Abenteuer, Rätsel, Grusel gefällig? „Percy Pumpkin: Der Mumienspuk“ von Christian Loeffelbein

Wir brau­chen jetzt erst mal ein biss­chen Fantasie, bit­te. Mehr oder weni­ger, je nach­dem, wann das hier (die­se Buchbesprechung) gera­de gele­sen wird. Geschrieben wird sie jeden­falls im Mai, bei som­mer­li­chen Temperaturen. Und in dem Buch, um das es geht, ist Winter. Weihnachten, um genau zu sein! Aber dass Winter ist, spielt wie­der­um kei­ne so gro­ße Rolle, weil Percy Pumpkin (= Hauptfigur) und sei­ne Freunde kaum aus dem Schloss kom­men. Aus dem gro­ßen, ver­win­kel­ten Schloss Darkmoor Hall, in dem Lord und Lady Darkmoor mit ihren Zwillingstöchern Claire und Linda leben. Zu Weihnachten ist das Schloss jedoch gut gefüllt mit allen mög­li­chen Verwandten der Darkmoors. Darunter Percy Pumpkin mit sei­nen Eltern. Lady Darkmoor ist sei­ne Tante (die Schwester sei­ner Mutter), die Zwillinge Claire und Linda sind also sei­ne Cousinen. Mit Percy, Claire und Linda ist die Detektivbande von Darkmoor Hall fast voll­zäh­lig, es feh­len nur noch Cousin John (etwas dick­lich) und Percys Hund Jim (nicht direkt mutig, aber treu). Fünf Freunde!

Ich hof­fe, man kann mir bis hier­her fol­gen? Oder waren es zu vie­le Namen? Das Problem mit den Namen hat­te ich auch. „Der Mumienspuk“ ist der zwei­te Teil der Percy-Pumpkin-Reihe, das ers­te Buch habe ich (noch) nicht gele­sen. An sich kein Ding, da am Anfang kurz der Inhalt von Buch eins nach­er­zählt wird und im Anhang die wich­tigs­ten Personen (Kinder und Erwachsene) auf­ge­zählt und mit ein paar Sätzen cha­rak­te­ri­siert sind. Doch Buch zwei bezieht sich natür­lich auf Buch eins und die Verwandtschaft, die sich im Schloss tum­melt, aus­ein­an­der­zu­hal­ten und zuzu­ord­nen, dürf­te auch man­chem nicht ganz so leicht fal­len, der Band eins kennt. Aber: macht nichts, stört nicht wei­ter. Ich hab das sport­lich genom­men und mich mit dem Buch sehr gut unter­hal­ten. Warum? Weil die Geschichte span­nend ist – mit vie­len Rätseln (nicht alle wer­den gelöst), mit extrem neu­gie­ri­gen und wage­hal­si­gen Zwillingsmädchen, die Percy und John auf gefähr­li­che Detektivtouren durch Schloss Darkmoor mit­schlep­pen, mit kau­zi­gen, bös­ar­ti­gen, frag­wür­di­gen, schrul­li­gen Verwandten (das gilt für Erwachsene und Kinder gleichermaßen) …

Und viel­leicht fragt sich jetzt jemand, wor­um es über­haupt geht? Ums Essen natür­lich. Um Worcestershire-Sauce! Die berühm­te Sauce von Aunt Annie, die die Darkmoors unsag­bar reich gemacht hat. Das Rezept der Sauce kennt nur die Köchin der Darkmoors, sie trägt es stets bei sich. Nun hat es lei­der jemand auf das Rezept und so auch auf die Köchin abge­se­hen, und im Schloss gesche­hen merk­wür­di­ge Dinge. In Buch eins ver­schwan­den Percy Pumpkins Eltern spur­los, selt­sa­me Maschinen bedroh­ten das Leben der Schlossbewohner, ein Mord ent­pupp­te sich als … etwas ande­res. Und in Buch zwei, dem „Mumienspuk“, mischen mun­ter mit: ein eigen­ar­ti­ges grü­nes Licht, eine gehei­me Kammer, eine Mumie, eine gefähr­li­che Erfindung, ein ech­ter Detektiv aus Amerika, ein Sarkophag, ein Spion in den eige­nen Reihen. Noch dazu hört Percy manch­mal Stimmen und ist nicht ganz er selbst. Aber in sei­nen „nor­ma­len“ Momenten schlägt er sich wacker, was er auch den Gruselgeschichten zu ver­dan­ken hat, die er stän­dig liest (wenn er Zeit hat). Denn in ver­track­ten Situationen, in die Percy immer wie­der (zusam­men mit sei­nen Freunden) gerät, hel­fen ihm Gruselbücher wie „Die Schreckensgruft des Grafen“ und „Horror im Hungerverlies“ wei­ter, da die Buchhelden dort Ähnliches erle­ben. Die fünf Freunde ver­su­chen also her­aus­zu­be­kom­men, was im Schloss vor sich geht, was die Erwachsenen ver­schwei­gen (alle schei­nen Geheimnisse zu haben, kei­nem ist zu trau­en?) und wer sich das Geheimrezept der Worcestershire-Sauce unter den Nagel rei­ßen will.

