Zwei Kinder in Indien: „Akhil Kakerlake und Neena Stinkefisch“ von Marie-Thérèse Schins

Dieser Bucheinband ist schön. Erst mal gebun­den, also kein nach­gie­bi­ges Cover, son­dern eines, das man fest anfas­sen kann. Auch kein Papierumschlag drum­her­um, bei dem man sich immer fragt, ob man ihn beim Lesen lie­ber abma­chen soll, obwohl er ja das Buch scho­nen soll und nicht umge­kehrt. Dann natür­lich die Umschlagillustration, die von Birte Müller stammt. So bunt, aber nicht grell, mit vie­len Dingen, die im Buch, in der Geschichte vorkommen.

Unten krab­beln bezie­hungs­wei­se schwim­men eine Kakerlake und ein Fisch durchs Cover und sehen ganz nett aus, doch als Spitzname sind sie nicht gera­de schmei­chel­haft, auch nicht in Indien, wo Neena und Akhil leben – Neena im Fischerdorf Nallipulla, Akhil im Dorf Karutam. Neena ist elf Jahre und nicht auf den Mund gefal­len. Wenn Jungs aus ihrer Klasse sie Neena Stinkefisch nen­nen, „stinkt“ sie zurück. Und auch gegen ihre klei­ne, jedoch wort- und ohr­fei­gen­ge­wal­ti­ge Großmutter, die Ammamma, begehrt sie auf – indem sie „abschal­tet“, wenn die­se laut­hals mit ihr schimpft, oder indem sie der Großmutter, die nicht lesen kann, beim Vorlesen der Zeitung Lügengeschichten erzählt. Neena will schwim­men ler­nen und Muschelpflückerin wer­den, wie ihr Vater, der Achan. Doch in ihrer Gegend im Süden Indiens dür­fen Frauen und Mädchen nicht ins Meer und erst recht nicht dar­in schwimmen.

Akhil ist zehn und schreck­lich ver­liebt in die schö­ne Ambeli aus sei­nem Dorf – die acht Jahre älter ist als er. Heimlich schaut er Bollywoodfilme an und träumt davon, Ambeli zu küs­sen. Dass er für Ambeli schwärmt, merkt aus­ge­rech­net sein Erzfeind Raaji, und der ist es auch, der Akhil eine Kakerlake nennt – eine klei­ne Kakerlake, die nichts weiß.

Auf dem Bucheinband sind meh­re­re Muscheln zu sehen – Muscheln, nach denen Neenas Vater taucht, die Neenas Mutter, die Amma, auf dem Markt ver­kauft, und viel­leicht auch Neenas zwei Muscheln, die ihr Geheimnis sind und die Glück brin­gen sol­len. Neena ist am Strand, als ihr Vater an einem Tag nach Muscheln taucht und dabei schlimm ver­letzt wird, weil Fischer in sei­ner Nähe mit Dynamit fischen. Sie ist nicht vor Angst und Schrecken gelähmt wie ihre Großmutter, son­dern han­delt. Und sitzt schließ­lich bei ihrem Vater im Taxi, das sie in die Stadt Trivandrum ins Krankenhaus brin­gen soll. Als das Taxi unter­wegs einem Bus in die Quere kommt, sehen Neena und Akhil sich zum ers­ten Mal in ihrem Leben: Denn Akhil ist mit sei­ner Familie in die­sem Bus auf dem Weg in die Stadt, um dort den Geburtstag der Mutter zu feiern.

