Ein Bilderbuch mit dem Titel „Warum?“ von Lindsay Camp und Tony Ross

Ein Buch mit dem Titel „Warum?“ – na, immer her damit! Es hat einen fes­ten Einband, gera­de die rich­ti­ge Größe für ein Bilderbuch, das Cover ist bunt­stift­strich­grün, in der Mitte ein rot­haa­ri­ges Mädchen und eine Katze, die so was von fra­gend-ver­dutzt (und leicht schock­ge­fro­ren) aus­sieht, dass man wis­sen will, was denn da nun los ist, wen das Mädchen und die Katze anstar­ren. Also nichts wie los, Buch auf!

Das Mädchen auf dem Cover ist Lisa, die im gan­zen Buch, das knapp über drei­ßig Seiten hat, genau ein Wort sagt: Warum. Dieses eine Wort aber stän­dig. Was ihren Vater, dem sie die­se Frage wie­der, wie­der, wie­der und immer wie­der stellt, manch­mal schier zur Verzweiflung treibt. Sodass er aus dem Bild rennt und „… ein­fach dar­um!“ sagt (oder viel­leicht schreit).

Als Lisa und ihr Vater eines Tages im Park im Sandkasten spie­len und der Vater auf­bre­chen will, Lisa wie­der mal „Warum?“ fragt und der Vater ant­wor­tet – da lan­det vor ihrer Nase ein rie­si­ges Raumschiff. Aus Tharagonien. Heraus schwab­bern Tharagonier, die ver­kün­den, dass sie die Erde zer­stö­ren wer­den. Alle zit­tern. Nur Lisa nicht. Sie fragt: „Warum?“ Und bringt damit einen Stein ins rol­len und ret­tet – womög­lich – die Erde. Wer’s genau wis­sen will, hole sich ein­fach das Buch …

Schlägt man es auf, ob vorn oder hin­ten, sieht man erst mal nur „war­um“, und zwar kun­ter­bunt in allen mög­li­chen Sprachen. Mit Buntstift geschrie­ben. Und erkenn­bar mit Buntstift gezeich­net sind auch die Bilder im Buch, nicht kind­lich-bunt­stif­tig, son­dern pro­fes­sio­nell-bunt­stif­tig. Tony Ross ist ein bri­ti­scher Autor und Zeichner, das merkt man im Buch am Äußeren des Vaters von Lisa, er trägt so ziem­lich immer einen Westover und eine Fliege. Die ein­zel­nen Bilder sind klar abge­grenzt, im vier­ecki­gen Rahmen. Was Lisa, ihr Vater und die Tharagonier sagen, ist im Bild in Sprechblasen gesetzt, das erzäh­le­ri­sche Drumherum (zumeist bloß ein-zwei Sätze pro Seite) steht außer­halb der Bilder.

Die Tharagonier spre­chen unter­ein­an­der tha­ra­go­nisch, mit den „Erdlingen“ jedoch deutsch, im Original natür­lich eng­lisch … Wer mag, kann die tha­ra­go­ni­schen Sätze „über­set­zen“, hin­ten im Buch ste­hen die tha­ra­go­ni­schen Buchstaben und ihre deut­sche Entsprechung. Nicht nur wegen die­ser Sache ist das Buch, das ab vier Jahren emp­foh­len wird, auch etwas für älte­re Kinder, also für wel­che, die schon in die Schule gehen und selbst lesen kön­nen. Grundschulkinder wer­den sich über Lisa und ihr „Warum?“ köst­lich amü­sie­ren! Und Außerirdische sind in dem Alter ja auch nicht verkehrt.

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Lindsay Camp (Text) und Tony Ross (Ilustrationen): Warum?
Aus dem Englischen von Peter Baumann
Lappan Verlag 2014
12,95 Euro
32 Seiten
ISBN: 978–3‑8303–1212‑3

Mittelalter, Barock oder 19. Jahrhundert? Zeitreisen mit Lara

Zeitreisen sind im Kinder- und Jugendbuch ein alter Hut, aber die Lara-Reihe von Julia Kröhn gefällt mir, wes­we­gen ich sie kurz hier vor­stel­le. Lara aus Frankfurt ist kei­ne Superheldin, sie hat kein Supertalent, sie ist weder Vampir noch Engel (und auch kei­ne Göttin usw. usf.), sie ist nicht beson­ders schuss­lig und auch nicht super­schlau, obwohl, eine Gabe hat sie doch: Sie kann Geister hören und sehen. Damit begin­nen ihre Abenteuer immer. Ihr Zeittor ist ein belie­bi­ger Spiegel, alt soll­te er aller­dings sein, eine Geschichte haben, und dann muss Lara noch einen Spruch auf­sa­gen, um in die Vergangenheit (und wie­der zurück) zu rei­sen, fürs Hin einen und fürs Zurück einen anderen.

In Band 2 der Reihe, „Lara und der Fluch der Schwarzen Frau“, ver­schlägt es Lara ins Mittelalter. Sie will einer Kräuterfrau hel­fen, die als Hexe ver­brannt wur­de und kei­ne Ruhe fin­det, son­dern als „Schwarze Frau“ noch in Laras Zeit her­um­geis­tert. Das mit­tel­al­ter­li­che Leben bringt die Autorin rich­tig gut rüber: anschau­lich und rea­lis­tisch, gar nicht beleh­rend, nicht zu aus­führ­lich, genau die rich­ti­ge Portion für eine Zeitreisegeschichte ab neun Jahren. Natürliche Dialoge, kei­ne Längen in der Handlung, 229 Seiten, die sich schnell und span­nend lesen.