Viel zu tun für Percy Pumpkin und Co. Und auch Buch zwei endet mit einem Cliffhanger – es geht wei­ter! Mein Tipp: mit Buch eins anfan­gen und sich dann freu­en, dass es Buch zwei schon gibt und man auf Buch drei wahr­schein­lich nicht lan­ge war­ten muss. Für alle ab zehn Jahren, für die es in Büchern aben­teu­er­lich, rät­sel­haft und auch grus­lig zuge­hen soll und die nicht gleich auf­ge­ben, wenn mehr als fünf Namen auf rund 370 Seiten her­um­schwir­ren. Bis denn, Percy Pumpkin!

Christian Loeffelbein:
Percy Pumpkin (Bd. 2)
Der Mumienspuk
Lektorat: Jutta Knollmann
ISBN: 978–3‑8157–5167‑1
Coppenrath Verlag
368 Seiten
ab 10 Jahren
14,95 Euro

PS: Die Geschichte spielt nicht „jetzt“, son­dern vor rund 70 Jahren (schät­ze ich), was man aber nicht wei­ter merkt. Der Autor (= „ich“ = Christian Loeffelbein) erzählt im Vorwort, er habe alte Notizbücher sei­nes ver­stor­be­nen Onkels gefun­den, in denen die­ser die Percy-Pumpkin-Abenteuer fest­ge­hal­ten habe. Diesen Kunstgriff kennt man ja von einer ande­ren Reihe aus dem Hause Coppenrath: Ulysses Moore. Das hät­te es nicht gebraucht, aber war­um nicht … Mehr über die Percy-Pumpkin-Bücher und den Autor auf die­ser Seite: Percy Pumpkin. Hier gibt es auch ein Rezept für Karamellbonbons (die wich­tig sind!) und Hinweise zu Mumien, Pyramiden, Hieroglyphen (aus Gründen).

Magie ist ein Verbrechen: „Die Fluchweberin“ von Brigitte Melzer

Dieses Buch ist ganz schön dick, ein ech­ter Wälzer. Dabei hat es gar nicht so vie­le Seiten, „nur“ 384. Des Rätsels Lösung:  Es ist wun­der­ba­res Papier. Kräftiges, sta­bi­les Papier, ein Fest für die Finger. Logisch, dass da auch über dem Impressum steht, wer das Papier gelie­fert hat. So was fin­de ich spannend. :)

„Die Fluchweberin“ heißt das Buch, ein Titel, der mich neu­gie­rig gemacht hat. Dazu noch das Cover, das fast zurück­hal­tend wirkt, mit einer Grundfarbe zwi­schen Grau und Grün, durch­webt von ver­äs­tel­ten wei­ßen Fäden. Und mit­tig oben, um den Buchtitel her­um, Ornamente, Figuren und Dinge im Kreis ange­ord­net. Das hat etwas von einem Armband, an dem ein­zel­ne Anhänger, Charms, befes­tigt sind. Und da „charm“ auch Zauber bedeu­tet, passt das geni­al, denn um Zauberei, um Magie, geht es in dem neu­en Buch von Brigitte Melzer.

