„Der Bärenvogelschatz“ von Stella Dreis

Das Buch sieht ein biss­chen aus, als hät­te es schon eini­ge Jahre auf dem Buckel, denn der Einband prä­sen­tiert sich in war­men Sepiatönen. Die Geschichte ist aller­dings zeit­los, es geht um Freundschaft. Der klei­ne Bär ist ein Schatzfinder, er fin­det Knöpfe, Federn, Wolken, Wäscheklammern, schüch­ter­ne Fussel und mehr. Davon will er allen erzäh­len, die er trifft, aber die haben es eilig, etwas ande­res zu tun oder inter­es­sie­ren sich ein­fach nicht für die Bärenschätze. Irgendwann ist der Bär des­we­gen ganz geknickt, doch dann taucht der klei­ne Vogel auf. Und der will auch Schätze suchen, gemein­sam zie­hen sie los …

Die Geschichte kommt mit weni­gen Worten aus, und Worte wie Bilder haben viel Raum in dem Buch. Die Doppelseiten sind abwechs­lungs­reich gestal­tet, mal eine Seite Bild und eine Seite Wörter, mal zwei Seiten Bild, mal zwei Seiten Wörter. Bei den Bildern wie­der­holt sich die Kreisform als eine Art Rahmen, fast als wür­de man durch ein Fernrohr auf das Geschehen schau­en, aller­dings ist das eine durch­läs­si­ge Grenze, Tiere, Pflanzen und Dinge befin­den sich auch mal außer­halb des Kreises. Die Farben sind eher dezent und zurück­hal­tend, im Grau- und Braunbereich, mit ver­ein­zel­ten Farbtupfern, wie auf dem Einband also. Das erin­nert an chi­ne­si­sche und japa­ni­sche Tuschezeichnungen, die Tierfiguren wie­der­um las­sen mich an rus­si­sche Kinderbücher den­ken, vor allem der Bär. Neben Bär und Vogel fällt eine Schnecke ins Auge, sie wird nie erwähnt und greift nicht in das Geschehen ein, ist aber auf vie­len Seiten und nicht zuletzt auf dem Cover zu sehen. Interessant ist der Zeitpunkt, zu dem sie im Buch ihren ers­ten Auftritt hat.

Die Bilder wir­ken sehr lie­be­voll – die klei­nen Wesen, fas­zi­nie­ren­de Pflanzen, viel Sinn fürs Detail. Zeichnerin und Autorin zugleich ist Stella Dreis. Ihr „Bärenvogelschatz“ ist ein schö­nes, ruhi­ges Buch, das vom Suchen und Finden sowohl von Dingen als auch von Freundschaft erzählt.

Stella Dreis: Der Bärenvogelschatz
Mit Illustrationen der Autorin
48 Seiten
ab 4 Jahren
Nilpferd Verlag 2018
ISBN: 978-3-7074-5216-7
18 Euro

„Das kleine weiße Pferd“ von Elizabeth Goudge

Die Geschichte spielt im Jahr 1842 und liest sich auch so, sie nimmt die Leserin, den Leser mit in eine ande­re Zeit. Das betrifft nicht nur die Handlung, son­dern alles Drum und Dran, auch die Art und Weise des Erzählens. Das Buch ist nicht gera­de dünn, rund 300 Seiten, die Schrift nicht zu klein, aber auch nicht so groß, wie man es oft bei Kinderbüchern hat, es gibt also ordent­lich was zu lesen. Im Mittelpunkt steht die drei­zehn­jäh­ri­ge Maria Merryweather, die kürz­lich Waise gewor­den ist und mit ihrer Gouvernante Miss Heliotrope von London nach Devonshire zieht, wo ihr ein­zi­ger Verwandter, Cousin Sir Benjamin Merryweather, in einem herr­schaft­li­chen Anwesen – Moonacre Manor – wohnt. Zu dem Haus, einem Schloss fast, gehört ein gro­ßer Park, umge­ben vom Paradiesberg, dem Dorf Silverydew und dem fins­te­ren Kiefernwald.

