Er ist taub, sie hört: „Blitz ohne Donner“ von Christa Ludwig

Das Buch ist nicht neu, erst­ma­lig ist es 2003 erschie­nen. Es wur­de über­ar­bei­tet, aber Handys kom­men auch in der Ausgabe von 2014 nicht vor, und sie feh­len nicht. Denn es geht nicht um Alltag, son­dern um zwei Dreizehnjährige, die sich ver­lie­ben. Johannes ist taub, Maria liebt und lebt Musik, sie spielt Harfe und Klavier, singt. Verlieben und lie­ben geht auch, wenn einen so was trennt, aber wäh­rend Johannes ein­fach nur mit Maria zusam­men sein will, unter­nimmt Maria alles, um Johannes zu zei­gen, was Musik für sie ist. Ihre Welt.

Die Geschichte beginnt kurz vor den Sommerferien: Maria und ihre Eltern zie­hen in das Haus neben dem, in dem Johannes mit sei­ner Familie – den Eltern und zwei Brüdern – wohnt. Im Garten begeg­nen sich Maria und Johannes zum ers­ten Mal und irgend­wie ist ganz schnell alles klar. Kein Irren, kein Wirren, kein Seufzen, kei­ne furcht­ba­re Ungewissheit, ob er nun auch … ob sie nun auch … Nein, es ist ein Gemeinsam, ein Zusammen, ein Entdecken. Und von Marias Seite ein Suchen danach, wie die Musik zu Johannes kom­men kann, trotz­dem er taub ist. Er spricht, mit dem Mund und mit den Händen, er liest Worte von den Lippen ab. Aber was ist, wenn er in die Disco geht? Wenn Musik so laut ist, dass alles bebt? Wenn Maria für ihn tanzt? Wenn in der Oper die Sänger die Münder weit bewe­gen und die Gesten groß sind, aber kein Ton da ist, für Johannes? Eine Spur Eifersucht gibt es auch, viel Zeit gemein­sam, weil Sommerferien sind. Und Maria bringt Johannes‘ Mutter Sophia zum Reden, wann wur­de Johannes taub, hat er jemals Musik gehört? Sophia sagt Maria noch mehr: dass Johannes ein Glückskind sei und Maria doch auch mal in sei­ne Welt gehen kön­ne, die des Nichthörens oder Andershörens.

Christa Ludwig erzählt die Geschichte direkt, etwas sprö­de, reflek­tiert, poe­tisch, nicht gefäl­lig-locker, der Grundton ist lebens­froh. Also kei­ne schwe­re Kost, son­dern wel­che, die einen zum Grübeln brin­gen kann – aber nicht muss. Schön erzählt, schön zu lesen. Auch wenn ich kei­nen direk­ten Draht zu Marias Suchen und Streben gefun­den habe, aber das mag ande­ren ganz anders gehen.

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Christa Ludwig: Blitz ohne Donner
2. Auflage 2014
Verlag Freies Geistesleben
176 Seiten
ab 13 Jahren
ISBN: 978–3‑7725–2776‑0
16,90 Euro

Ein Bilderbuch über Coco Chanel und das „kleine Schwarze“

Auf die Idee muss man erst mal kom­men: ein Bilderbuch über Coco Chanel! Also kein Fotobuch, keins für Erwachsene, son­dern tat­säch­lich eins für Kinder, ab fünf Jahren etwa. Genauer gesagt: ein Bilderbuch über Coco und das „klei­ne Schwarze“. Das Cover fängt einen gleich ein: Es ist schwarz, wird jedoch von einem Parfumflakon in Gelb und Weiß domi­niert (Chanel N° 5!), auf dem „Etikett“ des Flakons steht der Buchtitel, dar­un­ter ist ein Mädchen zu sehen, das den Boden schrubbt: Coco.