„Die Fluchweberin“ spielt im heu­ti­gen England, Erzählerin und Hauptfigur ist die sieb­zehn­jäh­ri­ge Raine. Mit fünf hat sie auf eine schreck­li­che Weise ihre Eltern ver­lo­ren, und davon träumt sie auch zwölf Jahre spä­ter noch jede Nacht. Raines Mutter war Zauberin, sie hat­te die Gabe, Menschen, denen die Ärzte nicht mehr hel­fen konn­ten, zu hei­len. Eigentlich eine gute Sache, nicht jedoch in die­ser Welt, in der Magie ein Verbrechen ist. Egal wie die Zauberer ihre Kräfte ein­set­zen, ob für eine gute oder schlech­te Sache oder gar nicht – wenn die Magiepolizei sie auf­spürt, sind sie ver­lo­ren. Sie wer­den nicht direkt getö­tet, doch mit­tels einer OP ihrer Zauberkraft beraubt. Dieser Eingriff ist ent­we­der töd­lich oder zer­stört das Gehirn …

Raine hat aus dem, was ihren Eltern wider­fah­ren ist, gelernt: Sie ver­traut nie­man­dem, lässt nie­man­den an sich her­an. Denn sie hat eine magi­sche Kraft – sie kann Leute ver­flu­chen, sodass ihnen Dinge kaputt­ge­hen, sie einen Ausschlag bekom­men usw.: Sie ist eine Fluchweberin. Ihre Magie ist so schwach, dass die Magiesensoren der Magiepolizei nicht dar­auf ansprin­gen. Dennoch ist Raine immer auf der Hut – sie muss Distanz hal­ten, damit sie sich nicht ver­rät, und zugleich darf sie sich nicht zu sehr von den ande­ren abson­dern, da das eben­falls auf­fal­len wür­de. Das wird dadurch erschwert, dass sie in einem Internat lebt, also fast rund um die Uhr immer die glei­chen Leute um sich hat. Als ein neu­er Schüler an das Internat kommt, wird Raine aus ihrer Reserve geris­sen: Denn der Neue inter­es­siert sich mehr für Raine, als ihr lieb ist; ihre Erzfeindin Kim ist noch bos­haf­ter als sonst; eine Ex-Flamme macht ihr neue Avancen; jemand im Internat scheint böse Magie zu prak­ti­zie­ren und Raine hört geis­ter­haf­te Stimmen …

Brigitte Melzer, Jahrgang 1971, hat seit 2004 mehr als fünf­zehn Fantasyromane für Jugendliche her­aus­ge­bracht. „Die Fluchweberin“ ist das ers­te Buch, das ich von ihr gele­sen habe. Es beginnt packend und lässt einen auch nicht wie­der los. Raine, die Fluchweberin, erzählt in der Ich-Form, sodass man ihre Gedanken, Erinnerungen, Erlebnisse haut­nah mit­be­kommt – und nicht mehr weiß als sie. So muss man ziem­lich lan­ge rät­seln, was nun eigent­lich los ist und woher Gefahr droht, das hat etwas von der Maus in der Falle, was das Ganze span­nend macht. Raine gibt nicht nur Wohlüberlegtes von sich und wie­der­holt sich auch mal, das ken­nen wir ja von uns selbst, das ist authen­tisch und sym­pa­thisch – wird aber manch­mal doch etwas zu viel, gera­de bei der Liebesgeschichte, deren Mantra „es geht nicht“ und „es darf nicht sein“ ist.

Die Namen der Haupt- und wich­ti­gen Nebenfiguren pas­sen eher zu einer US-Highschool als zu einem eng­li­schen Eliteinternat: Raine, Ty, Skyler, Mercy, Max – und das gilt genau­so für die Charaktere, für die Erzählweise und die Geschichte. Wenn mich jemand fra­gen wür­de, ob das Buch eher Popcorn oder Keks sei, wür­de ich sagen: Popcorn. Und zwar lecke­res, fluf­fi­ges, süßes Popcorn, das sich wegisst wie nichts und nicht schwer im Magen liegt, wenn die Tüte leer ist.

Die Fluchweberin
von Brigitte Melzer
Lektorat: Ingola Lammers
Ueberreuter 2012
ISBN: 978–3‑8000–5662‑0
ab 14 Jahren
16,95 Euro

Ankommen in einem fremden Land: „Mit Salome sind wir komplett“ von Jana Frey

„Mit Salome sind wir kom­plett“ spielt zur Hälfte in Äthiopien und zur Hälfte in Deutschland. Man lernt Salome also schon ken­nen, bevor sie als Adoptivkind nach Deutschland kommt. Salome ist acht Jahre alt, sie lebt in einem Kinderheim in der Nähe von Addis Abeba. Wer ihre Eltern sind, weiß nie­mand, sie wur­de als Neugeborenes in Plastikfolie ein­ge­wi­ckelt bei einer Kirche gefun­den und ins Heim gege­ben. Dort hat sie zwar Hiwot, die kocht und die Kinder bemut­tert, wenn sie krank sind, sie hat ihren Freund Elias und eine klei­ne Ziege, Nuug. Doch eine Familie hat sie nicht.

