„Die abenteuerliche Reise des Leopold Morsch“ von Gregor Wolf

Leopold Morsch ist ein Einsiedler, sein klei­nes Haus ist das ein­zi­ge in sei­nem Tal. Einsam ist er nicht, Bäume und Tiere genü­gen ihm als Gesellschaft. Ein Baum ist ihm sogar ein rich­ti­ger Freund, der wan­deln­de und spre­chen­de Baum Hainwart. Ab und zu kommt auch sein alter Freund Landrich vor­bei, ein Händler, der mit sei­nem Eselfuhrwerk durch die Weltgeschichte fährt. Als Landrich wie­der bei Leopold Morsch vor­bei­schaut, schenkt er ihm eine wei­ße Muschel, die wie ein Horn geformt ist. Leopold Morsch hält sie ans Ohr und hört Wellenrauschen, dann den Gesang eines Vogels, wie er ihn noch nie gehört hat. Nach und nach ver­steht er Worte, Strophen eines Liedes. Es scheint sich an ihn zu rich­ten, ein Hilferuf, den Morsch nicht igno­rie­ren kann. Er macht sich zusam­men mit Hainwart auf den Weg, um das Geheimnis der Muschel zu ergründen.

Bald schlie­ßen sich ihnen zwei neue Gefährten an: Ritter Griesbert, der kein Ritter mehr ist, aber wie­der sein will, und der Junge Tisal, der ent­führt wur­de und zurück in sei­ne fer­ne Heimat möch­te. Morsch, Hainwart und Griesbert beglei­ten ihn, und natür­lich erle­ben sie auf ihrer Reise etli­che Abenteuer, unter ande­rem bekom­men sie es mit Räubern, einem Drachen, skru­pel­lo­sen Wissenschaftlern und Piraten zu tun.

Den Verlauf der Reise kann man auf einer Landkarte im Inneneinband des Buches nach­ver­fol­gen. Ansonsten hat das Buch noch Randillustrationen, der Text ist auf jeder Doppelseite pas­send zum Ort, an dem die Handlung gera­de spielt, ein­ge­rahmt mit der Silhouette eines Waldes, einer Stadt usw. Das wirkt hoch­wer­tig und passt sehr gut zur fan­tas­ti­schen, mär­chen­haf­ten Geschichte, genau­so wie die schö­ne Umschlagillustration. Die Seiten fas­sen sich gut an, sie sind rela­tiv dick, sodass das Buch mit sei­nen über 300 Seiten und fes­tem Einband auch nicht gera­de dünn ist. Die Schrift ist ange­nehm groß, die Kapitelüberschriften sind klar abge­setzt und leicht verspielt.

Die Gestaltung eines Buches ist zwar wich­tig, aber wich­ti­ger ist die Geschichte. Und die ist eine run­de Sache. Sie ist wie ihre Hauptfigur Leopold Morsch: in sich ruhend, ernst­haft, fein­füh­lig. Überstürzt wird hier nichts, obwohl die vier Gefährten durch­aus in brenz­li­ge Situationen gera­ten und Ritter Griesbert im Gegensatz zu Morsch eher spon­tan und leicht auf­brau­send ist. Konflikte wer­den nicht mit schnel­len Kämpfen gelöst, son­dern mit Grips ange­gan­gen, Klischees im Großen und Ganzen erfolg­reich umschifft. Wobei man fra­gen könn­te, war­um alle vier zen­tra­len Figuren männ­lich sein müs­sen. Ein biss­chen mehr Leichtigkeit und Tempo hät­te ich nicht schlecht gefun­den, aber so ist es auch in Ordnung. Morschs Welt ist über­schau­bar und gut durch­dacht, sie mutet mit­tel­al­ter­lich an mit Drachen, Rittern, und Königen, ist aber zugleich irgend­wie zeit­los. Ein Einsiedler, den es in die wei­te Welt ver­schlägt, der mit Gefährten Abenteuer erlebt und sich wacker schlägt – das ist kei­ne neue Idee, aber in „Die aben­teu­er­li­che Reise des Leopold Morsch“ schön und fes­selnd umgesetzt.

Gregor Wolf: Die aben­teu­er­li­che Reise des Leopold Morsch
Umschlag- und Innenillustrationen: Cornelia Haas
Lektorat: Angela Iacenda
320 Seiten
ab 10 Jahren
2019 ueberreuter
ISBN: 978-3-7641-5150-8
14,95 Euro

„Eine Leiche zum Tee“ von Alexandra Fischer-Hunold

„Eine Leiche zum Tee“ spielt in guter alter Krimimanier in England, im Dorf Ashford-on-Sea. Hier lebt Amy bei ihrer vier­und­sieb­zig­jäh­ri­gen Großtante Clarissa, die mal Lehrerin war und nun den Little Treasures Tearoom betreibt. Bei der Fünfhundertjahrfeier des Ortes sind die bei­den für den Kuchenstand zustän­dig, aber vor allem will Amy bei der Gelegenheit end­lich Finn anspre­chen, in den sie unheim­lich ver­liebt ist.

Dummerweise kommt ihr ihre Klavierlehrerin dazwi­schen: Rubinia Redcliff wird am Strand tot auf­ge­fun­den. Ein Unfall, ist der Dorf-Sergeant über­zeugt, ein Mord, glaubt dage­gen Tante Clarissa, die ein Faible für Krimis hat und seit ihrer Pensionierung die Anlaufstelle im Dorf ist, wenn etwas geklaut wur­de oder sonst­wie ermit­telt wer­den muss. Sie legt also sofort los, und aus­nahms­wei­se ist Amy mit von der Partie, da Finn irgend­wie in der Sache drin­zu­hän­gen scheint.

