Es ist Frühling! „Kabulski und Zilli-Ohwiewunderbarschön“ von Brigitte Werner und Birte Müller

Ganz schön lang, der Name: Zilli-Ohwiewunderbarschön. Erst habe ich Zilli-Ohwiewunderschön gele­sen, ohne „bar“. Zillikatze ist auch wun­der­schön, fin­det zumin­dest Kabulski, ein Kater im Ruhrpott. Er ist schwarz und mit Bauch, der beim Herumrennen ein wenig hin­der­lich ist, aber nicht so sehr, dass Kabulski nicht ren­nen wür­de, zumin­dest, wenn er mit Zillikatze unter­wegs ist.

Und Zillikatze fin­det alles ohwie­wun­der­bar­schön, beson­ders wenn es etwas ist, was Kabulski vor­schlägt. An einem Frühlingsabend schlägt er vor, Elefanten und Nashörner zu jagen. Im Ruhrpott, wohl­ge­merkt. Und Zilli ist begeis­tert, sie reißt Kabulski mit, sie jagen durch die Stadt und sto­ßen viel­leicht sogar auf ein Nashorn, bei­na­he. Und irgend­wann sind sie völ­lig erle­digt, aber auch – glücklich.

Von Nashörnern und Elefanten wim­melt es auf den Bildern des Buchs, sie sind an Litfaßsäulen, in Hausfenstern, auf dem Strommast, hin­ter Büschen, in Müllkübeln, in Einfahrten … Die Illustrationen sind von Birte Müller, und ich fin­de sie wun­der­bar­schön. Die Farben sind pur, satt, sie leuch­ten. Nix Vermischtes, son­dern flä­chig und ein­fach, an Plakatfarben erin­nert mich das. Zillikatze ist weiß, ihre Ohren und Nase „tief­ro­sa­rot“, Kabulski ist schwarz und mit Bauch, wie gesagt.

Brigitte Werner spielt mit den Wörtern, sie schreibt: Fizzematenten, der Duden Fi­si­ma­ten­ten, kei­ne Frage, wel­che Variante schö­ner ist, dann hät­ten wir noch „wib­be­lig­wib­be­lig­krib­be­lig“ und „blitz­schnell­mög­lichst­so­fort“, und Zillikatze tanzt den „AchichbinsoaufgeregtlassunsanfangenTanz“. Eine Katze und ein Kater im Frühling auf der Jagd nach Elefanten und Nashörnern, die natür­lich lie­bend gern von Katzen gejagt wer­den, wie Kabulski sagt, sich aber den­noch gekonnt ver­ste­cken. Am Schluss weiß Zillikatze immer noch nicht, wie Elefanten und Nashörner aus­se­hen, und schläft „ratz­fatz­di­katz“ ein, aber Kabulski kuschelt sich an sie und sein Herz ist „auf der Stelle ein schlin­gern­des Karussell“. Es ist Frühling!

Brigitte Werner:
Kabulski und Zilli-Ohwiewunderbarschön
Illustrationen von Birte Müller
ab 6 Jahren
Verlag Freies Geistesleben
ISBN 978–3‑7725–2487‑5
57 Seiten
12 Euro

Bitte melden! „Miekes genialer Anti-Schüchternheitsplan“ von Birgit Ebbert

Bücher über Schule sind eine Sache für sich, es reicht doch, wenn man stän­dig hin­ge­hen muss oder muss­te, könn­te man den­ken. Wie gut, wenn sich dann ein Buch zum Thema „zu schüch­tern, um sich in der Schule zu mel­den“ als rich­tig net­te Unterhaltung mit Ratgebereffekt entpuppt!

Mieke ist elf Jahre und weder auf den Kopf noch auf den Mund gefal­len. Einige Schulfächer mag sie lie­ber, in ande­ren ist sie nicht ganz so gut, Probleme hat sie jeden­falls nicht, bis auf eins: Sie traut sich nicht, sich im Unterricht zu mel­den. Das mag dem einen oder andern bekannt vor­kom­men. Wenn ich so an mei­ne Schulzeit zurück­den­ke, habe ich auch nie zu denen gehört, die dau­ernd was zu sagen hat­ten bzw. sagen woll­ten. Na, Kinder sind auch nur Menschen, und ob man sich so neben­bei mel­det oder des­we­gen jedes­mal ein Fass auf­macht, hängt von x‑Dingen ab. Bei Mieke in Birgit Ebberts Buch ist die Sache ganz ein­fach, Mieke mel­det sich nie. Es ist also auf­fäl­lig, und eines Tages stellt ihr Klassenlehrer, Herr Meyer-Piepenkötter, genannt „Förster“ (wegen sei­ner grü­nen Weste), ihr ein Ultimatum: Mieke hat drei Monate Zeit, um end­lich aus dem Knick zu kom­men, was das Melden angeht. Wenn alles beim Alten bleibt, muss sie die Schule ver­las­sen – da in die­ser Schule die münd­li­che Mitarbeit sehr wich­tig ist.

