Kommen Sie auf die Couch! „Psychoanalyse tut gut“ von Dunja Voos

Dieses klei­ne Buch hat es in sich: Es ist eine Einführung in die Psychoanalyse, ein Augenöffner, Neugierigmacher und, wie der Untertitel schon sagt, ein „Ratgeber für Hilfesuchende“. Es kam für mich wie geru­fen, da ich zum Thema Psychoanalyse über das übli­che Halbwissen ver­fü­ge, biss­chen Freud hier, etwas Über-Ich dort, Vorurteile hin, Vermutungen her. Das woll­te ich ändern. Ende Dezember hat­te ich Charlotte Roches „Schoßgebete“ gele­sen, also vor „Psychoanalyse tut gut“. Das pass­te schon mal per­fekt, merk­te ich, denn Roches Heldin geht zur Psychoanalyse und vie­les, was Roche schil­dert, tauch­te in Dunja Voos‘ Buch wie­der auf, es gab so man­che Aha-Momente.

Man könn­te sagen, Charlotte Roche bricht mit ihrem zwei­ten Roman die Lanze für die Psychoanalyse, und Dunja Voos tut dies eben­falls, natür­lich auf eine gänz­lich ande­re Art. Ganz prak­tisch und mit Worten, die für Laien nicht nur ver­ständ­lich sind, son­dern sich auch gut lesen las­sen, zeigt sie die Psychoanalyse als eine Therapieform, die nicht in unse­re schnel­le Zeit zu pas­sen scheint, für vie­le aber doch genau die rich­ti­ge sein kann.

Das Buch hat rund 170 Seiten und ist in zwei Teile unter­glie­dert: „Die psy­cho­ana­ly­ti­sche Therapie“ und „Häufige Diagnosen“. Dafür gibt es schon mal einen Pluspunkt: kein theo­re­ti­scher Ballast, kein Versuch, erst die Geschichte der Psychoanalyse run­ter­zu­be­ten und die Tradition, die Moderne, kurz, alle Theorie zu erklä­ren. Sondern: rein in die Praxis, zu den Fragen, die Herr Müller mit der Depression und Frau Kunz mit der Zwangsstörung stel­len wür­den – was ist Psychoanalyse, für wen kommt sie infra­ge, was pas­siert dabei usw.

Zuerst ein­mal bringt Dunja Voos Klarheit in die ver­wir­ren­de Welt der Psychoberufe: Der Neurologe behan­delt krank­haf­te Veränderungen der Nerven und des Gehirns, er ist die rich­ti­ge Anlaufstelle zum Beispiel für Schlaganfallpatienten. Der Psychiater sieht als Ursache see­li­schen Leids pri­mär Stoffwechselstörungen und setzt früh Medikamente ein, das kann bei­spiels­wei­se für Patienten mit Halluzinationen oder schwe­ren Alkoholproblemen pas­sen. Die Verhaltenstherapie ist zumeist zeit­lich begrenzt, das heißt, sie läuft über einen kür­ze­ren Zeitraum, der Therapeut küm­mert sich hier­bei um Symptome – wäh­rend der Psychoanalytiker mit­tels Gesprächen den Ursachen auf den Grund gehen möch­te, was län­ger dau­ert, vie­le Wochen, manch­mal Jahre.

Und Zeit hat der Analytiker für den Patienten – immer zu einem fes­ten Termin, genau 50 Minuten lang, ohne Störung durch das Telefon, und in der Regel sind kei­ne ande­ren Patienten in der Praxis. Im ers­ten Teil des Buches erzählt Dunja Voos also, wie eine Therpie abläuft (ers­te Stunde, die berühmt-berüch­tig­te Couch, Beziehung zwi­schen Patient und Therapeut usw.), und geht auf Ängste, Vorurteile und Probleme im Zusammenhang mit der Psychoanalyse ein.

