Unter dem Meer (3): Mr. X

Dies ist die drit­te und letz­te Folge der dies­som­mer­li­chen Reihe „Unter dem Meer“. Nach Sandröhrenaal und Axolotl ist Mr. X dran. Leider war die Etikettierung bzw. Beschilderung der Fische in dem Aquarium nicht die bes­te, sodass man bei man­chen Fischen fröh­lich raten durf­te, um wel­che es sich han­del­te. Bei die­sem hier lag ich falsch, ich hat­te mir einen Namen auf­ge­schrie­ben und ihn dann zu Hause im Netz gesucht. Fehlanzeige. Scroogeln brach­te auch nichts. Deswegen also: Mr. X.

Das ist auch ein fas­zi­nie­ren­der Fisch. Er hält sich in Bodennähe auf, nimmt hin und wie­der eine Ladung Steinchen – oder was auch immer gera­de her­um­liegt – in sein Maul auf, und dann rie­seln sie bei den Kiemenlöchern wie­der her­aus. Zurück bleibt ver­mut­lich das, was der Fisch fut­tert. Man stel­le sich sowas mal an Land vor, am Strand zum Beispiel. Ein Tierchen, das den gan­zen lie­ben lan­gen Tag durch den Sand streift, stän­dig wel­chen frisst und ihn sau­ber wie­der ausspuckt.

Falls jemand weiß, wie Mr. X wirk­lich heißt: Bitte mel­den. Dankeschön.

Ein Loblied auf „Seiltanz. Der Autor und der Lektor“

Fangen wir mit dem Titel an. „Der Autor und der Lektor“, wie irri­tie­rend. Klingt eher nach einem Roman als nach einer Anthologie, schließ­lich gibt es Autoren und Autorinnen, Lektorinnen und Lektoren. Lektorinnen wahr­schein­lich mehr als Lektoren, aber das ist jetzt kei­ne Aussage, auf die ich mich fest­na­geln las­sen wür­de. Das Buch ist 2010 im Wallstein Verlag erschie­nen. 2011 muss ein gutes Jahr für die­sen Verlag sein, denn zum einen fei­ert er das 25. Jahr sei­nes Bestehens und zum andern wur­de die Wallstein-Autorin Maja Haderlap für ihren Roman „Engel des Vergessens“ in Klagenfurt mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis aus­ge­zeich­net, was den Verkaufszahlen mit Sicherheit nicht abträg­lich ist.

Ich habe die­ses Buch schon eine gan­ze Weile bei mir her­um­lie­gen, und zwar nicht, weil ich kei­ne Zeit zum Lesen gehabt hät­te. Es war erst etwas sper­rig, die­ses wei­ße Büchlein mit sei­nen 207 Seiten, das sich eigent­lich ziem­lich schnell lesen lie­ße, wenn es nicht so – viel wäre. Ja, viel, ein bes­se­res Wort fällt mir dafür nicht ein. Die Texte von vier­und­drei­ßig Autoren und elf Autorinnen sind in die­sem Buch ver­sam­melt, in Prosa oder Lyrik haben sie über ihre Arbeit oder ihr Verhältnis zu ihrem Lektor geschrieben.

Was mir fehl­te, war eine Übersicht am Ende des Buches, in der alle Autorinnen und Autoren kurz vor­ge­stellt wer­den, mit eini­gen bio­gra­phi­schen Daten und ihren Werken. Ja, ein Martin Walser ist bekannt, eine Friederike Mayröcker auch, aber bei etli­chen wuss­te zumin­dest ich nicht, um wen es geht. Muss ich also recher­chie­ren, wider die Bequemlichkeit!

Ich hat­te ange­fan­gen zu lesen. Irgendwann merk­te ich, dass ich den Fuß nicht in das Buch bekom­me (sozu­sa­gen) und dass mir ein Steinchen im Mosaik fehlt. Zum Glück fand ich es noch. Das Steinchen hat sogar einen Namen. Es heißt Thorsten Ahrend und ist 2010 fünf­zig Jahre alt gewor­den. Ahrend ist Lektor beim Wallstein Verlag und sein Verleger (und zugleich Herausgeber der Anthologie) Thedel von Wallmoden hat­te aus Anlass die­ses run­den Geburtstages Autorinnen und Autoren gebe­ten, „etwas über ihre sehr per­sön­li­chen Erfahrungen und Eindrücke in der Zusammenarbeit mit einem Lektor mit­zu­tei­len“. Dies steht im Nachwort, das ich tat­säch­lich nicht als Vorwort gele­sen habe, und so fiel mir ledig­lich irgend­wann auf, dass der Namen Thorsten Ahrend in der Anthologie ver­däch­tig häu­fig fiel. Nun weiß ich nicht, wie vie­le Autorinnen und Autoren Thedel von Wallmoden um Auskunft gebe­ten hat­te, aber ver­wun­der­lich ist es nicht, dass sich vor allem die ange­spro­chen gefühlt haben dürf­ten, die ihrem Lektor Thorsten Ahrend ver­bun­den sind.