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Los geht es mit Coco im Waisenhaus. Dort ist sie, obwohl ihr Vater noch lebt. Im Waisenhaus lernt Coco nähen, stri­cken, sti­cken, häkeln. Und so arbei­tet sie, als sie erwach­sen ist, tags­über als Näherin – und abends als Tänzerin und Sängerin in einem Nachtklub. Reich und berühmt will sie wer­den, kein Niemand mehr sein! Sie quar­tiert sich bei einem rei­chen Freund ein, dort beob­ach­tet sie die rei­chen Leute bei ihren Partys, an der Rennbahn, am Strand, bei der Jagd … Die stei­fen Kleider und opu­len­ten Hüte der Damen gefal­len ihr nicht, und die Damen tra­gen noch Korsetts. Coco schnei­dert sich beque­me Hosen, sie kre­iert eige­ne Hüte, Kleider „wie eine zwei­te Haut“, ein Parfum und ver­kauft all das in ihrem eige­nen Laden – und das Geschäft läuft. Nur schwar­ze Kleider wol­len die Kundinnen nicht, das sei kei­ne Farbe. Doch Coco hält dage­gen. Das ist die Geburtsstunde des legen­dä­ren „klei­nen Schwarzen“, und der Rest ist Geschichte …

Das Buch ist nicht über­la­den, das gilt für die Bilder und den Text glei­cher­ma­ßen. Es erzählt ein­fach, lässt Fragen offen, macht neu­gie­rig. Die Illustrationen sind nicht in Rahmen gepresst, sie erstre­cken sich über zwei Seiten, Coco und die ande­ren Frauen lau­fen, nähen, sit­zen, ste­hen im Raum, auf zumeist wei­ßem Grund. Die mit schwar­zer Linie umris­se­nen Figuren mit zurück­hal­tend kolo­rier­ter Kleidung erin­nern an Zeichnungen, wie man sie von Modedesignern kennt, jedoch sind es Frauen mit ganz unter­schied­li­chen Figuren, von dünn bis dick, klein bis groß, jung bis alt. Auf einer Doppelseite macht bei­spiels­wei­se eine Frau einen Freudensprung und wirft das Korsett von sich, auf einer ande­ren sind lau­ter Frauen im „klei­nen Schwarzen“, und kei­ne Frau sieht aus wie die ande­re, kein Kleid sieht aus wie das ande­re … Gerade die­se zwei Bilder fan­gen gut ein, was Coco Chanel geschafft und geschaf­fen hat, ein „Niemand“ war sie bei­zei­ten nicht mehr.

Man könn­te sich fra­gen, ob das ein Buch für Kinder ist. Ich wür­de sagen: Ja, war­um nicht? Eine ein­fa­che Geschichte, anspre­chen­de Bilder, ein Thema, das auch für Kinder schon span­nend ist: Mode und Kleidung. Zumal das gut zum Selbermachtrend passt, der nach wie vor anhält, zu häkeln­den, stri­cken­den, nähen­den Kindern, Frauen, Männern … Das Buch lässt gleich­falls anklin­gen, dass Mode und Kleidung mehr sein kann als nur „was anzu­zie­hen“, viel mehr.

Annemarie van Haeringen: Coco und das klei­ne Schwarze
aus dem Niederländischen von Marianne Holberg
Verlag Freies Geistesleben
ISBN: 978–3‑7725–2883‑5
32 Seiten
14,90 Euro

Adam Rex: „Happy Smekday oder Der Tag, an dem ich die Welt retten musste“

Adam Rex hat ein Rad ab, nein, was ich eigent­lich schrei­ben woll­te: Er hat ein Händchen für Namen. Für aus­ge­fal­le­ne Namen. Die Heldin von „Happy Smekday“ heißt Gratuity, eng­lisch für Trinkgeld. Ihr Spitzname ist logi­scher­wei­se Tip (auch eng­lisch Trinkgeld, aber die Kurzform). Tip darf sie nicht jeder nen­nen, nur aus­ge­wähl­te Personen. Könnte Gratuitys Katze spre­chen, dürf­te sie ver­mut­lich Tip sagen. Die Katze heißt übri­gens Sau. Ja, wie Schwein. Und der Außerirdische im Buch nennt sich J.Lo. Wie die Sängerin. Tatsächlich heißt er ganz anders, aber das kön­nen die Erdlinge nicht aus­spre­chen, also: J.Lo. Und nun ist es ja nicht schwer, sich mit die­sen Namen ein paar Situationen und Gespräche vor­zu­stel­len. Die Lage kann noch so furcht­bar sein – wenn Gratuity ihre Katze ruft: „Sau!“, muss man grin­sen. Und Gratuity macht mit ihrem Namen auch so eini­ges durch, nimmt das aber recht gelas­sen. Sie ist über­haupt ziem­lich groß­ar­tig, wenn ich mal biss­chen schwär­men darf. Ein rich­tig tol­les elf­jäh­ri­ges Mädchen. In einer leicht ver­rück­ten Geschichte. Was einen nicht mehr wun­dert, wenn man die drei Namen kennt, nicht wahr?

