„Du wachst auf, und dein Leben ist weg“ von Max Rinneberg

Max Rinneberg ist sieb­zehn, als er auf einer Steintreppe stürzt, mit dem Kopf auf­schlägt und bewusst­los wird. Im Krankenhaus wacht er auf, und sein Leben ist weg. Er erkennt nichts und nie­man­den mehr aus sei­nem Leben vor dem Sturz. Er erkennt sei­ne Eltern nicht, auch nicht sei­ne Schwester, sei­ne Freunde, ande­re Verwandte. Die Wohnung, in der er mit sei­ner Familie leb­te, ist ihm fremd und neu. Alte Hobbys, die Kleidung im Schrank, sein Job – die Erinnerungen dar­an sind weg. Weg ist all das, was ihn vor­her aus­ge­macht hat.

Dennoch kommt er klar, muss nicht bei null anfan­gen. Er kann noch lesen und schrei­ben, ver­steht sei­ne Umwelt und kann die Dinge benen­nen. Im Vorwort des Buches wird das so zusam­men­ge­fasst: „Das pro­ze­du­ra­le Gedächtnis als Hort der Fähigkeiten und der Großteil der Wissenssysteme haben nur leich­ten Schaden genom­men. Aber das bio­gra­fisch-epi­so­dische Gedächtnis, das Archiv der per­sön­li­chen Lebensgeschichte, scheint kom­plett gelöscht.“

Als Ausgangspunkt für einen Roman oder einen Film mag das super sein, was könn­te man sich da nicht alles aus­den­ken. Aber wenn so etwas wirk­lich pas­siert, was ist dann? Das erzählt Max Rinneberg rund zehn Jahre nach dem Gedächtnisverlust in sei­nem Buch unauf­ge­regt, aber fes­selnd: Wie er sich von dem alten, ver­schwun­de­nen Leben löst und sein neu­es Leben Stück für Stück auf­baut. Wie er mit sei­ner „unbe­kann­ten“ Familie klar­kommt, inwie­fern Ärzte ihm auf sei­nem Weg hel­fen kön­nen, ob sei­ne Hobbys die­sel­ben sind wie frü­her, wie es mit Beziehungen und sei­nem Berufsleben aus­sieht usw.

Interessant wäre noch gewe­sen, Stimmen aus sei­ner Umgebung zu lesen: Wie gehen zum Beispiel Familie und Freunde damit um, dass der Mensch, den sie lan­ge Jahre bzw. ein Leben lang kann­ten, sie nicht mehr kennt und nicht mehr der ist und wie­der wird, der er mal war? Aber das klingt auch schon im Buch aus der Sicht des Autors an – und ist wahr­schein­lich eine ande­re, eige­ne Geschichte …

Max Rinneberg mit Ulrich Beckers: Du wachst auf, und dein Leben ist weg. Die Geschichte mei­nes Gedächtnisverlusts
232 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
Patmos 2017
ISBN: 978–3‑8436–0873‑2
20 Euro

Sam Usher: „Regen“

Einfach nur „Regen“ ist der Titel die­ses Bilderbuchs, und Regen gibt es auch gleich auf dem Cover, nicht nur zum Anschauen, son­dern sogar zum Fühlen: Die Tropfen (und das Wort „Regen“) sind erha­ben, immer wie­der anfas­sen und drü­ber­strei­chen möch­te man. Wenn man das Buch auf­schlägt, wird auf den gro­ßen Seiten mit viel Regen – von Tropfen bis Bindfäden – eine unkom­pli­zier­te klei­ne Geschichte erzählt.

Es reg­net hef­tig, doch ein Junge, der bei sei­nem Opa ist, möch­te trotz­dem raus. Er erklärt sei­nem Opa, was man bei Regen alles Schönes machen kann, doch sein Opa will war­ten, bis es auf­hört zu reg­nen. Als ein Brief kommt, setzt sich der Opa sofort hin, um ihn zu beant­wor­ten. Der Junge schaut indes­sen zum Fenster raus in den Regen und außer­dem ver­schie­de­ne Bilderbücher an, unter ande­rem eins über den Karneval in Venedig. Als der Opa mit dem Brief fer­tig ist, geht er end­lich mit raus, zufäl­lig hat es kurz auf­ge­hört zu reg­nen. Und der Weg zum Briefkasten wird eine klei­ne (vene­zia­ni­sche) Fantasiereise, nicht in Worten, aber in Bildern.