Ich bin immer noch nicht sicher dar­über, ob es ehr­li­cher gewe­sen wäre, das Buch expli­zit als eine Hommage an den Lektor Thorsten Ahrend aus­zu­wei­sen, gleich zu Beginn, oder ob man es als klei­ne Herausforderung für den Leser sehen soll­te … Nachdem ich erkannt hat­te, dass die meis­ten Texte sich expli­zit an einen, den Lektor Thorsten Ahrend rich­ten, habe ich jeden­falls mit dem Lesen noch mal von vorn ange­fan­gen und es war anders. Denn es ist doch töd­lich lang­wei­lig, wenn ein Autor nur über ‚den‘ Lektor sin­niert, einen all­ge­mei­nen Lektor, kei­nen aus Fleisch und Blut. Da bleibt alles vage, das muss öde sein. Viel span­nen­der ist es, wenn nicht nur die Persönlichkeit des Autors, son­dern auch die des Lektors auf­scheint, wenn man eine Vorstellung von dem Gegenüber des Autors bekommt. Der Autor hat ’sei­nen‘ Lektor, der Lektor ’sei­nen‘ Autor. Es ist etwas ganz Intimes, und das ver­trägt sich nicht mit einem anony­men Lektor. Finde ich.

Wiederum ver­ste­he ich auch, war­um der Anlass des Buches nicht so groß dekla­riert wird, denn mit einem all­ge­mei­nen Titel und vie­len Autorennamen las­sen sich eben mehr Leser und Neugierige errei­chen. Falsch ist das so nicht, da die Autorinnen und Autoren sich nicht an Thorsten Ahrend klam­mern, son­dern tat­säch­lich eine enor­me Vielfalt an Gedanken über die Zusammenarbeit von Autor und Lektor liefern.

Bringt das Buch jeman­dem etwas, der Lektor wer­den will? Nun ja, natur­ge­mäß erfährt man mehr über den jewei­li­gen Autor. Und dar­über, was ein ‚guter‘ Lektor sei­ner Meinung nach leis­tet, was ihn aus­zeich­net. Wie man ein ‚guter‘ Lektor wird, ist hier nicht das Thema. Und es besteht schon die Gefahr, ange­sichts des Lobs der Lektorkoryphäen zu schrump­fen und sich zu fra­gen: Geht das? Krieg ich das hin? Na, man könn­te es ja auch als Ansporn neh­men! Davon abge­se­hen, dass Thorsten Ahrend häu­fig auf­taucht – wer­den als ‚legen­dä­re‘ Lektoren im Buch tat­säch­lich nur Männer genannt, oder habe ich eine Frau über­se­hen? Helmut Frielinghaus, Christian Döring – gibt es kei­ne gro­ßen Lektorinnen? Lediglich eine nennt Thedel von Wallmoden im Nachwort, die Lyrikerin Elisabeth Borchers, die bei Luchterhand und Suhrkamp arbeitete.

Ich schrieb oben bereits, dass die­se Buch ‚viel‘ ist. Man kann viel mit­neh­men, raus­neh­men. Man kann es weg­le­gen, wie­der zur Hand neh­men. Noch mal lesen. Es wird nicht lang­wei­lig, es beschäf­tigt einen.

Ein paar Appetithappen aus dem Buch:

1. Der Lektor als Hebamme und Kritiker
„Ich brau­che zwei­er­lei: den Lektor, der mir hilft, mei­ne Idee zu ent­wi­ckeln, den, der mich anspornt, der nach­fragt, mir zuhört, mich Fehler machen lässt, das Buch in sei­ner frü­hen Form beglei­tet – und dann den zwei­ten, der mich am Ende des Manuskripts emp­fängt, mit offe­nen Armen, aber eben auch mit jenem froh­lo­cken­den Grinsen: O.K., und jetzt kön­nen wir anfan­gen, an Details zu arbei­ten. Die ers­te Beziehung ist eine sokra­ti­sche. Mein Lektor ist eine Hebamme. Die zwei­te eine kri­ti­sche (…).“ (Matthias Göritz)

2. Ein Lektor – zwei Arten
„Es gibt unter den Lektoren Experten für Plot und Geschichten, und es gibt Experten für Stil.“ (Daniel Kehlmann)

3. Der Lektor als Autor
„Aber zumin­dest müss­te er, um ein guter Leser zu sein, auch selbst schrei­ben, und sei­en es auch nur Kritiken und Essays, in denen er selbst die Maßstäbe ent­wi­ckelt, nach denen er die Manuskripte ande­rer beur­teilt.“ (Peter Hamm)

4. Der Autor als Lernender
„Der Autor lernt etwas über sein Schreiben, am Detail. Sicher war die Grammatik nicht das wich­tigs­te. Was zu ler­nen war: Genauigkeit und Respekt vor den Regeln einer Sprache, die natür­lich auch über Bord gewor­fen wer­den konn­ten, aber nur bei vol­lem Bewußtsein.“ (Lutz Seiler)