Weihnachten 2012 lan­den also die außer­ir­di­schen Boov auf der Erde und machen sich breit. Sie zer­stö­ren etli­che welt­be­kann­te Bauten (Big Ben, Schiefer Turm von Pisa, Freiheitsstatue usw.), sind mit ihren Waffen den Erdbewohnern klar über­le­gen und wol­len schließ­lich, dass die Menschen sich in Reservate ver­zie­hen. Die US-Amerikaner zum Beispiel nach Florida. Gratuity lebt in Pennsylvania und am Tag des Umzugs (der Umsiedelung) im Juni 2013 macht sie sich mit dem Auto auf den Weg, ohne Mutter (wur­de von den Außerirdischen ent­führt), ohne Vater (war nie da), dafür mit Katze Sau. Und bald ist noch ein Boov (J.Lo) mit dabei, der sei­ne Gründe dafür hat, sich einem Erdling anzu­schlie­ßen. Damit nicht genug! Zum Schluss hin kommt noch eine ande­re außer­ir­di­sche Spezies ins Spiel, die Gorg. Und die sind nicht bes­ser als die Boov, son­dern noch viel schlim­mer, erfährt Gratuity, und muss, wie es der Untertitel des Buches schon ankün­digt, „die Welt ret­ten“. Aber vor allem sucht sie ihre Mutter.

Das Buch sprüht vor Ideen. Es ist komisch. Es ist ernst­haft. Es ist lus­tig. Es ist span­nend. Alles zusam­men, und das über 400 Seiten hin­weg. Es ist ein biss­chen ver­rückt (das erwähn­te ich schon), aber nicht durch­ge­knallt, die Geschichte folgt einem roten Faden und lässt sich nicht aus der Ruhe brin­gen, was unter ande­rem dar­an liegt, dass Gratuity sie im Rückblick erzählt, ein paar Jahre spä­ter. Das Mädchen und der Boov sind wirk­lich schräg zusam­men, schräg und toll. J.Lo ist nicht der bos­si­ge Außerirdische, son­dern ent­puppt sich als Kumpel mit Charakter, er kann ganz gut Englisch (bzw. Deutsch), aber ein paar Sachen bringt er doch durch­ein­an­der und eini­ge irdi­sche Dinge ver­steht er nicht, her mit den (ulki­gen) Missverständnissen! Überhaupt: der Stil. Der ist gepflegt, aber nicht ver­staubt, es liest sich schön. Spritzige Gespräche, Wortwitz, eine wohl­do­siert tro­cke­ne Erzählweise, dazu pas­sen auch die Zeichnungen. Die stam­men von Adam Rex, dem Autor. Zum einen sind es Bilder zum Text, zum ande­ren Bildgeschichten (Comics) von J.Lo gemalt, der zwar nicht irdisch schrei­ben, aber zeich­nen kann. Beispielsweise „J.Lo’s 8 Dinge, die Sie immer schon über die Gorg wis­sen woll­ten, aber nie zu fra­gen wag­ten, weil die Gorg Ihnen sonst mög­li­cher­wei­se eine rein­ge­hau­en hätten“.

Der Verlag emp­fiehlt „Happy Smekday“ ab elf Jahren, nach oben wür­de ich kei­ne Grenze set­zen. Ein paar gedank­li­che Ausflüge Gratuitys und die­se und jene Pointe wer­den Kindern eher nichts sagen, bei Erwachsenen aber gut ankom­men. Man muss kein Science-Fiction-Fan sein, um das Buch zu mögen, denn neben Außerirdischen hat das Buch alles, was ein gutes Buch braucht – es geht nicht um die Außerirdischen, son­dern um die Irdischen und Irdisches. Was es mit dem Smekday auf sich hat, wird übri­gens ziem­lich am Anfang geklärt. Der Titel passt (okay, der eng­li­sche Titel ist bes­ser: „The True Meaning of Smekday“, aber egal). Das Cover passt auch. Ich mag das Buch – und emp­feh­le es abso­lut gern.

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Happy Smekday oder Der Tag, an dem ich die Welt ret­ten musste
von Adam Rex (Text und Illustrationen)
aus dem Englischen von Anne Brauner
ab 11 Jahren
Ueberreuter 2014
ISBN: 978–3‑7641–5025‑9
16,95 Euro