Maria ist erst skep­tisch, aber schnell merkt sie, dass sie mit ihrem neu­en Zuhause wirk­lich Glück hat­te. Sie hat zum ers­ten Mal in ihrem Leben ein Zimmer ganz für sich, von Mensch bis Tier sind alle nett zu ihr, sie bekommt ein eige­nes Pony, darf in Begleitung des rie­si­gen Hundes Wrolf allein aus­rei­ten und erlebt Abenteuer … Denn Menschen und Tiere in und um Moonacre Manor hüten eini­ge Geheimnisse, die Maria Schritt für Schritt auf­deckt, aber nicht unge­stüm, son­dern mit einer gewis­sen Contenance, wie es sich für eine wohl­erzo­ge­ne jun­ge Dame ihrer Zeit gehört.

Wird das lang­wei­lig? Nein, wird es nicht. Auch wenn das Buch sehr idyl­lisch und mär­chen­haft ist, mit einer gro­ßen Portion Religiosität, zieht es die Leserin, den Leser in sei­nen Bann. Denn die Autorin kann ein­fach gut fabu­lie­ren. Sie schil­dert schwär­me­risch das Essen, das auf­ge­ta­felt wird, beschreibt mit genau­em Blick das Äußere der Personen, gibt klei­nen Dingen und Begegnungen mit Mensch und Tier Raum, sorgt mit den bösen „Schwarzen Männern“ (schwarz geklei­det und schwar­ze Bärte), die im Kiefernwald in einem Kastell hau­sen, für Spannung und webt alles per­fekt zusammen.

Eine wich­ti­ge Rolle spielt logi­scher­wei­se das klei­ne wei­ße Pferd, der Titelgeber des Buches. Aber es sei schon mal ver­ra­ten, dass das Buch kei­ne Pferdegeschichte ist, genau­so wenig wie „Harry Potter“ eine ist. Tja, wie kom­me ich jetzt auf Harry Potter? Hinten auf dem Einband steht ein Zitat von Joanne K. Rowling: „Mein Lieblingsbuch war Das klei­ne wei­ße Pferd von Elizabeth Goudge.“ Und wenn man das weiß, mag einem die ein oder ande­re Interpretation zum klei­nen wei­ßen Pferd ein­fal­len, sozu­sa­gen mit dem Harry-Potter-Blick.

Das Cover mutet ein biss­chen alt­mo­disch an, was zur Geschichte passt, die­se Illustration sowie sämt­li­che im Buch stam­men aus der Originalausgabe, sie sind von C. Walter Hodges. Um das Cover etwas auf­zu­pep­pen, hat der Verlag Glitzer auf­tra­gen las­sen – auf das Pferd, den Mond, den Titel … Das ist okay und bleibt vor allem am Buch (an den Händen braucht das ja wirk­lich nie­mand). Ein klei­nes, prak­ti­sches Extra ist das grü­ne Lesebändchen.

Nachdem ich das Buch fer­tig gele­sen hat­te, goo­gel­te ich noch die Autorin. Elizabeth Goudge wur­de 1900 gebo­ren, das Buch erschien 1946. Mit dem Wissen um die Zeit der Entstehung kann man viel­leicht nach­voll­zie­hen, war­um die Autorin ihre Geschichte im Jahr 1842 spie­len lässt und war­um sie so extrem idyl­lisch und ver­söhn­lich ist. Der Verlag emp­fiehlt das Buch für Kinder ab neun Jahren. Für sie dürf­te das recht unge­wohn­te Lektüre sein, aber ich schät­ze, wenn sie sich dar­auf ein­las­sen, wer­den sie genau­so gefes­selt lesen wie ich als Erwachsene …

Elizabeth Goudge: Das klei­ne wei­ße Pferd
Aus dem Englischen von Sylvia Brecht-Pukallus
Mit Illustrationen von C. Walter Hodges
312 Seiten
ab 9 Jahren
2018 Verlag Freies Geistesleben
ISBN 978-3-7725-2723-4
16 Euro