Um ein paar Hinweise her­aus­zu­pi­cken: Man kann sich einen Psychoanalytiker emp­feh­len las­sen, soll­te aber mög­lichst nicht den­sel­ben wie Freunde und Verwandte kon­sul­tie­ren, denn dar­un­ter wird ent­we­der die Freundschaft oder die Therapie lei­den. Der Psychoanalytiker macht in sei­ner Ausbildung selbst als Patient eine Psychoanalyse durch, die soge­nann­te Lehranalyse. Er weiß also, wie es ist, auf der Couch zu lie­gen (oder auf dem Stuhl zu sit­zen). Die Beziehung zwi­schen dem Therapeuten und dem Patienten bezeich­net Dunja Voos als eine Abhängigkeit, ver­gleich­bar der des Kindes von der Mutter. Sie basiert auf Vertrauen. Doch die Abhängigkeit sei der Weg zur Unabhängigkeit, zu einem bes­se­ren Leben als vor­her, in dem der Therapeut dann kei­ne Rolle mehr spielt, spie­len muss. Um Missbrauch vor­zu­beu­gen, gibt es die soge­nann­te „Abstinenzregel“: außer dem Händeschütteln zur Begrüßung und zum Abschied darf es kei­ne Berührungen geben, ent­spre­chend auch kei­ne Beziehung außer­halb der Praxis des Analytikers.

Auf die Frage: Wie sag ich mei­nem Chef, mei­nem Partner, wem auch immer, dass ich eine Psychoanalyse mache, geht die Autorin eben­falls ein. Aus gutem Grund:

In unse­rer stren­gen Gesellschaft, wo man jung, strah­lend und funk­tio­nie­rend sein muss, ist eine psy­chi­sche Störung immer noch ein Makel — es sei denn, sie ist durch den all­ge­mein aner­kann­ten Stress ent­stan­den. Menschen, die am Burnout-Syndrom lei­den, sind doch im Allgemeinen akzep­tiert. Schließlich sind sie ‚aus­ge­brannt‘, weil sie sich über alle Maßen für ihren Beruf ein­ge­setzt haben. (Seite 82)

Man liest zwar über­all, dass immer mehr Menschen psy­chi­sche Probleme haben, und das bekom­men die meis­ten auch in ihrem eige­nen Umfeld oder bei sich selbst mit. Aber des­we­gen zum Arzt gehen? Eine Psychoanalyse in Betracht zie­hen? Ich schät­ze, das geschieht eher sel­ten. Welcher Hausarzt hat heu­te noch Zeit, sich um die Psyche sei­ner Patienten zu küm­mern, wenn es  nicht gera­de um Depression, Burnout, ADHS oder etwas Ähnliches geht, das „greif­bar“ und nicht zu igno­rie­ren ist? Dann wird eine Diagnose gestellt und behan­delt, oft nur mit Medikamenten. Doch Diagnosen sind nicht das A und O und das Ende vom Lied, so Dunja Voos:

Wenn man sich an den Diagnosenamen fest­hält, kommt man auf ein Karussell, das schwin­del­erre­gend ist. Experten strei­ten sich unter­ein­an­der wie die Kesselflicker um den rich­ti­gen Namen und sehen nicht, dass da ein Mensch sitzt, der nur eines möch­te: dass ihm end­lich gehol­fen wird. Viele Diagnosen sind ohne Zweifel Modeerscheinungen. (Seite 39)

Als Beispiel hier­für nennt die Autorin ADHS – hier wür­den ganz ver­schie­de­ne Verläufe in einen Topf gewor­fen, unter einem Namen ver­sam­melt. Dunja Voos ver­gleicht das mit dem Weinen: Hier sind die Symptome gleich, aber die Ursachen kön­nen gänz­lich unter­schied­lich sein: Man kann ohne Grund, aus Freude, vor Angst, aus Wut, vor Scham, vor Schmerz usw. wei­nen. Es genü­ge also nicht, nur ADHS zu dia­gnos­ti­zie­ren und zu behan­deln, man müs­se nach den Ursachen for­schen und sie bear­bei­ten. Und ein Weg, dies zu tun, sei die Psychoanalyse.