Die Bilder sind sehr schön, irgend­wie „typisch eng­lisch“, sie erin­nern vom Stil her an Quentin Blake und ein paar Dinge kann man auch als „eng­lisch“ iden­ti­fi­zie­ren, das Haus, den Briefkasten und den Toasthalter zum Beispiel. In man­chen Draußen-Bildern pas­siert nicht viel mehr als dass es Bindfäden reg­net und das Wasser steigt, span­nend sind die Spiegelwelten, die der Regen zau­bert. Die Spielsachen des Jungen, die man in sei­nem Zimmer sieht, tau­chen spä­ter in den Fantasiebildern wie­der auf.

Während ich die Bilder also pri­ma fin­de, über­zeugt die Geschichte mich nicht so rich­tig. Der Opa, der erst raus­ge­hen will, wenn es auf­hört zu reg­nen, nervt. Der Junge beschäf­tigt sich, solan­ge sie drin­nen war­ten, die gan­ze Zeit selbst, was schon sehr erstaun­lich ist. Und die Fantasiereise könn­te „orga­ni­scher“ in die Geschichte ein­ge­baut sein … Aber egal, letzt­end­lich kommt es auf die Bilder an, und die kann man ein­fach genie­ßen. Bis zum nächs­ten Regen!

Sam Usher: Regen
Aus dem Englischen von Meike Blatnik
Lektorat: Christiane Lawall
40 Seiten
ab 4 Jahren
annet­te betz 2017
ISBN: 978–3‑219–11727‑1
14,95 Euro

Kate Frey: „Cat Deal. Die Kunst zu stehlen“

Cat lebt in London, ist sech­zehn, Waise und Diebin. Keine Taschendiebin, son­dern ein-zwei Nummern grö­ßer: Sie steigt gezielt in Gebäude ein, knackt Tresore und bringt die Ware dann ihrer Hehlerin. Das macht sie stets allein, abge­se­hen von Simon, ihrer Ratte. Ja, eine Ratte, die bei Cat im Hausboot wohnt und alles zu ver­ste­hen scheint, was Cat sagt, aber reden kann sie immer­hin nicht.

Als ein Bruch schief­geht, hat Cat ein Problem, und auch sonst wird ihr Leben auf ein­mal ziem­lich auf den Kopf gestellt: Der rei­che eng­li­sche Adlige Lord Peter will sie als Diebin in sein Kunstraub-Team holen und sie trifft einen Jungen, der sie nicht kalt­lässt. Zudem ste­hen in der Schule Prüfungen an und Cat weiß nicht, wie es danach wei­ter­geht, College oder nicht?

Das sind ja schon mal gute Zutaten für eine kurz­wei­li­ge Story, aber, Überraschung: „Cat Deal“ bie­tet mehr. So will Lord Peter die Kunstwerke nicht für sich oder zu Geld machen, son­dern – nun ja, das ver­ra­te ich jetzt nicht. Fand ich jeden­falls eine gute Idee, und sie ver­leiht der Geschichte etwas Tiefe. Interessante Infos sind außer­dem ein­ge­baut zu ganz ver­schie­de­nen Themen, zum Beispiel Einbrechen, Kunstmarkt, Beutekunst, Darknet, Selbstverteidigung für Frauen … Und das meist so, dass es locker rüberkommt.

Falls ich hier Sternchen ver­ge­ben wür­de, bekä­me „Cat Deal“ ziem­lich vie­le, aber nicht alle, da das ein oder ande­re etwas schwä­cher umge­setzt ist als der Rest, und das Ende fand ich eine Spur zu abrupt, auf ein­mal stand da: „to be con­tin­ued“. Ja, eine Sache wird im Buch schon ordent­lich ange­teasert, doch die Lösung gibt’s (wahr­schein­lich) erst im nächs­ten Band. Um noch mal auf die vie­len Sternchen zurück­zu­kom­men: Ich hat­te eine net­te, ein­fach nur unter­halt­sa­me Story erwar­tet und war dann ange­nehm über­rascht – von der Heldin, dem Erzählstil, den Inhalten, den Infos … Im Großen und Ganzen also: ein pri­ma Buch.

Kate Frey: Cat Deal. Die Kunst zu stehlen
Lektorat: Emily Huggins
320 Seiten
ab 12 Jahren
ueber­reu­ter 2017
ISBN: 978–3‑7641–7066‑0
14,95 Euro