Neena und Akhil begeg­nen sich wie­der. Sie tref­fen bei­de Dr. Elizabeth Koshi, Zahnärztin im Krankenhaus von Trivandrum, die für sie eine wich­ti­ge Rolle spie­len wird. Welche das ist, steht im Buch. Das im Übrigen abso­lut lesens­wert ist. Weil es Indien, das frem­de, so ande­re Land, ein wenig näher­bringt, und das wie im Vorbeigehen, ganz selbst­ver­ständ­lich in die Geschichte inte­griert. Das ist kein rein idyl­li­sches, kein Bilderbuchindien. Von Müll über­all liest man, von hei­li­gen Ratten, Gestank nach Pisse, von Eltern, die für den Lebensunterhalt der Familie sehr hart arbei­ten und für einen klei­nen Geburtstagsausflug in die Stadt jah­re­lang spa­ren müs­sen, von Kindern, deren Familien es sich nicht leis­ten kön­nen, sie län­ger als sechs Jahre zur Schule gehen zu las­sen, vom Leben mit den Tempeln und den Göttern, von Männern, die das weni­ge Geld in Schnaps umset­zen, von indi­schem Essen und Trinken, davon, dass die Eltern der Braut die pom­pö­sen Hochzeiten bezah­len müs­sen, dass die Kinder in der Schule Uniform tra­gen und vie­les mehr. Auch ein paar indi­sche Wörter sind ein­ge­floch­ten: Ammamma, die Großmutter, Achan, der Vater, Amma, die Mutter …

Und lesen­wert ist das Buch auch, weil man zwei Kinder ken­nen­lernt, mit ihren Träumen, Geheimnissen, Plänen. In ihrer Lebenswelt. Nicht so, dass man Mitleid hat, son­dern so, dass man mit­fie­bert und froh ist, wenn am Ende die bei­den zusam­men die Kakerlake und den Stinkefisch able­gen und für sich ande­re Namen fin­den. Das Buch ist ab zehn Jahren – die Kapitel sind kurz, immer im Wechsel geht es ein­mal um Neena, dann um Akhil. Die Sprache ist natür­lich und gar nicht schüch­tern, Marie-Thérèse Schins hat so geschrie­ben, dass man es schnell und gern liest, und die Illustrationen im Buch stam­men auch von ihr. Man merkt, dass die Autorin Indien kennt, mehr als sech­zig Mal war sie schon in dem Land, ist auf einer der letz­ten Buchseiten zu lesen. Sie erzählt nicht nur eine net­te, unter­halt­sa­me Geschichte, son­dern hat was zu sagen. Ein schö­nes, gutes Buch, innen wie außen.

Marie-Thérèse Schins: Akhil Kakerlake und Neena Stinkefisch
ab 10 Jahren
Verlag Freies Geistesleben
ISBN 978–3‑7725–2493‑6
195 Seiten
14,90 Euro

Gerätselt, gewonnen

Ich bin kei­ne Rätseltante – ich neh­me mir lie­ber ein Buch und lese, lese, lese. Wenn aber Ines im Sprachblog ein Rätsel prä­sen­tiert, das Biggi gebaut hat, mach ich natür­lich mit und lass die Hirnzellen tan­zen. „Querdenken“ muss man, wenn man das Lösungswort fin­den will, und so rich­tig leicht war es wirk­lich nicht. Also nix mit Stichworte goo­geln und nur aus­fül­len, nein, man muss tat­säch­lich nach­den­ken. Irgendwie hab ich alles raus­be­kom­men, in letz­ter Sekunde das Lösungswort gemailt – und einen Dudenkalender gewon­nen, der zur Hälfte aus Ines‘ Feder stammt, was alles noch viel net­ter macht. Ich bin zwar froh, dass 2012 noch eine Weile dau­ert, aber ich freu mich schon dar­auf, den Ines-Elke-Kalender auf­zu­hän­gen, noch mal dan­ke dafür. :)

Gewinnen könnt ihr also nichts mehr, aber das Rätsel steht nach wie vor im Blog, das Lösungswort jedoch nicht, und das soll laut Ines auch so blei­ben. Es ist auf jeden Fall ein gutes Gefühl, wenn man das Rätsel geschafft hat, kann ich euch nur emp­feh­len. Hier ist es: das Sprachblog-Rätsel.

Das Buch, das es wert ist?