Das kingt nicht gut, zumal Mieke genau in die­se Schule woll­te, mit Musik als Hauptfach, sogar eine Aufnahmeprüfung hat sie dafür absol­viert. Und natür­lich geht ihre bes­te Freundin Anna eben­falls in die­se Schule, in ihre Klasse. Es steht also eini­ges auf dem Spiel. Und da die­ses Buch Mut machen soll, steckt Mieke jetzt nicht den Kopf in den Sand und war­tet ab, son­dern: legt los. Von gleich auf sofort ändert sich nichts, es steigt auch kei­ne Fee vom Himmel und hilft mit einem Zauber. Mieke packt es selbst an, mit­hil­fe ihrer Oma, ihrer Freundin Anna, einer Journalistin, und Hilfe gibt es auch von uner­war­te­ter Seite. Schritt für Schritt, ganz stim­mig, kommt eins zum andern und Mieke baut sich einen Plan: „Miekes genia­len Anti-Schüchternheitsplan“ – mit Tipps gegen Meldeschüchternheit, die ihr hel­fen und auch den Lesern ab neun Jahren hel­fen kön­nen. Ganz prak­ti­sche und brauch­ba­re Tipps sind das, denn Birgit Ebbert ist nicht nur Autorin, son­dern in ers­ter Linie Pädagogin und „Lernbegleiterin“, sie unter­rich­tet Schüler unter ande­rem in Deutsch, Geschichte und Mathe. Ihr ver­dan­ke ich auch, dass ich jetzt weiß, was ein Marimbafon ist. Details wie die­ses – dass Mieke ein unge­wöhn­li­ches Musikinstrument, das Marimbafon, spielt –, ein rea­lis­ti­sches Umfeld und eine locke­re, authen­ti­sche Erzählweise (Mieke erzählt selbst) erge­ben unterm Strich ein Buch, das sich im Handumdrehen weg­liest. Und das, um es noch mal zu sagen, Mut macht und Tipps für Kinder parat hält, die sich in der Schule nicht (genug) melden.

Birgit Ebbert
Miekes genia­ler Anti-Schüchternheitsplan
ab 9 Jahren
Arena-Verlag
144 Seiten
ISBN 978–3‑401–50414‑8
5,99 Euro

Zwei Kinder in Indien: „Akhil Kakerlake und Neena Stinkefisch“ von Marie-Thérèse Schins

Dieser Bucheinband ist schön. Erst mal gebun­den, also kein nach­gie­bi­ges Cover, son­dern eines, das man fest anfas­sen kann. Auch kein Papierumschlag drum­her­um, bei dem man sich immer fragt, ob man ihn beim Lesen lie­ber abma­chen soll, obwohl er ja das Buch scho­nen soll und nicht umge­kehrt. Dann natür­lich die Umschlagillustration, die von Birte Müller stammt. So bunt, aber nicht grell, mit vie­len Dingen, die im Buch, in der Geschichte vorkommen.

Unten krab­beln bezie­hungs­wei­se schwim­men eine Kakerlake und ein Fisch durchs Cover und sehen ganz nett aus, doch als Spitzname sind sie nicht gera­de schmei­chel­haft, auch nicht in Indien, wo Neena und Akhil leben – Neena im Fischerdorf Nallipulla, Akhil im Dorf Karutam. Neena ist elf Jahre und nicht auf den Mund gefal­len. Wenn Jungs aus ihrer Klasse sie Neena Stinkefisch nen­nen, „stinkt“ sie zurück. Und auch gegen ihre klei­ne, jedoch wort- und ohr­fei­gen­ge­wal­ti­ge Großmutter, die Ammamma, begehrt sie auf – indem sie „abschal­tet“, wenn die­se laut­hals mit ihr schimpft, oder indem sie der Großmutter, die nicht lesen kann, beim Vorlesen der Zeitung Lügengeschichten erzählt. Neena will schwim­men ler­nen und Muschelpflückerin wer­den, wie ihr Vater, der Achan. Doch in ihrer Gegend im Süden Indiens dür­fen Frauen und Mädchen nicht ins Meer und erst recht nicht dar­in schwimmen.