Im zwei­ten Teil des Buches – zu den „häu­fi­gen Diagnosen“ – geht die Autorin unter ande­rem auf Neurose, Psychose, Depression, Burnout, Angst und Borderline ein. Es fal­len hier auch eini­ge Fachbegriffe wie hohes und nied­ri­ges Strukturniveau, Repräsentanzen, es ist vom Ich, Es und Über-Ich die Rede, die ora­le, ana­le und ödi­pa­le Phase wer­den am Rande erwähnt. Doch kei­ne Sorge, es bleibt ver­ständ­lich und leser­freund­lich – und sehr auf­schluss­reich! Dieses Buch kann Bedenken neh­men und den Rücken stär­ken, wenn man für sich über eine Psychoanalyse nach­denkt. Nach dem Lesen ist die­se Therapieform kein Buch mit sie­ben Siegeln mehr. Dunja Voos ver­mit­telt: Psychoanalyse kann hel­fen, sie tut gut, kann genau das Richtige sein – denn der Therapeut hört zu, baut eine Beziehung auf, ist ver­läss­lich und eine Person, die eine Heilung oder eine Verbesserung beglei­ten kann. Die Autorin ver­säumt aber auch nicht zu sagen, dass Psychoanalyse viel kann, jedoch kein Allheilmittel ist, natür­lich hat sie ihre Grenzen.

Im Anhang fin­den sich noch wei­ter­füh­ren­de Adressen (Bundesärztekammer, psy­cho­ana­ly­ti­sche Vereinigungen usw.), die Literaturliste sowie eine Übersicht über „Studien zur Wirksamkeit psy­cho­ana­ly­ti­scher Therapien“.

Fazit: „Psychoanalyse tut gut“ ist ein äußerst emp­feh­lens­wer­tes Buch, mit dem Dunja Voos auf eine sehr mensch­li­che, kom­pe­ten­te und auch kurz­wei­li­ge Art über die Psychoanalyse infor­miert – es ist eine gute Wahl, egal ob man sich ein­fach nur schlau machen will oder beab­sich­tigt, selbst eine Psychoanalyse zu beginnen.

Dunja Voos
Psychoanalyse tut gut. Ein Ratgeber für Hilfesuchende
173 Seiten
Psychosozial-Verlag 2011
ISBN: 9783837921458
16,90 EUR

Dick ist das neue schwul? „Bauchgefühle. Mein Körper und sein wahres Gewicht“ von Susann Sitzler

Ich fand ja schon Sabine Asgodoms „Das Leben ist zu kurz für Knäckebrot“ gut. Aber die­ses Buch hier von Susann Sitzler – ist bes­ser! Denn was bei Asgodom eher nur anklang, etwas zusam­men­ge­stü­ckelt wirk­te und am Ende (in mei­nen Ohren) in einem „Finde dich damit ab und du nimmst schon von selbst genug ab“ ver­hall­te, ist in „Bauchgefühle“ von vorn bis hin­ten schlüs­sig, grif­fig und auf den Punkt gebracht aus­ge­ar­bei­tet und durch­ge­zo­gen: Jeder Körper hat sein „wah­res Gewicht“!

Aber lang­sam. Eine Sache vor­ab: Ich lese kei­ne Diätbücher. Ich. Lese. Keine. Diätbücher. Ich lese auch kei­ne Zeitschriften, die Frauen anschrei­en: Kauf mich!!! Ich mach dich dünn!!! Los, mach schon!!! Jetzt aber!!! Nee, nicht mit mir. Aber Bücher, in denen es auf einem Treppchen wei­ter oben um die­ses Thema geht: Frauen, Gewicht, dick, dünn – die hol ich mir schon eher ins Haus. Gern. Denn die depri­mie­ren mich net­ter­wei­se nicht, son­dern geben mir zu den­ken. Bringen viel­leicht auch was ins Rollen. Setzen nicht auf der unters­ten Stufe an (Super-Diät = dünn = glücklich).

