Ein alter Hut, na und

Immer wie­der schön sind die Restaurantkomposita mit „Senioren“. An der Ostsee in einem mir nament­lich bekann­ten Etablissement wer­den Fischsenioren an die Urlauber ver­füt­tert, ach, welch grau­si­ges Ende. Aber wenigs­tens hat­ten die alten Fische ein lan­ges und hof­fent­lich erfüll­tes Leben. Sieben Euro fuff­zig kos­tet der Fischseniorenteller, nein, ich hab ihn nicht probiert.

Ein Klassiker ist ja schon fast das Seniorenschnitzel, machen die Gaststätten das mit Absicht? Ich hab nicht so genau hin­ge­schaut, ob Senioren das Haus mei­den, hät­te ich tun sol­len, ja. Man könn­te auch ein Schnitzel nicht aus Senioren, son­dern aus altem Schweinefleisch ver­mu­ten, ein betag­tes Schnitzel qua­si. Bestimmt zäh. Hoffentlich den­noch gut ver­träg­lich für sen­si­ble Mägen.

Ach, lus­tig ist das Leben der Fleischesser! In die­sem Sinne: Guten Appetit bei der nächs­ten Mahlzeit.

Achtung, die Muddeldings kommen! Ein Bilderbuch über chaotische Kinderzimmer von Katja Kiefer

Max ist eine Art Pippi Langstrumpf. Das merkt man nicht gleich, denn er sieht aus wie ein stink­nor­ma­ler Junge und lebt auch nicht allein in einer Villa, son­dern mit sei­nen Eltern im Haus. Er hat kein Pferd und kei­nen Affen, aber einen gro­ßen, zot­te­li­gen Hund namens Pepper. Und eines Tages beschließt er, nicht mehr auf­zu­räu­men, sich nicht mehr zu waschen und die Kleidung nicht zu wech­seln. Scheinbar kann Max tun und las­sen was er will , denn sei­ne Mutter sagt ihm zwar, dass er auf­räu­men soll, setzt sei­nem „Aufräumen? … Nö.“ aber nichts ent­ge­gen. Erstaunlich.

Dann kom­men die Muddeldings. Katja Kiefers Muddeldings haben nichts mit Joannne K. Rowlings Muggeln zu tun. Sie erin­nern eher an die drei lus­ti­gen Gesellen von Eno Raud. Sie sind zwar nicht klein­wüch­sig wie Halbschuh, Muff und Moosbart, haben aber auch leicht komi­sche Gesichter und tra­gen unde­fi­nier­ba­re Muffs, ärmel­lo­se, zot­te­li­ge Säcke, die vom Hals bis zu den Knien gehen. An die Feuersteins und deren Steinzeitumhänge könn­te man da eben­falls denken.

Die Muddeldings hal­ten, was ihr Name ver­spricht: Sie sind schmud­de­lig. Das ist auch Max‘ ers­ter Gedanke, als er sie sieht: „drei ver­wanz­te, schmud­de­li­ge, merk­wür­di­ge Irgendwas“. Der klei­ne Dicke mit der rie­si­gen Nase, der Lange und der Grunzer wer­den von Unordnung magisch ange­zo­gen und nis­ten sich in Max‘ Kinderzimmer ein. Sie zei­gen dem Jungen, was wah­re Unordnung ist, ver­wan­deln das Zimmer in einen unde­fi­nier­ba­ren Sachenbrei, in dem bald kei­ne Möbel, kein Oben und Unten mehr aus­zu­ma­chen sind.

Seinen Eltern erzählt Max, die Wesen sei­en „Freunde“, die ein paar Tage bei ihm woh­nen wür­den. Von Mutter und Vater kom­men kei­ne Einwände gegen die unan­ge­kün­dig­ten Gäste. Dass es sich um „Muddeldings“ han­delt, erfährt Max‘ Mutter von einer Nachbarin, die ent­setzt das Weite sucht, als sie den Langen und den Grunzer im Garten bei den Mülltonnen sieht.

Die Muddeldings sind Müllgourmets, sie essen alles, was sie in die Hände bekom­men, lie­ben Unordnung, stin­ken gräss­lich – und sie spre­chen, tun das aber eher sel­ten. Ihr Redensführer ist der Dicke, der Lange fut­tert vor allem und der Grunzer grunzt, spit­ze Zähne hat er auch. Woher sie kom­men und was sie den­ken, erfährt man nicht, sie sind wie eine Heuschreckenplage, die über ein Land her­ein­bricht und dann ein­fach da ist.

Max fühlt sich in dem Chaos ganz wohl – bis er in all dem Müll sei­nen Hund Pepper nicht mehr fin­det. Wie sich das für einen Langstrumpf-Erben gehört, hilft er sich selbst und ver­treibt zu guter Letzt die Muddeldings.

Illustrationen und Text die­ses Bilderbuches stam­men von Katja Kiefer. Die Zeichnungen erstre­cken sich jeweils über eine Doppelseite, sie sind klar und detail­liert, aber nicht über­la­den. Die Zimmerbilder nach Einfall der Muddeldings sind natür­lich chao­tisch, fast schon Wimmelbilder, auf denen man Max, Pepper, den Langen, den Kleinen und den Grunzer inmit­ten des Mülls suchen muss. Die Bilder illus­trie­ren nicht nur das, was im Text steht, sie sind eher eine Art Bühnen- bzw. Szenenbilder: Auftritt Muddeldings, Auftritt Nachbarin, Auftritt Eltern … Wenn man nur den Text hät­te, wür­de der sich teils abge­hackt lesen.

Wie alt Max ist, wird nicht ver­ra­ten. Er ist einen Kopf grö­ßer als sein Hund, aber ob er in den Kindergarten oder in die Schule geht, weiß man am Ende immer noch nicht. Das hät­te ruhig erwähnt wer­den kön­nen, auch, um das Ganze ein wenig zu erden und Max in einen Alltag außer­halb des Hauses ein­zu­bin­den. Dem Überspitzten in der Geschichte – Max‘ Auftreten und dem Nicht-Reagieren sei­ner Eltern – fehlt in mei­nen Augen etwas das ’nor­ma­le‘ , bra­ve Gegenüber, also die Rolle, die bei Pippi Langstrumpf Thomas und Annika aus­fül­len. In die­sem Buch hät­te das ein Freund von Max sein kön­nen, der das Kinderzimmerchaos ent­spre­chend kom­men­tiert oder eine klei­ne Schwester, die Max zum Beispiel sagt, dass er und sein Zimmer stin­ken und eklig sind …

In einem wei­te­ren Buch könn­ten die Muddeldings gern rich­tig Charakter bekom­men und ihre Muddelreise durch die Welt antre­ten – sie hät­ten das Zeug zu wah­ren (Anti-)Helden, wür­den womög­lich gar den Olchis das Wasser rei­chen, die ja auch nicht gera­de die sau­bers­ten und wohl­erzo­gens­ten Wesen der Kinderbuchwelt sind. Also, auf ein Neues?

Katja Kiefer
„Die Muddeldings – Chaos im Kinderzimmer“
32 Seiten
Lappan Verlag
Erschienen: 28.07.2011
ISBN: 978–3‑8303–1182‑9

Eins aufs (oder fürs) Guschl

Der per­fek­te fal­sche Apostroph. Oder soll das Fliegendreck sein?

(Und der Duden kennt das Guschl nicht. Nur Gosche. Und Gusche. „… oder mein­ten Sie: Muschel, Puschel, Kuschel“ (Duden online))