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Band 1 spielt im Barock, Band 3 im 19. Jahrhundert, hier hilft Lara einer Krankenhaus-Hebamme, die der Ursache von Kindbettfieber (man­geln­de Hygiene) auf die Spur gekom­men ist, bei den Ärzten jedoch damit auf tau­be Ohren stößt und ins Irrenhaus abge­scho­ben wer­den soll. In den bis­her drei Bänden ret­tet Lara immer eine Frau, und so bekommt man noch ein Stück weit mit, wel­che Rolle und Rechte Frauen (in einem bestimm­ten Umfeld, Beruf usw.) zu der Zeit hat­ten. Bei ihren Ausflügen in die Vergangenheit ist Lara nicht auf sich allein gestellt, sie hat stets jeman­den bei sich, der sich mit der jewei­li­gen Zeit und dem „Fall“ gut aus­kennt, und die Frauen, deren Schicksal geän­dert wer­den soll, sind koope­ra­tiv, sodass die Handlung nicht x‑Wendungen neh­men muss, son­dern recht gerad­li­nig ist.

Kurz und gut: eine schö­ne Mischung aus Historie, Gegenwart und Fiktion, drei Schmöker, in denen die Vergangenheit nicht neu erfun­den oder idea­li­siert wird. Im Prinzip his­to­ri­sche Romane für Kinder – was kein Wunder ist, denn Autorin Julia Kröhn, gebür­ti­ge Österreicherin, schreibt haupt­säch­lich his­to­ri­sche Romane und Familiensagas, teils unter den Pseudonymen Leah Cohn, Sophia Cronberg, Carla Federico und Katharina Till.

„Die Prinzessin mit den roten Haaren“ von Paul Biegel

Die Prinzessin hat rote Haare und lässt sich nichts sagen und vor­ma­chen, kein Wunder, dass man da erst mal an Pippi Langstrumpf denkt. 1987 ist „Die Prinzessin mit den roten Haaren“ ursprüng­lich erschie­nen, da war Pippi Langstrumpf längst fes­tes Inventar in unzäh­li­gen Kinderzimmern.

Die Prinzessin mit den roten Haaren bzw. die Rote Prinzessin ist tat­säch­lich eine Prinzessin, ihre Eltern sind König und Königin, eine Königinmutter gibt es auch. Abgeschottet lebt die Rote Prinzessin im Schloss, bis sie an ihrem zwölf­ten Geburtstag dem Volk gezeigt wer­den soll. Die könig­li­chen Pferdekutschen fah­ren durch die Straßen, doch bevor jemand die Prinzessin sieht, wird ihre Kutsche von drei Räubern enführt: Holz, Bolz und Schwanenstolz. Weder vor den Räubern noch spä­ter vor dem schreck­li­chen Umberto, einem Riesen, noch vor „dem Volk“, mit dem sie plötz­lich dau­ernd zu tun hat, hat die Rote Prinzessin Angst. Zum einen, weil sie kei­ne Ahnung von nichts hat, zum andern, weil sie neu­gie­rig auf den „Rest der Welt“ ist, wie ihre zwei Hofdamen Laula und Paula die Welt außer­halb des Königspalastes titulierten.

Die Rote Prinzessin ent­deckt also unvor­her­ge­se­he­ner­wei­se die Welt; par­al­lel schmie­det die Königinmutter einen Plan, um ihre Enkeltochter zu befrei­en, und in einer Kneipe wie­gelt Opa Tannenbaum die Leute auf: Die Rote Prinzessin sei nur erfun­den, man kön­ne dem König ein­fach ein rot­haa­ri­ges Mädchen aus dem Volk unter­ju­beln und dafür die Findeprämie einstreichen.

An die­sem Buch mag ich die Illustrationen: Sie stam­men von Linde Faas und hät­ten viel mehr Raum ver­dient – sie sind zwar mit­un­ter sei­ten­fül­lend, doch das Buch ist eher klein­for­ma­tig. Das Bild auf dem Cover, das die Rote Prinzessin und die drei Räuber auf Pferden im Wald zeigt, hat­te mich als Erstes neu­gie­rig gemacht auf das Buch. Erwartet hat­te ich eine wil­de Räubergeschichte mit Prinzessin, ein biss­chen Pippi Langstrumpf, ein biss­chen Räuber Grapsch (das ers­te Grapsch-Buch erschien 1984). Aber der Niederländer Paul Biegel hat eine eher ruhi­ge, leicht frem­deln­de Geschichte geschrie­ben, ein Märchen. Die Rote Prinzessin bekommt auf 147 Seiten kei­nen Vornamen und bleibt bis zum Schluss die „Königliche Hoheit“, die „wir wol­len“ sagt und nicht „ich will“. Zwölf Jahre Prinzessinnenerziehung las­sen sich eben nicht so ein­fach ausradieren.

Langweilig ist das Buch nicht, die Dialoge sind sprit­zig, die Figuren recht leben­dig. Wer aber etwas Mitreißendes, Klares, Lustiges sucht, ist bei „Die Prinzessin mit den roten Haaren“ falsch. Es ist ein rela­tiv lan­ges Märchen, das nicht ganz ein­fach gestrickt ist, mit Hintersinn hier und da, der erwach­se­ne Leser anspre­chen mag.

Prinzessin

Paul Biegel: Die Prinzessin mit den roten Haaren
Aus dem Niederländischen von Siegfried Mrotzek
Verlag Urachhaus
147 Seiten
ISBN: 978–3‑8251–7804‑8
14,90 Euro