„Bauchgefühle“ also. Ein klei­nes, hand­li­ches Buch mit einem sehr anspre­chen­den Coverbild: Es zeigt drei Frauen, bes­ter Laune, die man dick nen­nen könn­te. Wenn man das woll­te. Die sich dick nen­nen wür­den. Wenn sie das woll­ten. Susann Sitzlers These ist: Jeder Mensch, jeder Körper hat sein „wah­res Gewicht“. Dick- oder Dünnsein ist ange­bo­ren – wie die Körpergröße, die Haarfarbe usw. Und das geht natür­lich in die Anfänge der Menschheit zurück. Die, die das Essen opti­mal ver­wer­ten konn­ten, über­leb­ten. Das sind die, die heu­te dick wer­den, wenn sie essen, wie sie wol­len. Und das sind die meis­ten. In Ländern wie Deutschland steht das Essen jeder­zeit schier unbe­grenzt zur Verfügung, unse­re kalo­rien­strot­zen­den Körper müs­sen jedoch oft nur am Schreibtisch sit­zen und tip­pen. Und zur Mittagspause auf­ste­hen. Dann schnell ein­kau­fen. Eine Runde durch den Park dre­hen. In die Kneipe gehen. Und dann ins Bett. Oder so.

Zugleich ist dick aber nicht akzep­tiert. Dick ist dick, ob eigent­lich schlank, wenig Übergewicht oder fett. Dick oder dünn, das ist die Frage. Und dick ist schlecht. Dicke wer­den dis­kri­mi­niert, wie Frauen, Schwarze, Schwule – aber es kom­me lang­sam eine Emanzipationsbewegung ins Rollen, so Susann Sitzler. Weil dick schlecht ist, ste­hen man­che, die eigent­lich nicht dünn sein wür­den, im ewi­gen Kampf mit sich selbst und ihrem Körper. Ob sie nun Kalorien zäh­len, sich das Essen ver­bie­ten oder ihren Körper mit Sport quä­len. Immer das Schreckgespenst FETT vor Augen. Dabei müss­te ihr wah­res Gewicht nicht bei 180 Kilo lie­gen. Extrem über­ge­wich­ti­ge Menschen gäbe es nur weni­ge, der Großteil wür­de sich irgend­wo zwi­schen 60 und 100 ein­pen­deln. Wenn er nicht ewig kämp­fen würde.

Susann Sitzler räumt noch mit eini­gem ande­ren auf: mit dem all­ge­gen­wär­ti­gen BMI, der Mär vom bösen Bauchspeck und von den Dicken, die die Krankenkassen mel­ken (nö, tun sie nicht). Sie bringt Eichhörnchen und Dinosaurier ins Spiel, klärt auf, wel­che Rolle Missbilligung, Kränkung und dar­aus resul­tie­ren­der Stress in einem Dickenleben ein­neh­men kön­nen, erwähnt pro­mi­nen­te Dünne und Dicke wie Renate Künast, die äußerst kühn (und nicht halt­bar) mit „dicken Zahlen“ jon­gliert habe, auch Joschka Fischer als Verkörperung des Jojoeffekts.

Das Ganze ist alles ande­re als tro­cken und fade – da Susann Sitzler sich selbst zu Wort mel­det, sie ist die per­sön­li­che Seite, die Autorin, die sich nicht hin­ter ihrem Text ver­ste­cken muss. Das kann ein Identifikationsangebot sein, aber sicher auch Diskussionen her­aus­for­dern. Zum Glück, denn wie lang­wei­lig ist doch ein Buch, das jeder nur run­ter­liest, ja und amen denkt – und dann Klappe zu. Ich hab lei­der gar nichts zu meckern, das Buch ist ein­fach gut und ein ech­ter Augenöffner. Bloß der Titel, der passt nicht so ganz. Denn „Bauchgefühle“ ist eine Nummer zu rosa für das, was die Autorin zwi­schen den bei­den Buchklappen ver­sam­melt hat: eine Mischung, die für man­che durch­aus pro­vo­ka­tiv bis explo­siv sein kann.

