Trauern 2.0

Kann es sein, dass wir heu­te anders trau­ern als frü­her, dass es uns schwe­rer fällt zu akzep­tie­ren, dass jemand wirk­lich tot und weg ist? Oder war das schon immer so? Ich glau­be nicht. Denn eini­ges ist anders als vor, sagen wir mal, 100 Jahren. Ins Blaue hineingedacht:

  • Wir kön­nen schwe­rer los­las­sen, weil wir nicht an Gott und ein Leben nach dem Tod glau­ben. Ich kann mir vor­stel­len, dass gläu­bi­ge Menschen den Tod als Tatsache eher akzeptieren.
  • Familie und Freunde woh­nen oft sonst­wo, man sieht sich sel­ten. Schwer zu ver­ste­hen, wenn aus ‚weni­ge Male im Jahr‘ ein ’nie wie­der‘ wird.
  • Wir kon­su­mie­ren Filme, Bücher und alles mög­li­che im Web, das uns das Leben schön­re­det und Sinn hin­ein­impft: unsterb­li­che Liebe, Geister, die wiederkommen …
  • Wir sind Ich, nicht Wir. Wir neh­men es ‚per­sön­lich‘, wenn jemand stirbt, den wir lie­ben oder mögen, es kratzt an unse­rer Schale, an der Schutzhülle, mit der wir uns nach außen hin ver­rie­geln und vor den ande­ren abschotten.
  • Weil wir uns so viel mit uns selbst beschäf­ti­gen, stürzt es uns in eine Krise, wenn jemand stirbt, der uns nahe­steht. Wir haben sel­ten bis gar nicht mit dem Tod zu tun, und auf ein­mal kapie­ren wir, dass wir auch irgend­wann dran sind. Wir sind endlich.
  • Im Social Web ist der Tod nicht ein­ge­plant. Die Twitter-Timeline, das Facebook-Profil, E‑Mails im Postfach, ein Blog, das Profil in einem Forum – wer außer einem selbst kennt die­se gan­zen Schauplätze, die Passwörter, wer löscht das?
  • Fotos, vie­le Fotos. Wir schau­en sie an und sehen den Toten leben­dig. Er könn­te gleich zur Tür her­ein­kom­men, er kann nicht tot und weg sein.
  • Zwischen Arbeit und Freizeitbeschäftigungen haben wir Zeit zum Luftholen, Nachdenken, Gedanken-Machen. Über Gott und die Welt und den Menschen, der tot ist. Wir las­sen ihn nicht los.

Aber muss man das?

Was hat das Huhn mit Fisch zu tun? „Familie Fisch macht Urlaub“ von Michael Wäser

Fisch und Huhn, wann kom­men die bei­den schon mal zusam­men? Vielleicht in Form von Fischmehl, das an die Hühner ver­füt­tert wird, aber dar­um geht es im Buch von Michael Wäser wirk­lich nicht. Es heißt „Familie Fisch macht Urlaub“, und auf dem Cover ist ein hüb­sches brau­nes Huhn abgebildet.

Carla, eins von sie­ben Kindern der Eltern Erika und Rainer Fisch, hat ein Huhn adop­tiert, wovon dum­mer­wei­se sonst nie­mand weiß. Das Huhn ist noch so klein, dass es auch ein Hahn sein könn­te, es läuft Carla immer hin­ter­her und fühlt sich an wie Seide. Bevor die Fischs in den Urlaub fah­ren, geben sie ein Festessen für ihre Freunde und Verwandte, für das sämt­li­che Hühner in die Pfanne kom­men. Carla steht dann vor dem gedeck­ten Tisch – und fällt um.

Der Urlaub der Fischs ist ein ganz spe­zi­el­ler, wor­auf schon der Untertitel des Buches hin­weist: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errich­ten“. Im August 1961 wur­de die Berliner Mauer gebaut, und just in die­ses Ereignis gerät die Familie, als sie die DDR ver­las­sen will. Direkt poli­tisch sind sie nicht, die Fischs, sie wer­den nur ‚ganz nor­mal‘ bespit­zelt, also vom Nachbarn, durch Lehrer usw. – aber eigent­lich brin­gen sie sich vor Oma Fisch in Sicherheit. Die hat ihren Sohn fest im Griff, lässt ihn aus­spio­nie­ren und möch­te sich gar in der klei­nen Hausmeisterwohnung der neun­köp­fi­gen Familie ein­quar­tie­ren, wahr­schein­lich, damit sie alles noch bes­ser unter Kontrolle hat. Rainer Fisch jeden­falls bekommt es nicht fer­tig, der Mutter sei­ne Meinung zu sagen, und so wird inner­halb kur­zer Zeit die ‚Republikflucht‘ geplant.

Man könn­te ver­mu­ten, dass das ein lau­tes Buch ist, denn bei einer so gro­ßen Familie kann es ja eigent­lich gar nicht lei­se zuge­hen. Und die Ausreise lie­ße sich als ner­ven­zer­fet­zen­der Krimi schil­dern. Aber „Familie Fisch macht Urlaub“ ist ein ruhi­ges, gar nicht hek­ti­sches Buch. Ein all­wis­sen­der Erzäher webt die Fäden zusam­men und erlaubt auch mal einen zwei­ten Blick auf die Figuren. Dass man kei­ner ganz nah kommt, liegt dar­an, dass der Autor sich nicht auf eine kon­zen­triert, son­dern vie­len ihren Moment im Rampenlicht gibt. Tochter Carla (die mit dem Huhn Hempel) hat eini­ge spe­zi­el­le Auftritte, sie treibt die Geschichte mehr­mals kräf­tig vor­an – ohne das zu wol­len. Und dass man z. B. erfährt, wie Erika und Rainer Fisch sich gefun­den haben im Nachkriegsdeutschland, ist eine fei­ne Sache.

Ob am Schluss die Familie im ‚Westen‘ lan­det oder ob doch Oma Fisch tri­um­phiert, ver­ra­te ich jetzt natür­lich nicht. Dieses Buch bie­tet: einen star­ken Erzähler, Szenen und Figuren, die rea­lis­tisch und gut beob­ach­tet erschei­nen, eine unauf­ge­reg­te Sicht auf die­se Zeit, auf das Jahr des Mauerbaus. Was nicht heißt, dass es kei­nen Wirbel und nichts zu lachen gäbe! Und die klei­nen Verrücktheiten, die ein Buch erst rund machen, feh­len auch nicht. Ich sag nur: Hempel, Western, Flick-Flack …

Michael Wäser: Familie Fisch macht Urlaub oder: Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten
Buchbäcker Verlagsgmbh 2011
224 Seiten
13,90 Euro