Auf 320 Seiten webt die Autorin ein Netz aus Verdächtigungen und Verdächtigen, fast jede und jeder im Dorf hat­te mit Rubinia Redcliff zu tun, die zwar berühmt, aber nicht gera­de beliebt war. Viel Arbeit für Amy, die güns­ti­ger­wei­se Sommerferien hat und ihre Rolle als Detektivin immer span­nen­der fin­det. Stets an ihrer Seite ist Percy, ein Irish Terrier, und ziem­lich oft auch Finn …

Die Geschichte wirkt ein biss­chen aus der Zeit gefal­len, obwohl sie im Jetzt spielt, mit Handys und WhatsApp. Vielleicht weil es ein eng­li­sches Dorf ist, inklu­si­ve herr­schaft­li­chem Anwesen sowie Lady und Lord Ashford, viel­leicht weil es eine recht hei­le, über­schau­ba­re Buchwelt ist, wie in Kinderkrimiklassikern von Enid Blyton, viel­leicht auch, weil Amy eine Spur zu hef­tig und irgend­wie alt­mo­disch für Finn schwärmt. Macht aber nichts, denn der klei­ne eng­li­sche Dorfkosmos ist wit­zig und kurz­wei­lig beschrie­ben und die Suche nach Täter oder Täterin nicht so gerad­li­nig, wie es zunächst erscheint.

Alexandra Fischer-Hunold: Eine Leiche zum Tee
Lektorat: Emily Huggins
320 Seiten
ab 12 Jahren
2019 ueberreuter
ISBN 378-3-7641-7082-0
14,95 Euro

„Wenn wir nach den Sternen greifen“ von Kathleen Weise

Der Countdown läuft: Ianthe hat eine Woche Zeit, sich von ihrem Vater zu ver­ab­schie­den, der in drei Wochen zum Mars flie­gen wird – eine Woche Abschiednehmen mit der Familie, zwei Wochen Quarantäne. Das Buch spielt im Jahr 2039, also in einer rela­tiv nahen Zukunft. Sie erscheint einem sehr ver­traut, so könn­te es sein, wenn alles mehr oder weni­ger genau­so wei­ter­geht wie bis­her: Probleme unse­rer Zeit haben sich noch ver­grö­ßert, so der Klimawandel und die Kluft zwi­schen Arm und Reich. Technisches wur­de wei­ter­ent­wi­ckelt und ver­bes­sert, dafür hat sich die Autorin Namen aus­ge­dacht, die ganz authen­tisch klin­gen, wie „Magmag“ („meist­ver­kauf­tes Smartphone der Welt ab 2031 im Bereich Wearables“) und „Silver Orb“ („trag­ba­res Soundsystem, seit 2036 Marktführer“). Fake News gibts nach wie vor in Massen und des­we­gen auch immer mehr „Quellenprüfer“ („in Deutschland seit 2023 aner­kann­ter Studiengang“), und die „First-Mother-Bewegung“ will die Raumfahrt abschaf­fen und dass das Geld statt­des­sen in die Erde inves­tiert wird.

Es passt natür­lich, dass im Jahr 2019 die­ses Buch erscheint, das den Start der ers­ten bemann­ten Mars-Mission im Jahr 2039 ansie­delt, denn am 21. Juli 1969 betra­ten Neil Armstrong und Buzz Aldrin im Rahmen der Mission Apollo 11 als ers­te Menschen den Mond. „Wenn wir nach den Sternen grei­fen“ beginnt drei Wochen vor und endet mit dem Start der Rakete, im Mittelpunkt steht das Abschiednehmen – wie die 17-jäh­ri­ge Ianthe, ihre jün­ge­re Schwester Sanja, ihre Mutter und der Vater damit umge­hen. Drei Jahre dau­ert die Mission im All, falls etwas schief­läuft, ist es ein Abschied für immer.

Von der Welt „außen“ bekommt man im Buch fast nichts mit, Ianthe und ihre Familie ver­brin­gen die Zeit bis zum Start der Mars-Mission auf einem abge­schot­te­ten, schwer bewach­ten Gelände in Florida in der Nähe des Kennedy Space Center, eben­so wie die Familien der ande­ren Astronauten. Sie sind viel am Strand, gehen ins Kino und essen, leben wie unter einer Glocke, die alles abdämpft, auch das ein oder ande­re Ereignis, das die Ruhe eigent­lich emp­find­lich stö­ren soll­te. Ianthe muss zudem ent­schei­den, wie es nach dem Start für sie wei­ter­ge­hen soll. Sie macht erfolg­reich Musik und hat ein Angebot von einem Musiklabel, müss­te aber von Mutter und Schwester weg­zie­hen, wenn sie es annimmt …

„Wenn wir nach den Sternen grei­fen“ ist gekonnt und flüs­sig geschrie­ben, die 220 Seiten lesen sich schnell. Geschichte und Figuren blei­ben etwas an der Oberfläche, viel­leicht hät­ten sie mehr Platz bzw. Seiten zum Entfalten gebraucht. Bei dem Stoff wäre pro­blem­los eine dra­ma­ti­sche­re Story zum Mitfiebern mög­lich gewe­sen – so ist es ein eher ruhi­ges Feel-Good-Buch, das den­noch fes­selt. Nicht zu ver­ges­sen das schö­ne Cover mit dem Mädchen, das in den Himmel und zu den Sternen schaut: Nicht nur ihr Vater, auch sie greift danach.

Kathleen Weise: Wenn wir nach den Sternen greifen
Lektorat: Angela Iacenda
220 Seiten
ab 14 Jahren
2019 ueberreuter
ISBN 978-3-7641-7093-6
16,95 Euro