Akhil ist zehn und schreck­lich ver­liebt in die schö­ne Ambeli aus sei­nem Dorf – die acht Jahre älter ist als er. Heimlich schaut er Bollywoodfilme an und träumt davon, Ambeli zu küs­sen. Dass er für Ambeli schwärmt, merkt aus­ge­rech­net sein Erzfeind Raaji, und der ist es auch, der Akhil eine Kakerlake nennt – eine klei­ne Kakerlake, die nichts weiß.

Auf dem Bucheinband sind meh­re­re Muscheln zu sehen – Muscheln, nach denen Neenas Vater taucht, die Neenas Mutter, die Amma, auf dem Markt ver­kauft, und viel­leicht auch Neenas zwei Muscheln, die ihr Geheimnis sind und die Glück brin­gen sol­len. Neena ist am Strand, als ihr Vater an einem Tag nach Muscheln taucht und dabei schlimm ver­letzt wird, weil Fischer in sei­ner Nähe mit Dynamit fischen. Sie ist nicht vor Angst und Schrecken gelähmt wie ihre Großmutter, son­dern han­delt. Und sitzt schließ­lich bei ihrem Vater im Taxi, das sie in die Stadt Trivandrum ins Krankenhaus brin­gen soll. Als das Taxi unter­wegs einem Bus in die Quere kommt, sehen Neena und Akhil sich zum ers­ten Mal in ihrem Leben: Denn Akhil ist mit sei­ner Familie in die­sem Bus auf dem Weg in die Stadt, um dort den Geburtstag der Mutter zu feiern.

Neena und Akhil begeg­nen sich wie­der. Sie tref­fen bei­de Dr. Elizabeth Koshi, Zahnärztin im Krankenhaus von Trivandrum, die für sie eine wich­ti­ge Rolle spie­len wird. Welche das ist, steht im Buch. Das im Übrigen abso­lut lesens­wert ist. Weil es Indien, das frem­de, so ande­re Land, ein wenig näher­bringt, und das wie im Vorbeigehen, ganz selbst­ver­ständ­lich in die Geschichte inte­griert. Das ist kein rein idyl­li­sches, kein Bilderbuchindien. Von Müll über­all liest man, von hei­li­gen Ratten, Gestank nach Pisse, von Eltern, die für den Lebensunterhalt der Familie sehr hart arbei­ten und für einen klei­nen Geburtstagsausflug in die Stadt jah­re­lang spa­ren müs­sen, von Kindern, deren Familien es sich nicht leis­ten kön­nen, sie län­ger als sechs Jahre zur Schule gehen zu las­sen, vom Leben mit den Tempeln und den Göttern, von Männern, die das weni­ge Geld in Schnaps umset­zen, von indi­schem Essen und Trinken, davon, dass die Eltern der Braut die pom­pö­sen Hochzeiten bezah­len müs­sen, dass die Kinder in der Schule Uniform tra­gen und vie­les mehr. Auch ein paar indi­sche Wörter sind ein­ge­floch­ten: Ammamma, die Großmutter, Achan, der Vater, Amma, die Mutter …

Und lesen­wert ist das Buch auch, weil man zwei Kinder ken­nen­lernt, mit ihren Träumen, Geheimnissen, Plänen. In ihrer Lebenswelt. Nicht so, dass man Mitleid hat, son­dern so, dass man mit­fie­bert und froh ist, wenn am Ende die bei­den zusam­men die Kakerlake und den Stinkefisch able­gen und für sich ande­re Namen fin­den. Das Buch ist ab zehn Jahren – die Kapitel sind kurz, immer im Wechsel geht es ein­mal um Neena, dann um Akhil. Die Sprache ist natür­lich und gar nicht schüch­tern, Marie-Thérèse Schins hat so geschrie­ben, dass man es schnell und gern liest, und die Illustrationen im Buch stam­men auch von ihr. Man merkt, dass die Autorin Indien kennt, mehr als sech­zig Mal war sie schon in dem Land, ist auf einer der letz­ten Buchseiten zu lesen. Sie erzählt nicht nur eine net­te, unter­halt­sa­me Geschichte, son­dern hat was zu sagen. Ein schö­nes, gutes Buch, innen wie außen.

Marie-Thérèse Schins: Akhil Kakerlake und Neena Stinkefisch
ab 10 Jahren
Verlag Freies Geistesleben
ISBN 978–3‑7725–2493‑6
195 Seiten
14,90 Euro