- – - – - – -

Susann Sitzler
Bauchgefühle. Mein Körper und sein wah­res Gewicht
2011, 187 S., gebunden
C.H.Beck
ISBN 978–3‑406–62200‑7
12,95 Euro

Ein Loblied auf „Seiltanz. Der Autor und der Lektor“

Fangen wir mit dem Titel an. „Der Autor und der Lektor“, wie irri­tie­rend. Klingt eher nach einem Roman als nach einer Anthologie, schließ­lich gibt es Autoren und Autorinnen, Lektorinnen und Lektoren. Lektorinnen wahr­schein­lich mehr als Lektoren, aber das ist jetzt kei­ne Aussage, auf die ich mich fest­na­geln las­sen wür­de. Das Buch ist 2010 im Wallstein Verlag erschie­nen. 2011 muss ein gutes Jahr für die­sen Verlag sein, denn zum einen fei­ert er das 25. Jahr sei­nes Bestehens und zum andern wur­de die Wallstein-Autorin Maja Haderlap für ihren Roman „Engel des Vergessens“ in Klagenfurt mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis aus­ge­zeich­net, was den Verkaufszahlen mit Sicherheit nicht abträg­lich ist.

Ich habe die­ses Buch schon eine gan­ze Weile bei mir her­um­lie­gen, und zwar nicht, weil ich kei­ne Zeit zum Lesen gehabt hät­te. Es war erst etwas sper­rig, die­ses wei­ße Büchlein mit sei­nen 207 Seiten, das sich eigent­lich ziem­lich schnell lesen lie­ße, wenn es nicht so – viel wäre. Ja, viel, ein bes­se­res Wort fällt mir dafür nicht ein. Die Texte von vier­und­drei­ßig Autoren und elf Autorinnen sind in die­sem Buch ver­sam­melt, in Prosa oder Lyrik haben sie über ihre Arbeit oder ihr Verhältnis zu ihrem Lektor geschrieben.

Was mir fehl­te, war eine Übersicht am Ende des Buches, in der alle Autorinnen und Autoren kurz vor­ge­stellt wer­den, mit eini­gen bio­gra­phi­schen Daten und ihren Werken. Ja, ein Martin Walser ist bekannt, eine Friederike Mayröcker auch, aber bei etli­chen wuss­te zumin­dest ich nicht, um wen es geht. Muss ich also recher­chie­ren, wider die Bequemlichkeit!

Ich hat­te ange­fan­gen zu lesen. Irgendwann merk­te ich, dass ich den Fuß nicht in das Buch bekom­me (sozu­sa­gen) und dass mir ein Steinchen im Mosaik fehlt. Zum Glück fand ich es noch. Das Steinchen hat sogar einen Namen. Es heißt Thorsten Ahrend und ist 2010 fünf­zig Jahre alt gewor­den. Ahrend ist Lektor beim Wallstein Verlag und sein Verleger (und zugleich Herausgeber der Anthologie) Thedel von Wallmoden hat­te aus Anlass die­ses run­den Geburtstages Autorinnen und Autoren gebe­ten, „etwas über ihre sehr per­sön­li­chen Erfahrungen und Eindrücke in der Zusammenarbeit mit einem Lektor mit­zu­tei­len“. Dies steht im Nachwort, das ich tat­säch­lich nicht als Vorwort gele­sen habe, und so fiel mir ledig­lich irgend­wann auf, dass der Namen Thorsten Ahrend in der Anthologie ver­däch­tig häu­fig fiel. Nun weiß ich nicht, wie vie­le Autorinnen und Autoren Thedel von Wallmoden um Auskunft gebe­ten hat­te, aber ver­wun­der­lich ist es nicht, dass sich vor allem die ange­spro­chen gefühlt haben dürf­ten, die ihrem Lektor Thorsten Ahrend ver­bun­den sind.

