„Der Tod bringt mich nicht um. Warum ich Bestatterin geworden bin“ von Nicole Rinder

Der Titel und das Coverbild ver­ra­ten es bereits: Dies ist ein sehr per­sön­li­ches Buch. Nicole Rinder erzählt vom Tod ihres Kindes, von ihrem Leben davor und danach. Davor war sie Arzthelferin, woll­te in dem Beruf aber schluss­end­lich nicht wei­ter­ar­bei­ten, nach­dem ihr Sohn vier Tage nach der Geburt gestor­ben war, wegen eines Herzfehlers. Nicole Rinder und ihr Mann hat­ten schon in der spä­ten Schwangerschaft erfah­ren, dass ihr Kind nicht leben wür­de, es war ein lan­ger Abschied.

Danach mach­te sie eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin und begann in einem Bestattungsunternehmen zu arbei­ten, das mehr woll­te (und will) als „nur“ Beerdigungen orga­ni­sie­ren, und zwar die Hinterbliebenen tat­kräf­tig ein Stück auf ihrem Weg des Abschiednehmens und der Trauer beglei­ten. Über ihren Berufsalltag als Bestatterin, über man­che schwe­re Abschiede, schreibt Nicole Rinder empa­thisch und auf den Punkt gebracht, sie fin­det die rich­ti­gen Worte, beschö­nigt nicht den Tod, zeigt aber auch immer Trost und Hoffnung auf. Sie ist über­zeugt, dass eine Bestattung so gestal­tet sein kann, dass die Hinterbliebenen einen guten Ausgangspunkt für ihren Weg der Trauer bekommen.

Diese zwei Perspektiven auf den Tod und die Trauer in einer Person, zum einen als Betroffene, als Hinterbliebene, und zum andern als Bestatterin, die Hinterbliebene beglei­tet, macht das Buch zu etwas Besonderem. Als sehr ange­nehm emp­fand ich die Erzählweise, zwar per­sön­lich und unmit­tel­bar, aber doch mit etwas Abstand und ruhi­gen, über­leg­ten Worten. Es über­rascht nicht, dass man etli­che Gedanken aus dem Buch für sich mit­neh­men kann, und es macht auch neu­gie­rig auf ande­re Bücher der Autorin. Zum Thema Tod und Trauer hat sie zusam­men mit Florian Rauch unter ande­rem „Das letz­te Fest. Neue Wege und heil­sa­me Rituale in der Zeit der Trauer“ und „Wie Kinder trau­ern. Ein Buch zum Verstehen und Begleiten“ verfasst.

Nicole Rinder: Der Tod bringt mich nicht um. Warum ich Bestatterin gewor­den bin
Unter Mitarbeit von Franziska Roosen
Lektorat: Andrea Langenbacher
128 Seiten
Patmos 2017
ISBN: 978–3‑8436–0944‑9
18 Euro

„Du wachst auf, und dein Leben ist weg“ von Max Rinneberg

Max Rinneberg ist sieb­zehn, als er auf einer Steintreppe stürzt, mit dem Kopf auf­schlägt und bewusst­los wird. Im Krankenhaus wacht er auf, und sein Leben ist weg. Er erkennt nichts und nie­man­den mehr aus sei­nem Leben vor dem Sturz. Er erkennt sei­ne Eltern nicht, auch nicht sei­ne Schwester, sei­ne Freunde, ande­re Verwandte. Die Wohnung, in der er mit sei­ner Familie leb­te, ist ihm fremd und neu. Alte Hobbys, die Kleidung im Schrank, sein Job – die Erinnerungen dar­an sind weg. Weg ist all das, was ihn vor­her aus­ge­macht hat.

Dennoch kommt er klar, muss nicht bei null anfan­gen. Er kann noch lesen und schrei­ben, ver­steht sei­ne Umwelt und kann die Dinge benen­nen. Im Vorwort des Buches wird das so zusam­men­ge­fasst: „Das pro­ze­du­ra­le Gedächtnis als Hort der Fähigkeiten und der Großteil der Wissenssysteme haben nur leich­ten Schaden genom­men. Aber das bio­gra­fisch-epi­so­dische Gedächtnis, das Archiv der per­sön­li­chen Lebensgeschichte, scheint kom­plett gelöscht.“

Als Ausgangspunkt für einen Roman oder einen Film mag das super sein, was könn­te man sich da nicht alles aus­den­ken. Aber wenn so etwas wirk­lich pas­siert, was ist dann? Das erzählt Max Rinneberg rund zehn Jahre nach dem Gedächtnisverlust in sei­nem Buch unauf­ge­regt, aber fes­selnd: Wie er sich von dem alten, ver­schwun­de­nen Leben löst und sein neu­es Leben Stück für Stück auf­baut. Wie er mit sei­ner „unbe­kann­ten“ Familie klar­kommt, inwie­fern Ärzte ihm auf sei­nem Weg hel­fen kön­nen, ob sei­ne Hobbys die­sel­ben sind wie frü­her, wie es mit Beziehungen und sei­nem Berufsleben aus­sieht usw.

