Dieses Buch hat mich ein bisschen geblitzdingst. Ich habe ausgiebig mit anderen darüber geredet, während des Lesens und als ich damit fertig war. Aber die Rezension schreiben? Blockade, Verdrängung, Prokrastination. Anscheinend musste sich das Ganze erst mal setzen. Es ist harter Tobak. Nichts wirklich Neues, aber in der Zusammenstellung und Konsequenz durchaus aufrüttelnd. In einem sehr positiven Sinne.
Es richtet sich an Frauen, die mit einem Mann verheiratet sind, in einer eheähnlichen Beziehung leben oder das für die Zukunft wollen, ob mit Kind(ern) oder ohne. An sie geht via Buchtitel und in 27 Kapiteln auf rund 240 Seiten die Botschaft raus: „Nimm dir endlich, was dir zusteht – und hör auf, dich dafür zu entschuldigen“. Wie das funktioniert? Indem frau ihre Rechte kennt, Einbußen erkennt und die Einbußen fair ausgleichen lässt. Darum dreht sich das Buch im Kern. Es ist gut zugänglich, fundiert, nützlich und inspiriert.
Das Buch ist gut zugänglich
Die Kapitel sind übersichtlich, eher unter als über zehn Seiten, haben teils Zwischenüberschriften. Die Sprache ist klar und verständlich. Die Autorin duzt die Leserin und nimmt kein Blatt vor den Mund. Auch sonst bewegt sie sich auf Augenhöhe, teilt etwa eigene Erfahrungen als Berufstätige und Mutter.
Bereits im Vorwort schreibt sie, dass es nicht das eine richtige Lebensmodell und die eine Wahrheit gibt, dementsprechend bewertet und verurteilt sie individuelle Entscheidungen nicht. Diese Art von Respekt zusammen mit einer ordentlichen Portion Empathie dürfte es den Leserinnen erleichtern, am Ball zu bleiben.
Das Buch ist fundiert
Die Autorin ist Rechtsanwältin und ausschließlich im Familienrecht tätig, in den Bereichen Scheidung und Eheverträge. Hierzu hat sie profundes Fachwissen und aus ihren Mandaten Einblicke in verschiedenste Lebensrealitäten und ‑modelle. Geschichten ihrer Mandantinnen zeigen eindrücklich, dass es ein Muss für Frauen ist, sich vor und in der Ehe für ihre (finanzielle) Unabhängigkeit einzusetzen.
Ihre Argumentation hat Hand und Fuß. So nennt sie ein Kapitel „Das Märchen von der Gleichberechtigung“ und belegt gründlich, dass Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau nicht existiert, von Gender Pay Gap über Gender Care Gap bis Altersarmut, die weiblich ist – jede fünfte Frau in Deutschland ist davon betroffen.
Das Buch ist nützlich
Jede dritte Ehe in Deutschland wird geschieden. Also ist ein Buch, das Frauen parteiisch und zugewandt über Konsequenzen von Ehe, Eheverträgen, Kindern, Scheidung informiert, Gold wert. Ist ein klassischer Ehevertrag fair für die Frau? Sind Karriere und Familie für Frauen vereinbar? Wird bei Scheidungen tatsächlich „einfach mit allem fünfzig-fünfzig gemacht“? Hat die wirtschaftlich schwächere Person, meist die Frau, im Familienrecht das gleiche Standing wie der Mann? Die Antworten kann frau sich schon denken. Das auf den Punkt gebracht und unmissverständlich zu lesen, rüttelt auf.
Die Autorin bietet zudem jede Menge lebensnahe, praktische Tipps zu Themen wie Intuition, Grenzensetzen und Neinsagen, Partnerwahl und Red Flags. Vor allem sieht und nennt sie explizit, was Frauen in dieser Gesellschaft, in der sie strukturell benachteiligt sind, leisten, sie wertschätzt es. Das motiviert und baut auf, es bestärkt die Leserin darin, ihren Wert zu (er-)kennen, Eigenverantwortung zu übernehmen, für ihre Rechte einzutreten und sie einzufordern – ohne sich dafür zu entschuldigen oder rechtfertigen.
Das Buch inspiriert
Schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis am Anfang des Buches kann inspirieren, die Kapitelüberschriften sind Statements, Botschaften und Aufforderungen an die Leserin, ins Tun zu kommen, oft mit direkter Anrede: „Es wird dich niemand retten“, „Warum du dich selbst an die erste Stelle setzen musst“, „Fang an, Forderungen zu stellen“, „Nein, wir wollen kein fifty-fifty“.
Nehmen wir das Kapitel zu „fifty-fifty“. Darin führt die Autorin aus, dass es gerade keine Gleichberechtigung ist, wenn Frauen nun überall die Hälfte zahlen oder sich in sämtlichen Lebensbereichen zu gleichen Teilen wie Männer einbringen sollen. „Fifty-fifty“ sei auch bei der Vermögensaufteilung bei einer Scheidung nicht fair (genug), Stichwort Care-Arbeit, Mental Load und Nachteile, die Frauen von Natur aus gegenüber Männern haben – Periode, Verhütung, Schwangerschaft, Geburt, Wechseljahre usw. Deren Auswirkungen auf Körper, Psyche sowie Finanzen sind für Frauen Normalität und tendenziell Selbstverständlichkeiten. (Ehe-)Männer müssen sich damit allerdings nicht auseinandersetzen, demnach sollte es kompensiert werden.
Mein Fazit: unbedingt lesen.

Saskia Schlemmer: Nimm dir endlich, was dir zusteht – und hör auf, dich dafür zu entschuldigen
240 Seiten
2026 Mosaik Verlag
ISBN 978–3‑442–39464‑7
20 Euro