Ich bin immer noch nicht sicher dar­über, ob es ehr­li­cher gewe­sen wäre, das Buch expli­zit als eine Hommage an den Lektor Thorsten Ahrend aus­zu­wei­sen, gleich zu Beginn, oder ob man es als klei­ne Herausforderung für den Leser sehen soll­te … Nachdem ich erkannt hat­te, dass die meis­ten Texte sich expli­zit an einen, den Lektor Thorsten Ahrend rich­ten, habe ich jeden­falls mit dem Lesen noch mal von vorn ange­fan­gen und es war anders. Denn es ist doch töd­lich lang­wei­lig, wenn ein Autor nur über ‚den‘ Lektor sin­niert, einen all­ge­mei­nen Lektor, kei­nen aus Fleisch und Blut. Da bleibt alles vage, das muss öde sein. Viel span­nen­der ist es, wenn nicht nur die Persönlichkeit des Autors, son­dern auch die des Lektors auf­scheint, wenn man eine Vorstellung von dem Gegenüber des Autors bekommt. Der Autor hat ’sei­nen‘ Lektor, der Lektor ’sei­nen‘ Autor. Es ist etwas ganz Intimes, und das ver­trägt sich nicht mit einem anony­men Lektor. Finde ich.

Wiederum ver­ste­he ich auch, war­um der Anlass des Buches nicht so groß dekla­riert wird, denn mit einem all­ge­mei­nen Titel und vie­len Autorennamen las­sen sich eben mehr Leser und Neugierige errei­chen. Falsch ist das so nicht, da die Autorinnen und Autoren sich nicht an Thorsten Ahrend klam­mern, son­dern tat­säch­lich eine enor­me Vielfalt an Gedanken über die Zusammenarbeit von Autor und Lektor liefern.

Bringt das Buch jeman­dem etwas, der Lektor wer­den will? Nun ja, natur­ge­mäß erfährt man mehr über den jewei­li­gen Autor. Und dar­über, was ein ‚guter‘ Lektor sei­ner Meinung nach leis­tet, was ihn aus­zeich­net. Wie man ein ‚guter‘ Lektor wird, ist hier nicht das Thema. Und es besteht schon die Gefahr, ange­sichts des Lobs der Lektorkoryphäen zu schrump­fen und sich zu fra­gen: Geht das? Krieg ich das hin? Na, man könn­te es ja auch als Ansporn neh­men! Davon abge­se­hen, dass Thorsten Ahrend häu­fig auf­taucht – wer­den als ‚legen­dä­re‘ Lektoren im Buch tat­säch­lich nur Männer genannt, oder habe ich eine Frau über­se­hen? Helmut Frielinghaus, Christian Döring – gibt es kei­ne gro­ßen Lektorinnen? Lediglich eine nennt Thedel von Wallmoden im Nachwort, die Lyrikerin Elisabeth Borchers, die bei Luchterhand und Suhrkamp arbeitete.

Ich schrieb oben bereits, dass die­se Buch ‚viel‘ ist. Man kann viel mit­neh­men, raus­neh­men. Man kann es weg­le­gen, wie­der zur Hand neh­men. Noch mal lesen. Es wird nicht lang­wei­lig, es beschäf­tigt einen.

Ein paar Appetithappen aus dem Buch:

1. Der Lektor als Hebamme und Kritiker
„Ich brau­che zwei­er­lei: den Lektor, der mir hilft, mei­ne Idee zu ent­wi­ckeln, den, der mich anspornt, der nach­fragt, mir zuhört, mich Fehler machen lässt, das Buch in sei­ner frü­hen Form beglei­tet – und dann den zwei­ten, der mich am Ende des Manuskripts emp­fängt, mit offe­nen Armen, aber eben auch mit jenem froh­lo­cken­den Grinsen: O.K., und jetzt kön­nen wir anfan­gen, an Details zu arbei­ten. Die ers­te Beziehung ist eine sokra­ti­sche. Mein Lektor ist eine Hebamme. Die zwei­te eine kri­ti­sche (…).“ (Matthias Göritz)

2. Ein Lektor – zwei Arten
„Es gibt unter den Lektoren Experten für Plot und Geschichten, und es gibt Experten für Stil.“ (Daniel Kehlmann)