Gibt es über­haupt noch Leute, die nicht bei Facebook sind? Man mag es kaum glau­ben, aber die gibt es. Mich zum Beispiel. Und wenn man tag­ein, tag­aus viel zu vie­le Stunden am Computer hockt, weil der Job das nun mal ver­langt, aber auch, weil sich hier ein gan­zes Stück Leben abspielt, mit Lieblingsnetzwerk (Texttreff), Herzensblogs, eige­nen Bloggereien usw., hat man manch­mal das Gefühl, die gan­ze Welt sei bei Facebook. Was natür­lich nicht so ist. Aber …

Seit Mittwoch läuft die Abstimmung zu „derneuebuchpreis.de“, der 2011 zum ers­ten Mal ver­ge­ben wur­de. Und zwar an Autoren, die im Selbstverlag publi­zie­ren, in den Kategorien Belletristik, Sachbuch, Wissenschaft, Kunst und Fotografie, Kinder- und Jugendbuch. Eine Chance für die, die (noch) kei­nen Verlag gefun­den haben oder nicht in einem Publikumsverlag ver­öf­fent­li­chen wollen.

Mein Sachbuch-Favorit ist „Hannover per­sön­lich“ von Birte Vogel. Das Buch habe ich im Blog rezen­siert, es ist ein­fach ein wun­der­ba­res Buch – Porträts von vier­zehn Leuten, die in Hannover leben oder gelebt haben. Und Hannover ist völ­lig egal, man muss nichts mit Hannover zu tun haben, um die­ses Buch zu lieben.

Ich wür­de also sofort „Hannover per­sön­lich“ mei­ne Stimme geben und die Daumen drü­cken, dass es den neu­en­buch­preis gewinnt. Doch lei­der bin ich aus­ge­schlos­sen, denn um sei­ne Stimme abge­ben zu kön­nen, muss man bei Facebook regis­triert sein. Verliehen wird derneuebuchpreis.de von Tagesspiegel, ZEIT ONLINE, Stiftung Lesen und epu­b­li. Man darf wohl anneh­men, dass die Macher im Hintergrund sich die Entscheidung für Facebook gut über­legt haben.

Dazu ist auf der Seite zum neu­en­buch­breis Folgendes zu lesen:

„Eine Anmeldung bei Facebook und die Installation unse­rer Facebook-Anwendung derneuebuchpreis.de ist tech­nisch nötig, um Stimmen ein­zel­nen Benutzern zuord­nen zu kön­nen und eine Mehrfachabstimmung zu ver­mei­den. Durch die Verwendung von Facebook erlau­ben wir den ca. 25 Mio deut­schen Facebook-Nutzern eine ein­fa­che Beteiligung und schaf­fen damit die größt­mög­li­che Öffentlichkeitswirkung für unse­re Autoren.“ (Quelle)

Ich kann zwar nach­voll­zie­hen, dass man Klickschummeleien aus­schlie­ßen möch­te. Und dass der Zeitaufwand für alle Beteiligten so gering wie mög­lich gehal­ten wer­den soll. Aber gut – nein, gut fin­de ich das nicht. Und mit Sicherheit hät­te es ande­re Möglichkeiten gege­ben, um eine fai­re Abstimmung hinzubekommen.

Hier fin­det ihr ein Video zur Buchvorstellung von „Hannover per­sön­lich“ am 6. Dezember 2011, zu sehen sind u. a. Birte Vogel und eini­ge der Porträtierten: www.youtube.com. Auf Book2look könnt ihr in das Buch rein­le­sen: www.book2look.de. Und hier wäre dann noch die Abstimmung: www.epubli.de. Seine Stimme kann man bis zum 5. September abge­ben. Aus den jewei­li­gen Top 5 (die mit den meis­ten Stimmen) wählt dann eine Jury die Gewinner.

Nö, ich regis­trie­re mich nicht bei Facebook. Aber das Buch wäre es schon wert …