„Retter der verlorenen Bücher – Mission Robin Hood“ von Rüdiger Bertram

In die vier­te Klasse gehen Emma, Maya und Oskar, und nach der Schule sind sie immer sofort in der Bücherei. Zum einen, weil sie Bücher lie­ben und Lesen ihr ein­zi­ges Hobby ist, zum andern, weil sie dort Ruhe vor den Jungen und Mädchen aus ihrer Schule haben, von denen sie schi­ka­niert wer­den. Bloß mon­tags kön­nen sie nicht in die Bücherei, denn da ist Ruhetag. Die Geschichte beginnt an einem Dienstag, und Emma, Maya und Oskar wol­len in die Bücherei, ste­hen jedoch vor einer ver­schlos­se­nen Tür. Um her­aus­zu­fin­den, was los ist, besu­chen sie die Bibliothekarin Frau Müller-Liebelein. Die eröff­net ihnen, dass der fie­se Bürgermeister die Bücherei geschlos­sen hat und die Bücher wahr­schein­lich weg­schmei­ßen wird.

Emma, Maya und Oskar hel­fen Frau Müller-Liebelein beim Bücherretten, und qua­si als Belohnung gibt sie ihnen ein altes Buch, „kein gewöhn­li­ches“, wie sie sagt, „son­dern ein magi­sches“, und zwar „Die Abenteuer von Robin Hood“. Es soll Emma, Maya und Oskar vor den ande­ren Kindern schüt­zen, und wie das funk­tio­niert, mer­ken die drei ziem­lich schnell, denn auf der Flucht vor zwei Mitschülern lan­den sie mit­ten im Buch. Ein Abenteuer mit Robin Hood, Little John, Lady Marian und dem bösen Sheriff von Nottingham, wie cool! Bloß ist Robin Hood nicht der tol­le, edle Held, als den man ihn kennt, und die Geschichte läuft irgend­wie falsch – bis Emma, Maya und Oskar das in die Hand nehmen …

So ist das also: Drei Bücherwürmer, die sonst nur für sich in der Bücherei lesen, erle­ben auf ein­mal „in echt“ etwas zusam­men und mer­ken, dass das auch Spaß macht. Dass ihnen all die Bücher, die sie schon geschmö­kert haben, in kniff­li­gen Situationen hel­fen. Und nicht zuletzt, dass sie ein pri­ma Team sind. Die Bibliothekarin Frau Müller-Liebelein ist in guter alter Tradition als Büchermensch etwas kau­zig, aber herz­lich, und hat offen­bar eine Doppelgängerin im Sherwood Forest. Das Ganze liest sich kurz­wei­lig und wit­zig, und neben­bei erfährt man noch eini­ges über das (eng­li­sche) Mittelalter.

„Retter der ver­lo­re­nen Bücher – Mission Robin Hood“ ist für alle ab acht Jahren. Die Schrift auf den rund 180 Seiten ist schön groß, mit Freiraum zwi­schen den Zeilen, dazu hin und wie­der ein Bild. Ein net­tes Detail: Die Seiten, auf denen Emma, Maya und Oskar im Buch bei Robin Hood sind, haben einen illus­trier­ten „Rahmen“ pas­send zur Geschichte, aus Elementen wie Pfeil, Geldsack und Robin Hoods Hut. So etwas lie­ße sich in einer Reihe ja gut for­füh­ren, und tat­säch­lich gibt es bald Neues von den drei Kindern, der Bibliothekarin und den geret­te­ten Büchern: Band 2 mit einem neu­en Abenteuer erscheint im Februar 2019.

Rüdiger Bertram: Retter der ver­lo­re­nen Bücher – Mission Robin Hood
Mit Illustrationen von Horst Hellmeier
Lektorat: Emily Huggins
185 Seiten
ab 8 Jahren
ueber­reu­ter 2018
ISBN: 978-3-7641-5116-4
12,95 Euro