3. Der Lektor als Autor
„Aber zumin­dest müss­te er, um ein guter Leser zu sein, auch selbst schrei­ben, und sei­en es auch nur Kritiken und Essays, in denen er selbst die Maßstäbe ent­wi­ckelt, nach denen er die Manuskripte ande­rer beur­teilt.“ (Peter Hamm)

4. Der Autor als Lernender
„Der Autor lernt etwas über sein Schreiben, am Detail. Sicher war die Grammatik nicht das wich­tigs­te. Was zu ler­nen war: Genauigkeit und Respekt vor den Regeln einer Sprache, die natür­lich auch über Bord gewor­fen wer­den konn­ten, aber nur bei vol­lem Bewußtsein.“ (Lutz Seiler)

5. Mein Lektor, mein Gott
„Jedes Wort mei­nes Lektors lege ich auf die Goldwaage. Nicht nur: was sagt er, son­dern auch: wie sagt er es? Welche Worte benutzt er? Wie betont er sie? Macht er län­ge­re Pausen, wäh­rend er mir etwas zu erklä­ren sucht? Was bedeu­tet das?“ (Kai Weyand)

6. Der Lektor ist schuld
„Häufen sich in einer Neuerscheinung ortho­gra­phi­sche Fehler und sti­lis­ti­sche Schnitzer, dann wird nicht sel­ten dem Lektor die Schuld in die Schuhe gescho­ben: ‚Da hät­te das Lektorat sorg­fäl­ti­ger arbei­ten kön­nen‘, beschwert sich der Rezensent. In Wahrheit hat natür­lich der Legastheniker, der als Verfasser fir­miert, mit immer neu­en Änderungen an sei­nem Manuskript alle Beteiligten in den Wahnsinn getrie­ben.“ (Steffen Jacobs)

Ach, es gibt vie­le Sätze in die­sem Buch, die man sich unter­strei­chen möch­te. Und gleich zwei Texte schei­nen titel­ge­bend für die Anthologie gewe­sen zu sein. So bezeich­net Matthias Göritz das Schreiben als „Seiltanzen über dem Abgrund, Aufbruch ins Unbekannte“. Und Günter Kunert schreibt: „Ich gebe zu: Lektor zu sein gleicht der Tätigkeit des Seiltänzers. Einerseits möch­te er den Autor weder krän­ken noch ver­är­gern, ande­rer­seits sieht er jedoch des­sen Schwächen und sprach­li­che Verirrungen, die er guten Gewissens nicht durch­ge­hen las­sen kann.“ Mit Autor und Lektor tref­fen sich also zwei Seiltänzer, die bes­ten­falls harmonieren.

Aber zurück auf den Boden der Tatsachen. Im Buch geht es um Verlagslektoren. Solche, die einen Autor, eine Autorin über län­ge­re Zeit hin inten­siv betreu­en, die nicht nur das Manuskript erhal­ten und es bear­bei­ten, son­dern dar­über hin­aus Bezugsperson sind. Zu lesen ist von Autor-Lektor-Treffen, bei denen das Manuskript Satz für Satz bespro­chen wird. Ein Traum! Das Lektorat ist aller­dings etwas, das in den meis­ten Verlagen zuneh­mend aus­ge­la­gert und in die Hände frei­er Lektoren über­ge­ben wird. Lässt sich unter die­sen Umständen eine sol­che Beziehung auf­bau­en und halten?

Ach, und ein schö­nes Buch ist „Seiltanz. Der Autor und der Lektor“ auch. Hardcover, Schutzumschlag, liegt gut in der Hand. Ich emp­feh­le es wärms­tens! Und um den Kreis zu schlie­ßen: Das Buch der Bachmann-Preisträgerin Maja Haderlap, „Engel des Vergessens“, hat Thorsten Ahrend lek­to­riert. Natürlich.

 

Seiltanz. Der Autor und der Lektor
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Thedel v. Wallmoden
18,00 Euro
Wallstein Verlag Juli 2010
208 Seiten
ISBN: 978–3‑8353–0741‑4