträtbilder zu sehen, die dann im Buch beim jewei­li­gen Porträt wie­der auf­tau­chen, ganz­sei­tig. Die Fotos stam­men von Dieter Sieg und sie sind, wie die Wortporträts, per­sön­lich. Unmittelbar, lebens­nah. Passt einfach.

Kein Wunder, dass ich die­ses Buch emp­feh­le – und um mit „Hannover per­sön­lich“ etwas anfan­gen zu kön­nen, muss man nicht irgend­wann in der Stadt gewe­sen sein oder dort gelebt haben. Denn es geht nicht um die Stadt, son­dern um die Menschen – die inter­es­san­te, packen­de Geschichten zu erzäh­len haben. Beziehungsweise bei denen Birte Vogel es gelun­gen ist, Geschichten zu erfas­sen und auf­zu­schrei­ben, die mehr sind als nur eine Aufzählung von Fakten und Informationen, deut­lich mehr. Man wünscht sich eine Fortsetzung, viel­leicht von einer ande­ren Stadt, und ganz abge­neigt ist die Autorin offen­bar nicht. So ein Glück!

 

Hannover per­sön­lich
Porträts von Birte Vogel (Texte)
Dieter Sieg (Fotos)
Gebunden mit Schutzumschlag
280 Seiten
19,90 Euro
ISBN 978–3‑9814559–0‑8
Seewind Verlag

Alle Porträtierten auf einen Blick: Werner Buss, Inez Aschenbrenner, Peter Shub, Margot Käßmann, Grischa Niermann, Brita M. Watkinson, Hans-Peter Lehmann, Ramona Richter, Ingo Siegner, Gábor Lengyel, Annika Dickel, Hans-Jürgen Gurtowski, Astrid Ries, Burkhard Inhülsen.

Ich bin neu­gie­rig und habe Birte Vogel vie­le Fragen gestellt – zur Entstehung des Buches, zu den Interviews usw. Das alles ist hier nach­zu­le­sen: „Wie ein Porträtbuch ent­steht: Birte Vogel über ‚Hannover per­sön­lich‘ “.