In Deutschland hat Salome mit einem Mal Eltern – Ulli und Tobias –, einen neu­en Bruder, den zehn­jäh­ri­gen Jonathan, und eine Oma, „die Piekfeine“. Die Menschen sind ihr fremd, die Sprache ist ihr fremd, das Essen ist ihr fremd, das Wetter ist ihr fremd. So ver­stummt Salome und isst kaum noch. Doch es wird wie­der. Ihre neu­en Eltern brin­gen ihr gro­ße Zuneigung ent­ge­gen. Ihr neu­er Bruder lehnt sie erst ab (er hät­te lie­ber einen Irischen Wolfshund gehabt), dann rap­peln sie sich aber zusam­men. Als Salome aus­reißt, trifft sie auf den Ewig Summenden, Mamdi, der aus der Elfenbeinküste stammt. Er wird Teil der Familie und hilft Salome, im neu­en Land hei­misch zu werden.

Die Autorin, Jana Frey, hat ein gutes Händchen für Details und ein gutes Gefühl für Sprache. Sie zeigt Menschen: Hiwot, die lie­be­vol­le Distanz zu den Heimkindern wahrt und weint, wenn Babys, die neu ins Heim gekom­men sind, ster­ben. Die gelähm­te Naima, die im Heim Märchen erzählt und den Mädchen die Haar flicht. Monsignore Barnabas, den Salome „Kindereinsammler“ nennt, weil er für die Heimkinder Adoptiveltern fin­det und sie dann aus dem Heim weg­ge­hen. Salomes Fast-Freundin Sanou, deren Brüder gestor­ben sind, deren Mutter weg­ge­lau­fen ist und deren Vater sie ver­prü­gelt hat. Das ist manch­mal har­ter Tobak. Aber das steht nicht im Mittelpunkt (denn der Mittelpunkt ist Salome), das läuft so mit. Und Jana Frey erzählt es aus Salomes Perspektive, für die die­ses Leben und sol­che Lebensgeschichten Alltag sind. Sie erzählt es so, dass es für Kinder ab neun Jahren genau rich­tig ist. Und im Grunde ist das Buch so warm und son­nig wie das wun­der­schö­ne Cover: Es ist eine hoff­nungs­vol­le Geschichte mit einem über­ra­schen­den und glück­li­chen Ende.

Salome kommt sehr echt und lie­bens­wert rüber. Es wird nicht nur aus ihrer Perspektive erzählt, son­dern auch aus der ihres Adoptivbruders Jonathan – nicht aber aus Sicht der Erwachsenen. So gibt es nichts zu lesen über Adoptionsformalitäten, dar­über, wie Tobias und Ulli zu Salome kamen und wie sie die ers­te Zeit mit ihr erle­ben. Die Autorin kon­zen­triert sich im Buch auf Abschied und Ankommen, wes­we­gen die Geschichte nur im äthio­pi­schen Kinderheim und im Haus der Adoptiveltern spielt, in einem geschütz­ten Raum. Erst als Salome sich lang­sam sicher fühlt in ihrer Adoptivfamilie und in ihrem neu­en Zuhause, wagt sie sich nach drau­ßen – in eine Kunsthalle, was natür­lich kein Zufall ist.

Die Kapitelnummern im Buch ste­hen immer auf deutsch und auf amha­risch – Salomes Sprache – da, also „Eins“ und „And“, „Zwei“ und „Hulät“ usw. Und das ist bezeich­nend für das Buch. Denn Salomes Leben beginnt nicht erst in ihrer deut­schen Familie. „Vergiss nicht, Salome, Afrika ist in dir drin. In dei­nem Herzen. Für immer“, sagt Mamdi jedes Mal, wenn er sich von Salome ver­ab­schie­det. Und so ist es. „Mit Salome sind wir kom­plett“ ist ein sehr schö­nes Buch. Für Leute ab neun Jahren und nicht nur, wenn sie auf irgend­ei­ne Weise etwas mit Adoption zu tun haben.

* * *

Mit Salome sind wir komplett
von Jana Frey
illus­triert von Dagmar Henze
Ueberreuter 2012
136 Seiten
ISBN: 978–3‑8000–5587‑6
ab 9 Jahren
9,95 Euro