5. Mein Lektor, mein Gott
„Jedes Wort mei­nes Lektors lege ich auf die Goldwaage. Nicht nur: was sagt er, son­dern auch: wie sagt er es? Welche Worte benutzt er? Wie betont er sie? Macht er län­ge­re Pausen, wäh­rend er mir etwas zu erklä­ren sucht? Was bedeu­tet das?“ (Kai Weyand)

6. Der Lektor ist schuld
„Häufen sich in einer Neuerscheinung ortho­gra­phi­sche Fehler und sti­lis­ti­sche Schnitzer, dann wird nicht sel­ten dem Lektor die Schuld in die Schuhe gescho­ben: ‚Da hät­te das Lektorat sorg­fäl­ti­ger arbei­ten kön­nen‘, beschwert sich der Rezensent. In Wahrheit hat natür­lich der Legastheniker, der als Verfasser fir­miert, mit immer neu­en Änderungen an sei­nem Manuskript alle Beteiligten in den Wahnsinn getrie­ben.“ (Steffen Jacobs)

Ach, es gibt vie­le Sätze in die­sem Buch, die man sich unter­strei­chen möch­te. Und gleich zwei Texte schei­nen titel­ge­bend für die Anthologie gewe­sen zu sein. So bezeich­net Matthias Göritz das Schreiben als „Seiltanzen über dem Abgrund, Aufbruch ins Unbekannte“. Und Günter Kunert schreibt: „Ich gebe zu: Lektor zu sein gleicht der Tätigkeit des Seiltänzers. Einerseits möch­te er den Autor weder krän­ken noch ver­är­gern, ande­rer­seits sieht er jedoch des­sen Schwächen und sprach­li­che Verirrungen, die er guten Gewissens nicht durch­ge­hen las­sen kann.“ Mit Autor und Lektor tref­fen sich also zwei Seiltänzer, die bes­ten­falls harmonieren.

Aber zurück auf den Boden der Tatsachen. Im Buch geht es um Verlagslektoren. Solche, die einen Autor, eine Autorin über län­ge­re Zeit hin inten­siv betreu­en, die nicht nur das Manuskript erhal­ten und es bear­bei­ten, son­dern dar­über hin­aus Bezugsperson sind. Zu lesen ist von Autor-Lektor-Treffen, bei denen das Manuskript Satz für Satz bespro­chen wird. Ein Traum! Das Lektorat ist aller­dings etwas, das in den meis­ten Verlagen zuneh­mend aus­ge­la­gert und in die Hände frei­er Lektoren über­ge­ben wird. Lässt sich unter die­sen Umständen eine sol­che Beziehung auf­bau­en und halten?

Ach, und ein schö­nes Buch ist „Seiltanz. Der Autor und der Lektor“ auch. Hardcover, Schutzumschlag, liegt gut in der Hand. Ich emp­feh­le es wärms­tens! Und um den Kreis zu schlie­ßen: Das Buch der Bachmann-Preisträgerin Maja Haderlap, „Engel des Vergessens“, hat Thorsten Ahrend lek­to­riert. Natürlich.

 

Seiltanz. Der Autor und der Lektor
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Thedel v. Wallmoden
18,00 Euro
Wallstein Verlag Juli 2010
208 Seiten
ISBN: 978–3‑8353–0741‑4

Unter dem Meer (2): der Axolotl

Manche Tiere sind schon komisch, beson­ders Fische. Dachte ich mir so, als ich den Axolotl sah. Der hat den Körper eines Fisches, läuft aber auf vier Beinen, die so gar nicht zum Körper zu gehö­ren schei­nen. Da müss­ten doch Flossen sein!

Doch der Axolotl ist ein Schwanzlurch aus der Familie der Querzahnmolche, steht in der Wikipedia. Klingt toll, sagt mir aber nicht viel. Wobei man mit einem Lurch ja schon was anfan­gen kann: vier Beine und ein Schwanz. Der Salamander ist ein Lurch.

Der Axolotl in die­sem Aquarium blieb hin­ter der Deko und hielt also sei­nen Schwanz bedeckt. Wenn der irgend­wie abhan­den kommt, wächst er wohl wie­der nach. So wie die ande­ren Glieder und sogar Organe. Wegen die­ser Eigenschaft wird gern an dem Axolotl geforscht. Armer Kerl, beson­ders die hel­len sehen ja wirk­lich zum Erbarmen aus: der Nacktmull unter den Lurchen. Ein Produkt der Züchter, eigent­lich sind Axolotl wohl eher dunkel.

Und, na ja, der Axolotl hat es ja letz­tes Jahr in die Bestsellerlisten geschafft: mit Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“. Ob in dem Buch tat­säch­lich ein Axolotl-Schwanzlurch vor­kommt, weiß ich nicht, ich hab es nicht gelesen.

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