Interessant wäre noch gewe­sen, Stimmen aus sei­ner Umgebung zu lesen: Wie gehen zum Beispiel Familie und Freunde damit um, dass der Mensch, den sie lan­ge Jahre bzw. ein Leben lang kann­ten, sie nicht mehr kennt und nicht mehr der ist und wie­der wird, der er mal war? Aber das klingt auch schon im Buch aus der Sicht des Autors an – und ist wahr­schein­lich eine ande­re, eige­ne Geschichte …

Max Rinneberg mit Ulrich Beckers: Du wachst auf, und dein Leben ist weg. Die Geschichte mei­nes Gedächtnisverlusts
232 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
Patmos 2017
ISBN: 978–3‑8436–0873‑2
20 Euro

„Pubertät. Der Ratgeber für Eltern“ von Angela Kling und Eckhard Spethmann

Vielleicht gibt es ja Eltern, die intui­tiv alles rich­tig machen und tat­säch­lich nie einen Ratgeber brau­chen. Aber die meis­ten Eltern ste­hen sicher irgend­wann oder immer mal wie­der im Leben mit Kind vor Situationen, in denen ein Blick von außen hilf­reich ist. Informieren kann man sich im Familien‑, Freundes- und Bekanntenkreis, im Internet, in Beratungsstellen, aber eben auch mit Büchern. Ich fin­de Ratgeber gut, die nicht zu umfang­reich sind und kei­ne Phrasen dre­schen, son­dern ech­te, hilf­rei­che Informationen bieten.

Das schafft der Pubertäts-Ratgeber von Angela Kling und Eckhard Spethmann. Das Buch hat 200 Seiten, aber im Kleinformat, die Schrift hat genug Luft und ist nicht zu klein. Warum ich das extra schrei­be? Weil ich schon Ratgeber in der Hand hat­te, bei denen zu viel Text in ein zu klei­nes Format gepresst wur­de, was das Lesen unnö­tig erschwert.

Nach den ers­ten Seiten des Pubertät-Ratgebers war ich leicht unge­dul­dig, zu wenig Konkretes für mei­nen Geschmack. Das wur­de aber schnell bes­ser, das heißt: prak­ti­scher. Zunächst geht es dar­um, was Pubertät über­haupt ist, wann sie z. B. beginnt, inwie­fern sie bei Jungen und Mädchen unter­schied­lich ver­läuft usw. Dann wer­den sie­ben Phasen der Pubertät unter­schie­den, von Vorahnung bis Integration. Eine sol­che Einordnung mag für Eltern ganz hilf­reich sein, da sie die Pubertät als fort­schrei­ten­den Prozess, als Entwicklung zeigt, die nor­ma­ler­wei­se auch ein (gutes) Ende nimmt.

Im wei­te­ren Verlauf gehen die bei­den Autoren auf „Gefahren“ bzw. „ris­kan­tes Verhalten“ wäh­rend der Pubertät ein: Sex, Depression, gestör­tes Essverhalten, Alkohol, Rauchen, Mobbing, Computerspiele usw. All die­se Themen wer­den natür­lich nur ange­ris­sen, doch was Angela Kling und Eckhard Spethmann dazu schrei­ben, hat Hand und Fuß und hilft mei­nes Erachtens wei­ter, durch Tipps etwa oder Verweise auf kon­kre­te Websites.

In einem sepa­ra­ten Kapitel fin­den sich Hinweise und Vorschläge, was man tun kann, um mit dem puber­tie­ren­den Kind bzw. Jugendlichen in Kontakt, im Gespräch zu blei­ben. Und zum Schluss lis­ten die Autoren qua­si als Zusammenfassung „10 gol­de­ne Regeln“ auf, mit denen Eltern und Kind gut durch die Pubertät kom­men, sowie ein „Pubertäts-ABC“ mit häu­fig gestell­ten Fragen.

Sehr ange­nehm an die­sem Ratgeber ist, dass er so gar nicht rei­ße­risch ist, kei­ne Super-Strategie ver­mit­teln will, dass die Autoren sich nicht selbst beweih­räu­chern und auch kei­ne Buchseiten mit über­flüs­si­gem Gebrabbel fül­len. Der Ton ist ange­nehm zuge­wandt, für mein Empfinden manch­mal ein biss­chen zu gefüh­lig, aber gestört hat das nicht. Es wird auf Mädchen und Jungen ein­ge­gan­gen, auch wenn auf dem Cover ein Mädchen abge­bil­det ist.

Besonders gut eig­net sich der Ratgeber viel­leicht für Eltern, deren Kind noch vor der Pubertät steht. Dann kann man sich schon mal men­tal vor­be­rei­ten und hat ver­schie­de­ne mög­li­che Probleme auf dem Schirm, aber auch Ideen, was man machen kann, spä­ter und bereits jetzt. Die Hinweise und Tipps der Autoren sind ganz boden­stän­dig, im Prinzip weiß man das meis­te oder könn­te von selbst drauf kom­men. Aber im Alltag mit Kind, im Korsett der Routinen und mit mehr oder weni­ger Stress Tag für Tag ist die­ser schlan­ke, gehalt­vol­le Ratgeber mit sei­nen Impulsen ein­fach eine fei­ne, hilf­rei­che Sache.

Angela Kling und Eckhard Spethmann: Pubertät. Der Ratgeber für Eltern. Mit 10 gol­de­nen Regeln durch alle Phasen
208 Seiten
hum­boldt Verlag 2016
ISBN 978–3‑86910–637‑3
9,99 Euro